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»Humans and Human Aliens« – Ein Gespräch mit James White (1993)

Man könnte den Nordiren James White vielleicht am besten als einen der bodenständigen Handwerker der SF beschreiben. Seit 40 Jahren schreibt er solide, unspektakuläre SF.
James White ist kein Autor der Preise für seine Arbeit gewonnen hat (lediglich sein Kurzroman »Second Ending« wurde 1963 für den Hugo nominiert, konnte sich aber nicht gegen die Konkurrenz durchsetzen), aber gleichzeitig hat er auch nie einen bestimmten Qualitätsstandard unterschritten. Nicht ohne Grund galt er in den späten fünfziger Jahren und den Sechzigern als einer der beliebtesten Autoren des britischen Magazins New Worlds.

Seine bekanntestes Werk ist die Sector General-Serie, die sich über mehr als 30 Jahre und (bald) 10 Bände erstreckt. In Sector General beschreibt White die Abenteuer der Ärzte eines riesigen Hospitals im Weltall, dessen Personal und Patienten sich aus den Angehörigen hunderter von verschiedenen Rassen zusammensetzt.
Einige der frühen Bände erschienen in Deutschland bereits vor Jahren als Terra Taschenbücher und bei Ullstein, allerdings in stark gekürzten und verstümmelten Übersetzungen. Jetzt erscheinen die ersten acht Sector Generalbände unter dem Titel »Orbit Hospital« bei Heyne ungekürzt und in neuer Übersetzung.
Frank Borsch sprach mit dem Autor am 25.03.93 in seinem Haus in Portstewart.


Mr. White, stimmt es, daß Ted Carnell, der Herausgeber von New Worlds, die erste Sector General-Story nur akzeptierte weil er unbedingt ein 17.000 Wörter großes Loch in der nächsten Ausgabe stopfen mußte?

Ja, Lan Wright hatte eine Story versprochen und wurde krank. Ted Carnell sagte die erste SG-Story wäre wie ein Science Fiction »Emergency Ward 10«. Das war eine Schwarzweissserie die damals im britischen Fernsehen lief. Nicht gerade schmeichelhaft.
Damals sollte es nicht mehr als die Idee für eine einzelne Kurzgeschichte über ein Krankenhaus der Zukunft sein, in dem sowohl Aliens als auch Menschen behandelt werden.
Anscheinend gefiel es den Lesern, denn Ted Carnell wollte noch eine Story… und noch eine… und noch eine. Die ersten fünf wurden in dem Band »Hospital Station« (SG #1, 1962) zusammengefaßt, der von Ballantine verlegt wurde. Das hätte eigentlich das Ende der Serie sein sollen, als ich plötzlich die Idee für den Roman »Field Hospital« bekam. Das Krankenhaus wurde in einen Krieg verwickelt. Ich erweiterte den Roman durch die Hinzunahme einer weiteren Story zu Star Surgeon, dem zweiten SG-Band. Die Story, die ich am Anfang hinzufügte, handelte von einem Alien, der krank ist, aber auf keine Behandlung anspricht. Das führt zu Meinungsverschiedenheiten unter den Medizinern. Die SG-Mediziner versuchen ihn von etwas zu heilen, was sie als Krankheit ansehen, aber in Wirklichkeit lebt im Inneren des Alien eine intelligente Lebensform, die selbst ein Mediziner ist und versucht seinen Körper am Laufen zu halten.

Zu dieser Zeit hatte Ted Carnell New Worlds verlassen aber er wollte, daß ich weiter SG-Bücher für seine neue Taschenbuchserie »New Writings in SF« schrieb. Auf diese Weise entstanden die nächsten fünf SG-Stories, die zusammen den Band »Major Operation« bildeten. »Major Operation« sollte wirklich der letzte Band sein. Es war die James White SG-Trilogie. Ich dachte, daß wäre das Ende.

Orbit Hospital 1 bis 5, (c) Heyne Verlag

Aber sie haben nicht nur SG-Stories geschrieben…

Nein. Dazwischen schrieb ich andere Romane: »The Watch Below« (1966), »All Judgement Fled« (1968), »Tomorrow Is Too Far« (1971) und »Dark Inferno« (1972).
Aber ich schrieb einen Roman, »Underkill«, den ich Ballantine schickte und sie sagten es wäre eine fürchterliche Geschichte, in der Bedeutung wie es im Wörterbuch steht. Nicht fürchterlich schlecht, sondern einfach fürchterlich. Die Charakterisierung wäre sehr gut, auch der Plot und alles andere, aber es wäre einfach nicht die Art von Geschichte die man von James White erwarte.
Damals erreichten die Unruhen in Belfast ihren Höhepunkt. Wir lebten in dem berüchtigten Stadtteil Andersonstown. Was um uns herum vorging, machte mich sehr wütend. Niemand wollte, daß es geschah, aber eine kleine Anzahl von Unversöhnlichen auf beiden Seiten hielten den Konflikt am Leben. Deshalb schrieb ich »Underkill«, das auf einem besonders üblen Wochenende in Andersonstown basiert.

