Filmkritik: »Robocop« (2014)

Robocop Kinoposter2028 ist die Erde noch eine Spur ungemütlicher geworden. Gewalt dominiert den Globus, Konflikte, Kriege und Ausschreitungen überziehen die Kontinente. Das Leid des einen ist jedoch das Wohl des anderen, denn mit Krieg und Waffen lassen sich nun mal gute Geschäfte machen. Im Falle von Robocop ist das die Omnicorp Cooperation, die zur Wiederherstellung der öffentlichen Ordnung oder „Befriedung“ von ehemaligen Diktaturen auf die Hilfe firmeneigener Kampfroboter und Drohnen zurückgreift. Dieses lukrative Geschäft ließe sich um einige hundert Milliarden Dollar steigern, wenn man die Maschinen auch am heimischen Markt einsetzen dürfte. Dieser Einsatz wird jedoch vom öffentlich unterstützen Dreyfuß Act verhindert, der die Verwendung im amerikanischen Inland verbietet. Um diesen Beschluss zu umgehen, plant Omnicorp CEO Raymond Sellar (Michael Keaton) mit Hife seines führenden Wissenschaftlers Dr. Dennett Norton (Gary Oldman) die Konstruktion eines Cyborgs, da ein solcher – so die Vermutung des Konzernchefs und dessen PR-Abteilung – das heimische Wahlvolk umstimmen und den Dreyfuß Act zu Fall bringen könnte.

Als der engagierte Polizist Alex Murphy (Joel Kinnaman) bei einem Einsatz schwer verletzt wird, sieht Omnicorp seine Chance für die Entwicklung eines Prototyps gekommen. Nachdem sich die neu geschaffene Kreation – halb Mensch, halb Maschine – letztendlich mit ihrem Schicksal arrangiert hat, soll der menschliche Anteil zwecks besserer Kontrolle und Effizienzmaximierung auch schon wieder minimiert werden. Von da an ist Murphy mehr Robo als Cop, folgt seinen Eigentümern auf Knopfdruck und Omnicorps politische Absichten scheinen von Erfolg gekrönt zu sein. Allzulang lassen sich Murphys Emotionen allerdings nicht unterdrücken und als dieser seine Programmierung überwindet und in Eigenregie die Umstände seines Todes aufdeckt, wird der in Ungnade gefallene Held zur Last für den Rüstungskonzern.

Aus Mangel an neuen Ideen muss die Filmwirtschaft auch 2014 wieder einmal einen Griff ins eigene Archiv machen und nachdem in den letzen Jahren mehrere Superhelden, Space Operas und Monster ihr Remake, Prequel oder Reboot bekommen haben, so bedient sich Hollywood – 27 Jahre nach Paul Verhoevens Originalfilm – diesmal am Robocop-Franchise, das mit drei Fortsetzungen, Fernsehserien, Comics und Videospielen ein überaus einträgliches Geschäft für die Produzenten war.

Erste Hinweise auf ein Remake gab es von Sony bereits 2005, doch die Produktion wurde mehrfach verschoben. MGM hatte finanzielle Schwierigkeiten, zwischen dem Studio und dem ursprünglich vorgesehen Regisseur Darren Aronofsky kam es zu kreativen Unstimmigkeiten und lange war unklar, ob der Film in 2D oder 3D gedreht werden sollte. Den Zuschlag erhielt letztendlich der Brasilianer José Padilha, der mit TROPA DE ELITE 1+2 zwei künstlerisch und kommerziell äußerst erfolgreiche Filme realisierte und mit ROBOCOP nun sein US-Debüt abliefert.

Die Hauptrolle, für die unter anderem Russel Crowe und Michael Fassbender im Gespräch waren, ging an den schwedisch-amerikanischen Darsteller Joel Kinnaman, für den – nachdem er die Hauptrollen für THOR und MAD MAX 4 nicht erhielt – dies seine erste US-Produktion ist. Kinnaman ist zwar hübsch anzusehen, wirkt aber nicht nur aufgrund seines Teints etwas blass. Fairerweise muss man sagen, dass ein Ganzkörperkostüm, dass lediglich die Mundpartie und eine Hand freilässt, die darstellerischen Fähigkeiten eines jeden Schauspielers eingeschränkt hätte.
Als macht- und geldbesessener Omnicorp CEO gefällt Michael Keaton, der zu Beginn mit Turnschuhen und V-Pulli noch beinahe symphatisch wirkt und Gary Oldman ergänzt als Oberwissenschaftler die Filmgeschichte mit einer weiteren ambivalenten Dr. Frankenstein Figur, die zwischen Pflichterfüllung und Integrität zerissen ist. Auch die Nebendarsteller sind durchwegs gut besetzt, wie zB Jackie Earle Haley, der als Omnicorp Waffenexperte Maddox den Cyborg zunächst trainiert und später diesen jagt.
Dauerhaft im Gedächtnis bleibt jedoch Samuel L. Jackson, der die Darstellung des ultrakonservativen Nachrichtensprechers – mit Hilfe einer grau-lila Perücke, an der auch Liberace Gefallen gefunden hätte – sichtlich genießt.

