// science fiction //

Rezensionen

China Miéville – King Rat

King Rat

Tor Books, ISBN 0-312-89072-9
Originalausgabe
Titeldesign von ?
Oktober 2000, $14.95, 320 Seiten

London – brodelnde Hauptstadt des britischen Weltreichs, Anziehungspunkt von Millionen Touristen, Weltfinanzzentrum und Heimat einer besonderen Unter-/Oberwelt. China Miévilles Erstling KING RAT reiht sich in eine ganze Reihe von faszinierenden Romanen über London ein.

Zum dritten Mal ist das Thema einer geheimen Gesellschaft in unserer Zeit außerhalb des Bewußtseins der Millionen in der Stadt lebenden Menschen Grundlage eines vielversprechenden Debüts: Christopher Fowlers »Über den Dächern von London« (ROOFWORLD) siedelte seine Protagonisten nicht ganz im Himmel, aber in den oberen Ebenen der Hochhäuser an. An Stahlseilen glitten sie unerkannt von den Menschen zwischen den dunklen Molochen dahin. Einige Jahr später folgte ihm der schon als Comicautor sehr erfolgreiche Neil Gaiman mit »Niemandsland« (Neverwhere). Durch geheime Türen gelangen die Eingeweihten in eine skurille magische Welt. Iain Sinclairs LIGHTS OUT FOR THE TERRITORY und Michael Moorcocks MOTHER LONDON zeichnen ein modernes, aber auch gleichzeitig fremdartiges Bild der britischen Hauptstadt. In beiden Romanen fehlen die klassischen Phantastikelemente, aber gleichwohl ist das ganze Umfeld fremdartig bezaubernd. Michael de Larrabites THE BORRIBLES ist eine düstere Geschichte für Kinder, die im anderen London spielt, während Peter Ackroyd eine dicke Biographie über London geschrieben hat, in deren Mittelpunkt DIE STADT steht, ohne daß der Text trocken und geschichtsträchtig ist.

China Miéville hat sein Leben lang in London gelebt. Also war es klar, daß sein erster Roman in dieser Stadt angesiedelt wurde. Erst mit einiger Reife hat er in PERDIDO STREET STATION seine eigene Welt erschaffen. Sechs Jahre lang hat er verschiedene Kurzgeschichten an Magazine wie INTERZONE gesandt und nur Ablehnungsbriefe gesammelt. Sei früher Jugend hat er sich für phantastische Literatur, Rollenspiele und Monster interessiert. Da seine Eltern sich früh getrennt haben, ist er in der typischen Isolation einer kleinen Familie mit einer arbeitenden Mutter aufgewachsen. Miéville bot KING RAT insgesamt vier Agenten an, von denen drei das Buch als zu befremdlich ablehnten. Nach insgesamt acht Monaten fand sich mit PAN auch ein Verlag, der den Roman veröffentlichte.