Judy-Lynn Del Rey fragte mich stattdessen, ob ich nicht noch eine weitere SG-Story schreiben könnte. Ich dachte, daß ich mehr oder weniger alle Dinge abgedeckt hatte, die in SG passieren können. Dann kam mir der Gedanke daß ich zurück zu den Anfängen gehen könnte, mit Ärzten, die Patienten in Notfallsituationen behandeln.
Ich arbeitete die Idee einer speziellen Ambulanz aus, die havarierten Raumschiffen oder wo auch sonst immer eine Katastrophe passierte, zu Hilfe eilen würden. Statt im Krankenhaus zu arbeiten mußte Conway mit beschränkten Mitteln auskommen: einem kleinem Team und einer Ambulanz. Vier Stories mit diesem Hintergrund wurden zu »Ambulance Ship« zusammengestellt (SG #4, 1979), und wurden mit weiteren vier Stories fortgesetzt, »Sector General« (SG #5, 1983). Chronologisch gesehen ging ich mit SG #5 einen Schritt zurück weil die erste Story des Buches, »Accident«, in der Zeit vor der Gründung des Krankenhauses spielt und erzählt wie die Idee zum Bau des Krankenhauses überhaupt aufkam.
Das war’s. Zwischendrin reichte ich hin und wieder andere Geschichten ein, aber Judy-Lynn wollte immer noch mehr SG. Ich schrieb also »Star Healer« (SG #6, 1985) und sagte ihr, daß dieses mal endgültig Schluß wäre, da jeder der älteren Charaktere in »Star Healer« das Ende seiner medizinischen Laufbahn erreicht hatte und alle glücklich und zufrieden bis an das Ende ihrer Tage leben würden. Damit wäre die Serie erfolgreich zu Ende geführt.
Judy-Lynn sagte: »Oh, das ist schön!«
Das Jahr danach fragte sie mich: »Vielleicht könnten wir über einen weiteren SG-Band nachdenken? Könntest du vielleicht zeitlich etwas zurückgehen?«
Nun, es gab keine Lücken, die ich hätte füllen können. Ich dachte, daß die Leser es müde waren von Conway, Prilicla und den anderen Charakteren zu hören. Deshalb änderte ich den Blickwinkel im nächsten Band und zeigte das Krankenhaus aus der Sicht von jemandem, der ganz unten anfängt, wie eine Schwesternschülerin.
Ich ließ eine extraterrestrische Schwesternschülerin mit einer sehr eigenen medizinischen Ethik auftreten, und beschrieb ihre Abenteuer, als sie sich nach und nach einlebt und dabei in immer neue Schwierigkeiten gerät. Der Roman hieß »Code Blue Emergency« (SG #7, 1987) in den USA.
Ballantine gefiel er sehr und sie fragten mich: »Können sie das noch einmal machen?«

SG #8 war aber ganz anders, nicht?

Ja. In »The Genocidal Healer« (SG #8, 1992) stellte ich zum erstenmal einen Arzt vor, dem der Prozeß wegen Fahrlässigkeit gemacht wurde. Die ersten Kapitel schildern ein Kriegsgericht. Der Arzt hatte eine Katastrophe auf einem Planeten ausgelöst, als er versuchte eine Spezies zu heilen, die einander rasch auslöschten.
Angesichts der Lage glaubte er nicht warten zu können und benutzte ein unerprobtes Medikament. Womit er beinahe die gesamte Bevölkerung des Planeten auslöschte. Aus diesem Grund wurde er vor Gericht gestellt. Er ist eine Art medizinischer Perfektionist, sehr pflichtbewußt, und will Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit in diesem Fall ist seiner Meinung nach, daß sie ihn für seine Tat hinrichten. Schließlich kommt er nach SG, wo sie ihn natürlich nicht hinrichten wollen. Stattdessen versucht O’Mara, der Chefpsychologe, ihn zu rehabilitieren. Aber sie erlauben ihm nicht seinen Beruf auszuüben. Stattdessen versucht er den Patienten zu helfen indem er mit ihnen spricht. Jeder weiß, was er getan hat, und wie schlecht er sich fühlen muß.

