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Filmkritik

Filmkritik: »The Thing« (2011) – Mehr »Alien« als »Ding«

Kinoposter The ThingEinsam durchstreift ein Husky das endlose Weiß der Antarktis. Durchbrochen von zerklüfteten Felsen und dem Blau der Gletscher scheint der Hund auf der Suche nach Etwas zu sein, als am Himmel ein Hubschrauber auftaucht und das Tier unter Beschuss nimmt.
Kennern ist längst klar, dass hier der eine Film sein Ende nimmt und der andere seinen Anfang und so kommt nach fast 30 Jahren nun auch John Carpenters THE THING aus dem Jahr 1982 (das wiederum ein Remake der 1951er Verfilmung von Christian Nyby ist) in den Genuss eines Prequels.
Und auch in der 2011er Produktion findet eine norwegische Forschergruppe in der Antarktis ein abgestürztes Raumschiff mit dem dazugehörigen – in Eis gefrorenen – Piloten welcher zu weiteren Untersuchungen in die Forschungsstation gebracht wird. Zu Beginn noch fasziniert von der Tatsache nicht alleine im Universum zu sein, stellen die Wissenschaftler fest, dass ihr Mitbringsel nach 100.000 Jahren nicht nur höchst lebendig, sondern auch im gleichen Maße feindselig ist. Schnell wird festgestellt, dass der Besucher in der Lage ist, organisches Material zu imitieren und bald ist unklar wer von dem fremden Organismus befallen ist.



Klingt bekannt, denn obwohl THE THING (2011) eigentlich ein Prequel sein soll, hat es aufgrund des nahezu identischen Settings und der Story mehr den Charakter eines Remakes.
Dominierte im 1980er Film eine »all-american-male-Crew« so ist die Gruppe in der 2011er Version internationaler und vielfältiger. Ob das emanzipatorische Absicht war lässt sich bezweifeln, es wird vielmehr ein Zugeständnis an den US-Kinomarkt gewesen sein, denn klar ist, dass ein ausschließlich norwegisch sprechendes Forschungsteam beim amerikanischen Publikum undenkbar ist und ein solcher Film vermutlich nie einen Finanzier gefunden hätte.
Aus diesem Grund werden vom norwegischen Forscher Dr. Sander Halvorson (Ulrich Thomson) die amerikanischen Wissenschafter Kate Lloyd (Mary Elizabeth Windstead) und Adman Finch (Eric Christian Olsen) von amerikanischen Helikopterpiloten eingeflogen und schon ist Englisch beinahe während des ganzen Films die Hauptsprache.
Für Regisseur Matthijs van Heijningen Jr. ist THE THING sein erster Langfilm und auch wenn der Film nicht unspannend ist, so fehlen ihm doch die beklemmende Atmosphäre und die diffuse Bedrohung die – in Kombination mit den Goreeffekten – Carpenters Film aus dem Jahr 1982 so wirkungsvoll machen.
Zum einen ist die Kreatur, die wie eine Mischung diverser Monster aus HELLRAISER und STARSHIP TROOPERS wirkt, nach der ersten Filmstunde fast dauerhaft präsent und jagt entweder die Forscher oder wird von diesen gejagt, zum anderen arbeitet Heijningen mit Schockmomenten, die nicht neu sind und allzu oft fühlt man sich an die Filme aus dem ALIEN-Universum erinnert. Vom ersten gewalttätigem Auftauchen des Wesens im Schnee, über die Jagd durch die dunklen, flackernden Gänge der Station bis hin zum Showdown im Raumschiff mit der Wissenschaftlerin Kate, die nicht nur optisch wie eine junge Ellen Ripley agiert. Dass abgetrennte Hände mit Spinnenbeinen zu einer Art ALIEN Facehugger mutieren oder an die rabiate Hand aus EVIL DEAD 2 erinnern, lässt dann eher ein Schmunzeln als ein Schaudern aufkommen.

