// science fiction //

Artikel und News

Andreas Eschbach über Spinrads »Transformation«

Die Transformation


Norman Spinrad
DIE TRANSFORMATION
(HE WALKED AMONG US)
Heyne-Verlag
06/6149

Dies ist ein Roman der Selbstbezüglichkeiten. Etwa wenn etwa eine der Hauptfiguren, der desillusionierte SF-Autor Dexter Lampkin, sich erinnert, wie er auf Cons seinem Kollegen Norman Spinrad begegnet ist. Oder wenn er Erlebnisse, die dieser ihm erzählt hat, als seine eigenen ausgibt. Oder wenn der Titel von Lampkins gescheitertem »Opus Magnum« identisch ist mit dem des Romans, den man in Händen hält – ein Gag, den allerdings der deutsche Verlag der Sache hinzugefügt hat; der Originaltitel trifft das Thema des Buches weitaus besser.

Ich habe diesen Roman mit Vergnügen gelesen, was ich beileibe von den wenigsten Romanen zu sagen bereit bin. Trotz des ungeheuren Umfangs saugt er sich gut weg und ist gekonnt erzählt. Am stärksten, anbei bemerkt, fand ich die Episoden um den unaufhaltsam scheinenden Abstieg des “Crack-Mädchen”, mit ihrer zunehmend zerfallenden Sprache so packend geschildert, daß sie mich teilweise in meine Träume hinein verfolgten. Ein Lob an den Übersetzer Horst Pukallus! Die Schilderungen der Auswüchse des SF-Fandoms sind mal lustig, mal tun sie weh, auf jeden Fall zeigen sie die ambivalente Haltung (man könnte auch sagen “Haßliebe”) Spinrads diesem Phänomen gegenüber. Kurzum, es war ein zum Nachdenken anregendes und dabei äußerst unterhaltsames Buch.

So unterhaltsam, daß ich erst ungefähr nach Zweidrittel des Romans gemerkt habe, was daran faul ist. Was für ein fundamentaler Denkfehler in dem Buch steckt. Nämlich: Es geht darin um nichts weniger als die Zukunft der Erde – ABER DER ROMAN SPIELT AUSSCHLIESSLICH IN DEN USA. DER REST DER WELT KOMMT ÜBERHAUPT NICHT DARIN VOR, UND DAS MIT ERSCHRECKENDER SELBSTVERSTÄNDLICHKEIT.

Als mir das bewußt wurde, mußte ich das Buch erst mal weglegen. Dann mußte ich zurückblättern, weil ich nicht glauben mochte, daß einem Autor, der zwar Amerikaner ist, aber immerhin seit über einem Jahrzehnt in Paris lebt, ein solcher Faux pas unterlaufen ist. Aber es ist so. Aus der Sicht dieses Romans ist Amerika die Welt. Die Welt erstreckt sich zwischen Los Angeles und New York, Punkt. Was es sonst noch geben mag, ist Fußnote, bestenfalls.

Das führt dazu, daß ganze Kapitel voller tiefschürfend wirkender Überlegungen, ganze Handlungsstränge absurd werden, weil der Rest des Planeten ausgeblendet bleibt. Über Hunderte von Seiten geht es etwa um die Frage, ob und wie das kollektive Unterbewußtsein davon beeinflußt wird, daß ein Unheilsprophet aus einer dystopischen Zukunft in einer Spätabend-Talkshow seine Warnungen hinausposaunt – völlig außer Acht lassend, daß 99,99% der Menschheit von dieser Talkshow niemals etwas erfahren werden. Auch die Umweltzerstörung bleibt im Rahmen der Erzählung weitgehend Hirngespinst; abgesehen davon, daß an einer Stelle mal eine der Figuren kurz von heißem, stinkendem Smog angeweht wird, spielt ein großer Teil der Szenen in der Bergwelt der Rocky Mountains, die in einem Maß heil, menschenleer und unberührt ist, wie wir uns das hierzulande kaum vorstellen können. Allzu vieles, was in der Geschichte im Habitus des Globalen, Allgemeingültigen daherkommt, ist in Wirklichkeit inneramerikanische Angelegenheit.