Wenn man im Krankenhaus ist, trifft man immer irgend jemandem, dem es schlechter geht als einem selbst. Es scheint selbstsüchtig, aber man scheint davon zu profitieren, wenn man mit jemandem spricht, dem es noch schlechter geht als einem selbst. Man fühlt sich hinterher etwas besser. Es stellt sich heraus, daß er die Art von Person ist, mit dem die Leute gerne reden um ihre Sorgen abzuladen.

Übrigens, in »The Genocidal Healer« erwähne ich, ebenfalls zum erstenmal in der Serie, die Tatsache, daß Leute sterben können. Er muß sowohl mit unheilbar Kranken als auch geistig verwirrten Patienten umgehen. Ich habe auch das Thema Religion ins Spiel gebracht.

Das klingt viel ernster als die übrigen Bände.

Oh ja. Es berührt Themen wie Euthanasie und alle möglichen Dinge. Ich glaube sogar, daß es der beste SG-Band ist, den ich je geschrieben habe.

Wurde der Roman positiv aufgenommen?

Er wurde in den USA sehr positiv aufgenommen, aber leider in Großbritannien nicht veröffentlicht. Ein Kritiker von Locus meinte, daß die Nebeneinanderstellung von pangalaktischer Religion und SF sehr unbehaglich wäre. Aber das war die einzige schlechte Kritik. Viele Leser schrieben mir persönlich, wie sehr sie den Roman mochten und daß sie überhaupt nicht bemerkt hätten, wieviel Theologie und Philosophie sie nebenbei gelernt hatten. Das war sehr schmeichelhaft.

Um den Patienten zu helfen muß der Arzt alle Aufzeichnungen über die verschiedenen planetaren Religionen studieren. Wenn er also mit einem geistig Verwirrten spricht, kann er religiösen Trost spenden. Aber ich machte niemals deutlich an was, wenn überhaupt an etwas, er selbst glaubt.
Wenn man so etwas macht, wird man auch ständig in gundlegende Auseinandersetzungen verwickelt. Die Kranken stellen sich Fragen wie etwa: »Warum bin ich krank oder sterbe sogar?«, oder »Ich habe nichts getan, um das zu verdienen!«, oder »Mit was spielt Gott herum?«. Es ist ein sehr tiefschürfendes Buch.

Spielt dabei auch ihre persönliche Erfahrung mit ihrer eigenen Krankheit und der ihrer Frau eine Rolle?

James White, (c) Frank Borsch

Nein, obwohl meine Frau seit sieben oder acht Jahren schwer krank ist. Aber davor arbeitete sie als Krankenschwester in der Intensivstation des Royal Victoria Hospitals in Belfast, das während der Unruhen genau in der Schußlinie lag. Sie erzählte manchmal, daß Leute, denen es wirklich schlecht ging, sich normalerweise besser fühlten nachdem der Geistliche bei ihnen gewesen war, als wenn der Arzt bei ihnen gewesen war. Und das geschah oft. Selbst das Personal, die Ärzte wußten darüber Bescheid. Das gab mir die Idee für SG. Der Arzt der vor dem Kriegsgericht steht, wird schließlich der Geistliche von SG.

Wie sieht ihre medizinische Vorbildung aus. Sind sie Arzt?

Nein, aber man hat mir gesagt, ich würde wie einer reden. Als Teenager wollte ich ein Arzt werden. Ich bin Pazifist und wie man weiß billigen Ärzte nicht die Helden, die einander zusammenschlagen und ihnen soviel Arbeit verursachen. Deshalb dachte ich, es wäre schön Arzt zu sein, aber damals mußten Eltern sehr wohlhabend sein um eine solche Ausbildung bezahlen zu können. Ich mußte die Schule mit 14 verlassen um zu arbeiten und alle meine Bildung nach diesem Zeitpunkt erwarb ich durch Lesen. Ich war trotzdem noch an Medizin interessiert und las eine Menge darüber.