Ursprünglich wollte Miéville einen in London spielenden Werwolfroman schreiben, doch im Laufe der Arbeit gewann die Stadt mehr und mehr die Oberhand und der Werwolf trat in den Hintergrund . Schließlich funktionierte die Handlung nicht mehr und er reaktivierte KING RAT, eine Figur, die er als Achtzehnjähriger in einem Comic gezeichnet hatte. KING RAT ist halbmenschlich und eine Halbe Ratte. Er lebt seit vielen Jahrhunderten. Im Mittelalter beherrschten seine Untergebenen und er die Stadt Hameln, bis der berühmte Rattenfänger sie aus der Stadt vertrieb. In der ursprünglichen Comicversion kam der Rattenfänger nicht vor. KING RAT beginnt mit der Rückkehr Sauls nach London. Eine eindrucksvolle Bahnfahrt, die aus den früheren Jugenderinnerungen Mievielles stammt, der mit seiner Mutter zwischen den Schornsteinen und einer Eisenbahntrasse wohnte. Ohne mit seinem Vater zu sprechen schläft er sich in dessen Wohnung aus und wird am nächsten Morgen von der Polizei geweckt. Sein Vater wurde aus dem Fenster gestürzt und er scheint der einzige Verdächtige zu sein. Er wird ins Gefängnis gebracht und dort verhört. Plötzlich steht eine dunkle Gestalt vor seine Zelle und befreit ihn. In den Abwasserkanälen der Stadt stellt sich sein Befreier als KING RAT vor, sein Onkel, der Saul vor dem grausamen Flötenspieler retten will, der anscheinend nach seinem Leben trachtet und mehr aus Versehen Sauls Vater ermordet hat. Erst im Laufe der folgenden Tage und ihrer Ereignisse wird Saul erkennen müssen, daß die Wahrheit nicht immer die ganze Wahrheit ist und weder Mensch noch Ratte in dieser dunklen Phantasie etwas anderes möchte als die eigenen Vorteile auszubauen. Der Flötenspieler tötet auf grausame Weise Sauls Freunde, bis er auf Natasha trifft, eine junge Musikerin, die es ihm ermöglicht, seine Musik mit Hilfe der digitalen Technik in die ganze Welt zu transportieren.

Saul ist hin und her gerissen, denn er möchte zum einen den Einfluß des verlogenen Rattenkönigs zurückdrängen und zum anderen den Flötenspieler nicht den Sieg zuspielen, denn er erinnert sich an das Schicksal der Hameler Kinder…

PERDIDO STREET STATION wird von der Architektur dieser großartigen Stadt beherrscht, während KING RAT von der Rockmusik beeinflußt wird. Schnelle Hardrock oder Punkstücke wären ideal zur Begleitung der Lektüre. Das Cover und der Klappentext suggerieren einen Horror-Roman, aber KING RAT lehnt sich mehr an die klassischen Weird Fiction-Geschichten an, die Lovecraft, Clarke Ashton Smith oder insbesondere William Hope Hodgson vor vielen Jahren schrieben, gewürzt mit einem gehörigen Schuß politischer (linker) Anspielungen. Mit wenigen knappen Beschreibungen schafft Miéville um den Hauptcharakter Saul (Nomen est Omen) herum eine bedrohliche, fremdartige Atmosphäre ohne die heutige Zeit zu verlassen. Ein Polizist, der mit der Aufklärung der verschiedenen grausamen Morde beauftragt ist, holt den Leser immer wieder aus der Scheinwelt der Ratten ans Tageslicht (aber eines sehr bewölkten Tages) zurück. Saul selbst gewöhnt sich sehr schnell an seine neuen Fähigkeiten, die nur tief in ihm geruht hatten, bis der Rattenkönig sie weckte und die alte Sage ist sehr schön in den Fluß der Handlung eingebaut. Die politischen Anspielungen wirken allerdings zum Ende sehr aufgesetzt und im Epilog versucht der Autor diese Welle ein bißchen zu glätten. Außer dem Rattenkönig, den Flötenspieler und Saul leiden die anderen Figuren an leichter Blutarmut, keiner der anderen Protagonisten ist sonderlich tiefgehend gezeichnet, eine Schwäche, die in PERDIDO STREET STATION komplett beseitigt wird. Dort erfährt der Leser fast schon zuviel über die selbst kleinsten Nebendarsteller und darum bleibt hier beim Leser das Gefühl zurück, einen guten Thriller ohne Tiefgang gelesen zu haben. Er fühlt nur sehr wenig mit den Figuren und die teilweise sehr brutalen Morde gehen nicht unter die Haut, sondern werden als notwendige Beimischung zur Handlung akzeptiert.

Stilistisch wenig anspruchsvoll, fast schön spröde knapp, aber mit guten Dialogen gewürzt, präsentiert sich das Buch als sehr guter Erstlingsroman, sehr lesenswert, aber nur in wenigen Szenen offenbart sich die spätere Vielseitigkeit, mit der Miéville seine Stadt baut.

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