Was mich darüber nachdenken ließ, inwieweit gerade die Tatsache dieses Mankos eine bedeutsame Aussage über den Zustand der Welt darstellt. Wie sollen die Probleme der Welt bewältigt werden, wenn diese Welt im Bewußtsein von Angehörigen der Nation, die die größte Macht auf diesem Planeten darstellt – einfach nicht vorkommt?

Bemerkenswert immerhin das: Zweifellos ist dieser Roman Spinrads Versuch, die Zukunft zu retten. Und wie alle Romane mit ähnlichem Anliegen zeigt er, daß dies nur über eine Bewußtseinsveränderung gelingen kann.

Und in gewisser Weise und im Kontext dieses Romans ist diese Schlußfolgerung auch wieder eine beinahe amüsante Selbstbezüglichkeit.

Wie ist der Roman zu bewerten? Offen gestanden: Ich weiß es nicht. Es gelang mir, weiterzulesen, und ich fand das Ende bewegend, aber ich zögere, ihn wirklich als Meisterwerk zu empfehlen. Er ist wie ein prachtvolles Schiff, dessen Rumpf leider ein Riesenleck hat: immer noch prachtvoll anzuschauen, leider aber nicht seetüchtig.

Andreas Eschbach, Juni 2002


Andreas Eschbach, geboren 1959 in Ulm, studierte Luft-und Raumfahrttechnik und arbeitete zunächst als Softwareentwickler. Als Stipendiat der Arno-Schmidt-Stiftung »für schriftstellerisch hochbegabten Nachwuchs« schrieb er seinen ersten Roman »Die Haarteppichknüpfer«, der 1995 erschien und mit dem renommierten Literaturpreis des SFCD e.V. ausgezeichnet wurde. Bekannt wurde er durch den Thriller »Jesus Video«, der in der Taschenbuchausgabe monatelang an der Spitze aller Bestsellerlisten stand. Der Autor lebt als freier Schriftsteller in Frankreich.






Ähnliche Artikel:

  1. Norman Spinrad – Die Transformation Wilhelm Heyne Verlag, TB 06/6149 Originalausgabe Titel des Manuskripts: »He walked among us« aus dem...
  2. Andreas Eschbach – Das Marsprojekt Arena Verlag Würzburg, Originalausgabe Titelbild von Thomas Thiemeyer Würzburg, Februar 2001, 24.80 DM, 318 Seiten...
  3. Andreas Eschbach – Quest Wilhelm Heyne Verlag, TB 06/8300, Originalausgabe Titelbild und Innenillustrationen von Thomas Thiemeyer München, Mai 2001,...
  4. Andreas Eschbach – Jesus Video Schneekluth Verlag, Hardcover ISBN 3-7951-1625-2 Originalausgabe Umschlagkonzept ? München August 1998, 44.00 DM, 610 Seiten...
  5. »Quest«: Ein Interview mit Andreas Eschbach »Space Opera« – bei diesem Begriff denkt man an waffenstarrende Raumschiffe, die das Sternenmeer durchfliegen,...

