Am Samstag, dem 4. Juni 2005, wurde im Rahmen des
SFCD-Jubiläums-Cons in Trautheim bei Darmstadt bereits zum 21. Mal der
»Deutsche Science Fiction Preis« (ehemals SFCD-Literaturpreis)
verliehen.
Mit dem »Deutschen Science Fiction Preis« würdigt der Science Fiction
Club Deutschland e.V. (gegr. 1955) den besten deutschsprachigen Roman
und die beste deutschsprachige Kurzgeschichte des Vorjahres im
Genre.
Der Preis ist mit je 1000 Euro pro Sparte dotiert und damit die
einzige derartige Auszeichnung für phantastische Literatur in
Deutschland. Die Gewinner erhalten außerdem in diesem Jahr erstmals
eine von Andreas Eschbach
(Autor von »Jesus Video«) gestiftete Medaille.
Der Deutsche Science Fiction Preis wird von einem Preiskomitee
vergeben, daß alle relevanten Neuerscheinungen des Vorjahres erfaßt und
liest. Nach einer Nominierungsrunde, auf der in diesem Jahr sechs
Romane und neun Kurzgeschichten landeten, entschied sich das diesmal
aus neun Mitgliedern bestehende Preiskomitee für folgende Gewinner:
Bester Roman
»Der Schwarm« von Frank Schätzing
Verlag Kiepenheuer & Witsch
Beste Kurzgeschichte
»Die Asche des Paradieses« von Karl Michael Armer
in: »Der Atem Gottes (Visionen 2004)«, Shayol-Verlag
Leider war Frank Schätzing zur Preisverleihung
verhindert, doch Karl Michael Armer nahm den DSFP persönlich entgegen
und zeigte sich äußerst erfreut über die Auszeichnung.
Laudatio auf »Der Schwarm«:
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Die Welt gerät aus den Fugen – nicht nur in den
Köpfen einiger Wissenschaftler, die mit seltsamen Naturphänomenen
konfrontiert werden, sondern letzten Endes im Kopf jedes
Erdenbewohners. Aber der Autor beläßt es nicht dabei, ein Weltbild zu
zertrümmern, er zieht seinen Protagonisten im wahrsten Sinne des Wortes
den Boden unter den Füßen weg, und auch der Leser fühlt sich bisweilen
im Geiste auf eine Achterbahn versetzt.
Nun leben wir wahrlich nicht in katastrophenarmen Zeiten – natur- wie
hausgemachten. Mit immer besseren Sonden finden wir heraus, was die
Welt und das Weltall im Innersten zusammenhält. Nach einer Katastrophe
erkennen wir so immer besser, warum es manchmal doch nicht
funktioniert. Und doch gibt es auf unserem Heimatplaneten Regionen,
über die wir selbst nach Jahrhunderten des Forschens und Erkundens
weniger wissen als über unsere Nachbarplaneten oder das das Zentrum
unserer Galaxis.
Ausreichend Raum also für Spekulationen und Gedankenspiele, und trotz
der mehr als tausend Romanseiten platzt die Handlung fast aus den
Nähten. Eine Schar von Forschern, Politikern und Militärs versucht
gemeinsam, bisweilen auch gegeneinander, die Ursachen für Attacken der
Tierwelt gegen zunächst einzelne Menschen zu ergründen, und was mit
einem unscheinbaren Borstenwurm beginnt, weitet sich zur Konfrontation
mit einem Lebewesen aus, das zwar seit Jahrmillionen mit uns einen
Planeten teilt, aber in einer anderen Welt lebt und vor allem denkt.
Frank Schätzing hat eine Menge Zeit und Recherche in dieses Buch
investiert, wer aber einen reinen Wissenschaftsroman erwartet hat, wird
angenehm enttäuscht. Die handelnden und bisweilen arg gebeutelten
Personen wachsen dem Leser durch ihre gekonnte Charakterisierung im
Laufe der Handlung ans Herz, selbst Protagonisten mit negativen Zügen
gewinnt man Respekt ab und versteht ihre Motivationen. Wem an den
wissenschaftlichen Aspekten nicht viel gelegen ist, der bekommt einen
Thriller geboten, der ihn von der ersten bis zur letzten Seite fesselt,
wer das Buch aber als Science Fiction liest, weiß anschließend ein
gutes Stück mehr über Meeresbiologie, Tiefseeforschung, Chemie und
Geologie, aber auch über ein Wesen, das diesen Planeten seit geraumer
Zeit zu beherrschen glaubt – uns selbst.
Dem Autor ist es in hervorragender Weise gelungen, einen Roman zu
verfassen, in dem wissenschaftliche Erkenntnisse durch glaubwürdige
Charaktere vermittelt werden, eingebettet in eine spannende, in sich
schlüssige Handlung. Aus diesen Gründen zeichnet das Komitee dieses
Werk mit dem Deutschen Science Fiction Preis 2005 für den besten Roman
des vergangenen Jahres aus.