Die Herausforderung für Regisseur José Padilha war groß, denn Paul Verhoevens ROBOCOP gehört nicht umsonst zu einem der prägenden Science Fiction Filme der 80er Jahre mit einer dementsprechenden Fangemeinde, die aufgrund der ganzen Probleme im Enstehungsprozess ernste Bedenken gegen die Neuverfilmung hatte. Sauer aufstoßen dürfte manchen auch die FSK-12-Einstufung, da der Originalfilm aufgrund der gezeigten Brutalität jahrelang nur in stark gekürzten Fassungen zu sehen war (Robocop steht nach einer Neuprüfung als ungeschnittene Fassung auf BluRay zur Verfügung,
jedoch nach wie vor mit einer FSK-18-Einstufung) und die Anhängerschaft ein glattgebügeltes Teenagervehikel befürchtete.

Zugegeben, Blut und (sichtbare) Brutalität gibt es in der neuen Version kaum zu sehen, was aber nicht weiter stört, denn Action – zum Teil in (eher überflüssiger) Ego-Shooter Manier – gibt es auch bei José Padilha mehr als genug. Trotzdem stellt sich die Frage, ob das kreative Absicht der Regie war oder vielmehr (bei Produktionskosten von $100 Millionen) einem vermeintlich kommerziell einträglicherem Rating geschuldet wurde. Gerade Letzeres kann sich natürlich auch als Eigentor erweisen, da es gut möglich ist, dass die niedrige Altersfreigabe potentielle Zuschauer vom Kinobesuch abhält.
Trotzdem ist der neue ROBOCOP kein tumbes 08/15 Hollywoodmovie, das sich ausschließlich auf Action verlässt, denn Systemkritik ist nach wie vor vorhanden. Auch lässt sich der Film Zeit, denn Robocop in Action gibt es erst nach der Hälfte zu sehen, was den Schauspielern die Möglichkeit gibt, ihre Charaktere zu entwicklen und die moralische Mensch-zu-Maschine Frage zu stellen.

War Verhoevens Distopie eigentlich ein intelligentes Science-Fiction B-Movie mit einem A-Movie Budget, so ist die neue Version von Anfang mehr als geradliniger Blockbuster angelegt. Die Gesellschaftskritk fällt etwas schwächer und weniger satirisch aus, was aber nicht unbedingt der Regie zuzuschreiben ist, sondern vielmehr der Realität, denn was 1987 noch eine negative Utopie war, ist 2014 bereits vielfach Wirklichkeit geworden. Ausufernde Videoüberwachung, der Kampfeinsatz von Drohnen, ultrakonservative Fernsehsender, multinationale Konzerne, die im Fahrwasser eines ungezügelten Turbokaptialismus der Politik die Richtung vorgeben, sind mittlerweile Teil unserer Wirklichkeit. Die Bösewichte vom Drogendealer bis zum Managing Director sind zwar noch immer widerlich, wirken im Vergleich zu den 80ern aber beinahe normal, was daran liegen mag, dass diese dank Internet und globaler Berichterstattung mittlerweile allgegenwärtig und von Alaska bis Zaire in den Köpfen der Menschen verankert sind.

Vom Gesamtlook scheint der Film mehr in der Gegenwart als in der Zukunft angesiedelt zu sein und José Padilhas Stadtentwurf von Detroit City orientiert sich mehr an einer normalen amerikanischen Großstadt, als an einem Moloch. Die Special Effecs sind state-of-the-art und auch Robocop musste sich einem Facelifting unterziehen; so bewegt sich dieser nun wesentlich geschmeidiger in einer schwarzen chitinpanzerartigen Rüstung.
Für Nostalgiker gibt es das bombastische Main-Theme von Basil Poledouris, zu Beginn den original metallischen Anzug und natürlich noch ED 209, den Kampfroboter der 1987 noch etwas ungeschickt mit Stop-Motion animiert durchs Bild wackelte.

Ob Zufall, bewusste Entlehnung oder Hommage, ROBOCOP erinnert in manchen Sequenzen sehr deutlich an andere Filme aus dem Sci-Fi Universum. Bösewicht Maddox könnte in seinem Endoskelett Harnisch ohne weiteres in ELYSIUM (2013) mitspielen, genauso wie Charlie Sheen in INTERCEPTOR (1986) als kleiner Bruder von Robocop durchginge und als der Cyborg das erste Mal zusammen montiert wird, evoziert das nahezu identische Bilder der Borg Queen in einer Folge von STAR TREK: VOYAGER.

Der modernisierte Robocop braucht sich vor Verhoevens Original nicht zu verstecken und bietet eine gelungene Neuinterpretation des Themas. Ob die Resonanz dann ähnlich gespalten ausfallen wird wie beim STAR TREK Reboot wird sich noch zeigen.

Max Krausmann