Die einzige offizielle medizinische Ausbildung, die ich erhielt, war ein Erste Hilfekurs. Das Abzeichen des britischen Roten Kreuzes, Juniorenklasse 1947, hängt an der Wand meines Arbeitszimmers. Ich wollte danach meine medizinische Ausbildung fortführen, aber der einzige andere Kurs der anboten wurde, war in häuslicher Pflege. Die anderen Jungen, die mit mir in dem Erste Hilfekurs gewesen waren, machten nicht mehr weiter weil der Kurs nur für Frauen sein sollte. Wir waren schreckliche Chauvinisten damals. Ich wollte jedenfalls mehr über Medizin erfahren und meldete mich für den Pflegekurs an. Dort passierte mir etwas so peinliches, daß es meine medizinische Karriere vorzeitig beendete. Es geschah als die Ausbilderin uns zeigte wie man ein Baby badet. Zu diesem Zweck hatten wir eine lebensgroße Puppe. Ich postierte mich vorsichtshalber am Ende der Schlange und die Ausbilderin ging entlang und erklärte was man mit dem Plastikbaby zu tun hatte. Wir hatten kleine Becken mit heißem Wasser, Handtücher, Seife… einfach alles. Als das Baby die Schlange hinunterwanderte, wurde es von den Mädchen gebadet und gepudert, daß man hätte meinen können sie wären dazu geboren worden. Ich paßte genau auf, um zu sehen wie es geht und wurde immer nervöser. Schließlich war ich an der Reihe. Ich legte das Baby in das Becken und begann es mit dem Schwamm zu waschen, als plötzlich der Kopf abbrach! Das war mir damals sehr peinlich und ich ging nie wieder zu dem Kurs.

Haben sie für Sector General viel über Medizin gelesen?

Nein, nicht speziell für SG. Ich interessierte mich für Medizin und hatte bereits so viel darüber gelesen, daß ich über die meisten Fragen die in SG auftauchten gut genug Bescheid wußte, um sie glaubhaft zu machen. Wenn es um Aliens geht ist man auch ein bißchen wie Gott. Denn wenn man eine Lebensform selbst erfunden hat, ist man automatisch die maßgebende Autorität für sie, falls sie krank wird. Niemand kann mit einem streiten. Solange was ich machte, als logisch erkannt wurde, konnte ich nicht viel falsch machen.
Auf dem WorldCon letzten Herbst war ich in einem Panel mit vier Ärzten. Es hieß: »Was ist Erste Hilfe für einen Alien?« Einer der Ärzte war ein Tierarzt, ein anderer Kinderarzt. Sie sagten mir, sie wären mir gegenüber im Vorteil, weil sie daran gewöhnt wären mit abscheulichen kleinen Monstern umzugehen.
Ich fragte den Diskussionsleiter: »Können sie die Fragen für mich einfach halten. Ich bin nämlich nicht wirklich Arzt.“
Er antwortete: »Oh, sie haben die ganzen Bücher geschrieben und sind kein Arzt!“
»So ist es.“
»Hm, ich stelle ihnen die Fragen und sie mogeln sich einfach durch.“
So lief es dann auch und es hat riesig Spaß gemacht.

Sie haben vorhin erwähnt, sie seien Pazifist. Viele Kritiker haben angemerkt, daß in der SG-Serie fast keine Gewalt und Blutvergießen gibt.

Da ich in Nordirland lebe, mag ich nicht die Gewalt und die Polarisierung die diese Gewalt verursacht. Sie ist auch unnötig. Wenn man die Leute, egal von welcher Seite, fragt warum sie es tun, scheint es alles vor 300 Jahren begonnen zu haben, als Cromwell nach Irland kam und jede Menge Katholiken und Priester massakrierte. Wir können das jetzt nicht mehr ändern und sollten die Erinnerung daran nicht mehr wach halten und unseren Söhnen und Töchtern davon erzählen, im Versuch ihnen unerbittlichen Haß auf die andere Seite einzuflößen. Das ist es nicht wert. Es ist eine furchtbare Vergeudung.

Nun, man kann in Stories nicht predigen; Predigten gehören in die Kanzel und nicht in die SF oder andere Literatur. SG stellte für mich eine ideale Form des Schreibens dar, da Krieg darin bis auf eine Ausnahme, wo ich ihn als unnötig darstellte, nicht vorkam.
Und da konnte ich Ärzte und Schwestern als Helden benutzen, die, wie ich denke, die eigentlichen Helden jeder zivilisierten Gesellschaft sind. Es ist auch so: Wenn man einen Arzt hat, der ein scheußliches aussehendes, grünes Ding ist und einen anderen, der aussieht wie ein Elefant – sie kennen ja die vielen verschiedenen physischen Gestalten in SG – wenn nun also diese ganzen Wesen zusammenleben und für ein gemeinsames Ziel arbeiten, erscheinen doch die geringfügigen Unterschiede von Hautfarbe oder Religion hier auf der Erde vergleichsweise nichtig. Das wollte ich mit SG aufzeigen, aber ich habe versucht nicht zu offenkundig zu predigen. Man bekommt seine Botschaft viel besser durch das Verhalten der Charaktere rüber, als wenn man sich auf eine Kiste stellt und predigt.