Thomas Recktenwald – für das Preiskomitee, Mai 2005
Laudatio auf »Die Asche des Paradieses«:
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Karl Michael Armer bei der Preisverleihung
(Foto: © Markus Wolf)
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»Was wäre geschehen, wenn die Inquisition
Atomwaffen gehabt hätte?« Es ist eine beunruhigende Frage, die sich
Oberst Sikorski da mitten in Karl Michael Armers Erzählung stellt.
Hätten die kirchlichen Richter, um ihren Glauben zu schützen und ihre
Vorstellung von Gottes Willen zu erfüllen, damals tatsächlich diese
Waffen benutzt? Was wäre, wenn die Kreuzfahrer Maschinengewehre und
Panzer eingesetzt hätten, um ihren Heiligen Krieg gegen die Ungläubigen
zu führen? Dies sind Gedankenspiele, die wir nur zu gern vermeiden.
Doch wurden wir nicht in den letzten Jahren immer wieder mit Bildern
konfrontiert, die einen glauben machen könnten, daß der nächste
Glaubenskrieg längst begonnen hat? Aufnahmen vom Word Trade Center,
aber auch solche aus Afghanistan oder dem Irak. Karl Michael Armer
greift diesen Gedanken auf. Was, wenn sich die Terroristen nicht auf
einen Nadelstich beschränken, sondern mit geschickten Bio- und
Nuklearattacken gleich die komplette USA von der Landkarte der
zivilisierten Länder wischen? Wie würden wir reagieren, wenn ein
Anschlag den Vatikan mitsamt dem Papst und seinem Hofstaat auslöschen
würde?
Sikorski, der Held von Armers Kurzgeschichte, wird als Soldat in eben
dieses Szenario geworfen. Mit seinem Trupp polnischer Glaubenskrieger
erleidet er den Alptraum des von der Kirche geforderten, gnadenlosen
Krieges gegen die Heiden. In schrecklichen, eindringlichen Bildern
erleben wir als Leser so das Ende jeglicher Menschlichkeit, die der
Krieg für alle Menschen, die mit ihm konfrontiert werden, bedeutet.
Zwar überlebt Sikorski seine Kampfeinsätze und wird vom Soldaten zum
Oberst in der Armee, doch er beginnt zu zweifeln. Kann dieser
unnachgiebige Kampf gegen die Ungläubigen wirklich Gottes Wille sein?
Zweifel, die seine Befehlshaber, die Kirchenfürsten, nicht kennen. Doch
zum Ende gipfelt alles in einem Gedanken: »Einer muss den Frieden
anfangen, so wie einer den Krieg anfängt« …
Gute Science Fiction ist keine Fluchtliteratur, sondern sie stellt
beängstigende Fragen: Was wäre wenn…? Karl Michael Armer greift in »Die
Asche des Paradieses« bewußt ein aktuelles Thema auf und führt den
Gedanken weiter. Sind sie wirklich so unwahrscheinlich, diese modernen
Gotteskrieger des Abendlandes, die im Namen Christi Ungläubige ermorden
und Greueltaten begehen?
»Die Asche des Paradieses« erschüttert uns mit einfachen Schilderungen
des Krieges. Kurze Momente der Hoffnung, die an die Geburt Christi und
die Unschuld im Paradies erinnern und jedesmal zerstört werden. Diese
Kurzgeschichte zeigt mit wenigen Worten mehr von der Wirklichkeit des
Krieges, als es anderen Autoren in ganzen Zyklen gelingt. Und das alles
in einer ausdrucksstarken Prosa, die uns keine andere Wahl läßt, als
weiter zu lesen und auf eine Erlösung zu hoffen.
Mit dieser Erzählung, die von einem leidenschaftlichen Pazifismus
geprägt ist, feiert Karl Michael Armer ein erfolgreiches Comeback, und
es ist dem Komitee des Deutschen Science Fiction Preises eine große
Ehre ihn dafür auszuzeichnen zu dürfen. Wir wünschen dem Autor alles
Gute für die Zukunft und hoffen auf viele weitere Bereicherungen zur
deutschen Science Fiction!
Dr. Florian Breitsameter – für das Preiskomitee, Mai 2005
Ansprechpartner für alle Themen und Fragen rund um den Deutschen
Science Fiction Preis ist der Vorsitzende des Literaturpreiskomitees
Andreas Nordiek.
Deutscher Science Fiction Preis (DSFP)
c/o Andreas Nordiek
Ernst-Lemmer-Straße 11
26131 Oldenburg
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Club Deutschland e.V. (SFCD e.V.) ist die 1. Vorsitzende Birgit Fischer.
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Science Fiction Club Deutschland e.V.
http://www.sfcd-online.de/
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