Trotzdem bewahrt Van Heijningen die Kontinuität und ergänzt mit einigen interessanten neuen Ideen wie z.B. die Unterscheidung zwischen Außerirdischem und Mensch. So versucht Kate eine Identifikation anhand von Zahnplomben, da das Ding nur biologisches Material kopieren kann. Dumm nur, wenn manche Forscher Zahnhygiene sehr konsequent betreiben oder Füllungen aus Porzellan haben.
Die Darstellerriege besteht aus etablierten nordeuropäischen Darstellern und Vertretern aus dem anglo-amerikanischen Raum, die durchwegs glaubwürdig sind. Allen voran Ulrich Thomsen, der die unter der Oberfläche brodelnde Besessenheit seines Charakters akkurat und zurückgenommen spielt oder Kristofer Hivju, dem man den nordischen Polarforscher jederzeit abnimmt. Mary Elizabeth Windstead ähnelt nicht nur äußerlich der jungen Sigourney Weaver aus ALIEN und war vielleicht als Hommage an Ellen Ripley geplant. Was jedoch in vielen ähnlichen Filmen aus dem Genre aufgesetzt und konstruiert wirkt, ist hier die große Überraschung. Der Charakter von Kate ist schlüssig und funktioniert.
Als Prequel spielt die Handlung konsequenterweise auch im Jahr 1982 was jedoch aufgrund der Ausstattung und des Kostümbild nicht notwendigerweise erkennbar ist. Natürlich fehlen Flatscreens, Handys oder Tablets, aber die Darsteller sind zum Teil alle etwas zu hübsch, Frisuren und Bärte etwas zu gestylt und die Farben zu unstimmig, um authentisches 80er Flair zu generieren.
Trickmäßig sind die Kreaturszenen von den FX Altmeistern Tom Woodruff und Alec Gills mithilfe von Animatronic und CGI umgesetzt worden. Doch auch wenn die animatronischen Szenen funktionieren, so enttäuschen die CGI Sequenzen – die sofort als solche identifizierbar sind – umso mehr und bezeugen somit auch die Qualität der fast 30 Jahre alten analogen Effekte von Rob Bottin aus Carpenters Verfilmung. Dass die überholt wirkende CGI am eher mageren Budget von $38 Millionen für einen Film dieser Größenordnung liegt, mag eine Erklärung dafür sein.

Doch was bleibt nun nach 103 Minuten in der antarktischen Kälte? Man erfährt nicht viel Neues, denn auch wenn man aufgrund von Carpenters Film erahnen kann was in der norwegischen Station passiert ist, so hätte man sich doch die eine oder andere Information zum außerirdischen Besucher gewünscht. Wie schon in den anderen Verfilmungen bleibt die Absicht des fremden Besuchers im Dunklen. Es wird nie geklärt, ob das Alien die Erde assimilieren oder einfach nur wie E.T. (s.u.) »nach Hause« möchte und die Menschen lediglich als niedere Lebensform und Mittel zum Zweck sieht.

Im Vergleich mit der 1982er Verfilmung verliert die 2011er Version deutlich und als eigenständiger Film bleibt Sci-Fi-Horror Durchschnittskost für Genrefans, die zwar für einen spannenden Kinoabend ausreicht, jedoch in keiner Weise aus der Masse hervorsticht oder dauerhaft im Gedächtnis bleibt.
Max Krausmann



Anmerkung:
E.T. startete 2 Wochen vor Carpenters Version am 11. Juni 1982 (wie Ridley Scotts BLADE RUNNER).
Der kommerzielle Misserfolg von THE THING wurde auch mit der optimistischen (und demagogisch kommerziell besser verwertbaren) Darstellung des Außerirdischen begründet, die die Zuschauer in Scharen zu E.T. ins Kino lockte.
Startwochenende: ET: $12,610,610; Gesamt USA: $ 359,197,037 (ohne Re-Issues)
Startwochenende: THE THING (1982): $3,107,897 – Gesamt USA: $ 19,629,760

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Discussion

2 Responses to “Filmkritik: »The Thing« (2011) – Mehr »Alien« als »Ding«”

  1. Nur ein kleiner Kommentar zu dieser Kritik: Ich kenne den Film selber nicht, aber Keramik ist natuerlich auch anorganisch, genauso wie grosse Teile der Zaehne und Knochen auch.

    Posted by Werner Spahl | 20. März 2014, 16:36
  2. Danke für dein Feedback, das war missverständlich formuliert. Gemeint war damit eigentlich “nicht biologisches” Material, ev. kann es der Admin korrigieren.

    Posted by Max K. | 23. März 2014, 20:31

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