SG ist also eher eine Vision von einer Welt wie sie sie gerne hätten, als von der Welt wie sie ist.

Wie ich einmal einem Interviewer sagte, möchte ich nicht diese brutal realistischen Stories voller Sex und Drogen und allem anderen schreiben. Ich möchte über die Art von Menschen und die Art von Ereignissen schreiben, von denen ich wollte, daß sie auch im richtigen Leben passieren würden. Leider ist das nicht der Fall, aber ich bin nun mal der Autor und damit der Boss. Es ist meine Party und ich zeige, wenn möglich gerne das Beste in Menschen oder Aliens.
Nicht, daß ich jeden mögen würde. Ich hatte im manchen Firmen Vorgesetzte, die ich überhaupt nicht leiden konnte. Einige von ihnen tauchen als Charaktere in meinen Romanen auf. Gut das sie keine SF lesen, sonst würden sie sich noch wiedererkennen und mich verklagen.

Ist Fletcher, der Kommandant des Ambulanzschiffes, einer von ihnen?

James White, (c) Frank Borsch

Ja, und O’Mara auch. Aber O’Mara ist nicht so sehr eine Person die ich haßte. Er ist die Art von Mensch die ich in mancher Hinsicht gern sein würde. Er darf die ganzen guten, sarkastischen Sprüche sagen, ist ekelhaft zu Leuten. Solche Sachen würde ich hin und wieder auch gerne sagen, nur bin ich zu höflich dazu.

Sie haben die ersten SG-Stories vor über dreißig Jahren ganz am Anfang deiner Schriftstellerkarriere geschrieben. Haben sie jemals daran gedacht, sie zu überarbeiten?

Nein. Wegen meiner Sehprobleme kann ich sehr schlecht lesen und es wäre sehr schwierig für mich die Bücher zu überarbeiten. Ich würde sie nicht so sehr überarbeiten wollen, sondern mir vielmehr wünschen, daß ich damals gewußt hätte, was ich heute weiß. Einige der Plots und der Ideen sind immer noch in Ordnung, aber die Art wie ich sie geschrieben habe, zeigt, daß ich ein junger Autor war. Wenn ich mich jetzt dransetzen würde, wären sie viel flüssiger geschrieben.

Wie erklären sie sich den andauernden Erfolg der Serie?

Die anhaltende Nachfrage nach SG-Stories überraschte mich anfangs sehr, aber dann wurde mir klar, daß sie die SF-Kombination zweier erfolgreicher Mainstreamtypen sind – des Arzt- und des Detektivromans. Das Hospital gibt Gelegenheit für Drama, Tragödie, Liebesgeschichten, zwischenmenschliche Konflikte und – überraschenderweise – für eine Menge humorvoller Zwischenfälle unter Patienten und Personal, die alle, abgesehen von dem Chefpsychologen O’Mara, angenehm, fürsorglich und hingebungsvoll sind. Ich glaube, daß die Leser selbst in diesen verkommenen Zeiten lieber über nette als ekelhafte Menschen lesen und sich mit ihnen identifizieren. Sie mögen es auch, Puzzles zu lösen, wozu die Elemente des Detektivromans dienen.

Fast alle SG-Episoden sind medizinische Detektivgeschichten. Es geht um eine neue und wundervolle extraterrestrische Lebensform die krank oder verletzt ist und bevor man medizinische Hilfe gibt, muß man aus den wenigen verfügbaren Hinweisen ihren evolutionären, physiologischen und soziologischen Hintergrund zusammenschustern.
Sonst würden die Ärzte riskieren es zu töten statt zu heilen, oder das Wesen mißversteht, was vor sich geht und versucht die Ärzte zu töten. Ich denke die Leser mögen es die Antworten auf die Probleme in den Stories selbst herauszuarbeiten und haben Spaß daran. Mehrere Leser haben mir geschrieben oder sprachen mit mir auf Conventions und schlugen mir neue Charaktere und Plots für SG vor.

Ein Vorschlag war eine Alkoholikerstation für Tralthaner, wuchtige, elefantenähnliche Wesen, einzurichten wo die tralthanischen Patienten sich einbilden rosa Menschen zu sehen! Ich brauche wohl nicht hinzuzufügen, daß ich diesen Vorschlag nicht aufgriff.