RSS SF-Forum: Buch

  • Buch • Re: Autor, Herausgeber oder Leser? 4. Februar 2012
    a3kHH hat geschrieben:Beverly hat geschrieben:Wobei die Option "Kritiker" fehlt. Ist hier jemand, der sich im Unterschied zum "Nur-Leser" als "kritiker" versteht? D. h. er oder sie schreibt Rezensionen, beschäftigt sich intensiv mit bestimmten Themen und Autoren und liest zwecks Kritik auch Bücher, die nicht unterhaltsam sind.Ic […]
    Beverly
  • Buch • Re: Autor, Herausgeber oder Leser? 4. Februar 2012
    Ich lese Bücher und deshalb bin ich in den entsprechenden Foren ab und zu unterwegs!lotharStatistik: Verfasst von valgard — Heute 06:06 […]
    valgard
  • Buch • Re: Autor, Herausgeber oder Leser? 3. Februar 2012
    Hier angemeldet habe ich mich, weil Florian das phantastisch! Forum eingerichtet hat. Also als Herausgeber.Heute bin ich immer noch hier, weil ich ein User bin. Also Leser, Gucker, was auch immer..., aber nicht mehr als Herausgeber, obwohl ich schon immer noch ein waches Auge auf das phantastisch! Forum habe.Statistik: Verfasst von achimh — Heute 00:20 […]
    achimh
  • Buch • Re: Autor, Herausgeber oder Leser? 3. Februar 2012
    jeamy hat geschrieben:ich bin auch eher leser; nicht nur sf, sondern ich stöbere auch gerne mal in anderen abteilungen (horror, thriller, ...) und "verarbeite" viele (populär)wissenschaftliche texte und bücher (die dann in geschichten eingebaut werden - die inhalte;)).frankh hat geschrieben:Deshalb habe ich "Autor" angegeben, zumal ich mi […]
    agro
  • Buch • Re: Autor, Herausgeber oder Leser? 3. Februar 2012
    ich bin auch eher leser; nicht nur sf, sondern ich stöbere auch gerne mal in anderen abteilungen (horror, thriller, ...) und "verarbeite" viele (populär)wissenschaftliche texte und bücher (die dann in geschichten eingebaut werden - die inhalte;)).frankh hat geschrieben:Deshalb habe ich "Autor" angegeben, zumal ich mir vorgenommen habe, zu […]
    jeamy
  • Buch • Re: Autor, Herausgeber oder Leser? 3. Februar 2012
    Beverly hat geschrieben:Wobei die Option "Kritiker" fehlt. Ist hier jemand, der sich im Unterschied zum "Nur-Leser" als "kritiker" versteht? D. h. er oder sie schreibt Rezensionen, beschäftigt sich intensiv mit bestimmten Themen und Autoren und liest zwecks Kritik auch Bücher, die nicht unterhaltsam sind.Ich sehe mich insofern a […]
    a3kHH
  • Buch • Re: Autor, Herausgeber oder Leser? 3. Februar 2012
    Doop hat geschrieben:Leser. Ich muss die Welt nicht mit schlechter Literatur verstören.irgendwer muss das auch lesenfrankh hat geschrieben:Ich muß zugeben, daß ich außer im Urlaub kaum zum Lesen komme. Mehr als ein Dutzend Bücher lese ich nicht im Jahr und davon ist höchstens ein Drittel SF.Viel mehr als ein Dutzend Bücher sind es bei mir auch nicht. Wenn üb […]
    Beverly
  • Buch • Re: Autor, Herausgeber oder Leser? 3. Februar 2012
    Ich muß zugeben, daß ich außer im Urlaub kaum zum Lesen komme. Mehr als ein Dutzend Bücher lese ich nicht im Jahr und davon ist höchstens ein Drittel SF. Deshalb habe ich "Autor" angegeben, zumal ich mir vorgenommen habe, zukünftig wenigstens ein Buch im Jahr fertigzubekommen.FrankStatistik: Verfasst von frankh — Gestern 21:52 […]
    frankh
  • Buch • Re: Autor, Herausgeber oder Leser? 3. Februar 2012
    Ich bin reiner Leser, die künstlerischen Fähigkeiten eines Autors gehen mir vollkommen ab. Deshalb bewundere ich bis zu einem gewissem Grad auch Kreative wie Uschi Zietsch oder Andreas Eschbach.L.N. Muhr hat geschrieben:Ja, gut: HIER bin ich natürlich auch nur privat. Ich mach ja auch kaum Werbung für meine Sachen (sollte ich vllt.) hier.???Hubaaa ?Soll heis […]
    a3kHH
  • Buch • Re: Der "Liest zur Zeit" Thread 3. Februar 2012
    Oliver hat geschrieben:Ich habe jetzt gut ein Viertel von Alastair Reynolds neuem Roman "Blue Remembered Earth" durch.Ich hoffe, der erscheint möglichst bald auf deutsch. Am besten noch dieses Jahr. Oder weiß schon jemand etwas über einen möglichen Erscheinungstermin?Statistik: Verfasst von bukaman — Gestern 19:05 […]
    bukaman
49 queries. 0,979 seconds.