Wie wird die Zukunft von Sector General aussehen?

Heyne hat »The Genocidal Healer« angekauft. SG #9 habe ich gerade an Ballantine abgeschickt und Heyne hat es glaube ich auch erhalten. Es ist nicht so ernst wie »The Genocidal Healer«. Das Manuskript heißt »The Galactic Gourmet«, aber wahrscheinlich werden sie den Titel zu etwas griffigerem ändern. Was diesen Roman angeht, bin ich etwas unsicher. Es ist in Ordnung eine medizinische SF-Story mit einem jungen Arzt als Helden zu schreiben, aber wenn die Hauptperson ein Koch ist, ist das etwas anderes. Wie auch immer, dieser Typ ist der Chef De’Cuisine eines großen Multispeziesluxushotels auf einem Planeten der Föderation. Er ist in der ganzen Galaxis als der beste Koch, den es je gab, bekannt und hat eine sehr hohe Meinung von sich selbst. Er entscheidet, daß es die ultimative berufliche Herausforderung für ihn wäre als Chefkoch nach SG zu gehen und dort Lebensmittel für 63 verschiedene Lebensformen zu bereiten und präsentieren. Er ist nicht die Sorte von Mensch, mit der man leicht auskommt und er handelt sich eine Menge Ärger ein, aber am Ende geht alles gut aus.

Und SG #10 wird dann die Serie zum Abschluß bringen?

Die letzte Diagnose, (c) Heyne

Ja. SG #10 ist aus einer sehr, sehr ungewöhnlichen Sicht geschrieben. Ob sie es glauben oder nicht, aus der Sicht eines Patienten! Der Patient ist in Bedrängnis in SG. Alle möglichen Kreaturen stellen alle möglichen würdelosen Sachen mit ihm an. Er wurde nach SG geschickt, weil er von seinem planetaren Krankenhaus nicht behandelt werden kann. Er ist ein Mensch aber alle vorstellbaren Aliens arbeiten an ihm. Er scheint ein Hypochonder zu sein und er ist eine sehr bestimmte Persönlichkeit. Er besteht darauf, daß der Gesundheitsdienst der Galaktischen Föderation ihm eine Behandlung schuldet und er wird sie kriegen… Auf diese Weise arbeitet er sich zu SG durch. Sie finden heraus was mit ihm nicht stimmt – aber sie würden es nicht glauben.
Viele Aspekte SGs spielen eine Rolle: Einige der älteren Charaktere wie O’Mara und seine Psychologische Abteilung bekommen eine Menge mehr zu tun. Ich möchte, daß #10 eine schön dickes Buch wird um die Serie abzuschließen. Aber das habe ich schon vorher gesagt… .Die Hauptschwierigkeit ist, daß ich gerne über wirklich fremdartige Aliens schreibe, die Gesellschaften von denen sie kommen auszuarbeiten, ihre Evolution und den ganzen Rest. Aber jedesmal wenn ich ein Alien habe, wird es krank oder hat einen Unfall. SG ist nur ein paar Lichtjahre entfernt und es wird keine Story über ein Alien, sondern ein Alien, daß nach SG kommt. Irgendwo im Hintergrund ist immer SG und deshalb wurden viele meiner Alienstories, die auch für sich selbst hätten stehen können, von SG sozusagen aufgesogen.

Planen sie zur Zeit auch Romane außerhalb der Serie?

Ich schrieb kürzlich einen Roman, »The Silent Stars Go By«, eine Alternativweltgeschichte in der die Iren statt der Briten über ein Empire herrschen. Das Hibernische Imperium umfaßt alle indianischen Nationen, die in dieser Welt nicht von den Weißen überrannt wurden. Es ist eine sehr verwickelte Story und ich denke sie ist die Beste, die ich bis jetzt geschrieben habe. Man hat mich gebeten eine Fortsetzung dazu zu schreiben und ich habe sogar damit angefangen. Aber ich mag es nicht eine Fortsetzung zu schreiben, wenn sie nicht mindestens so gut wie das Original ist. Mir gingen etwas die Ideen aus und ich habe erstmal damit aufgehört, um ein weiteres SG-Buch zu schreiben. Aber ich habe schon 200 Seiten und denke bereits wieder daran weiterzuschreiben. Vielleicht mache ich das als nächstes nach SG #10.

Schreiben sie auch noch Kurzgeschichten?

Gelegentlich. Die letzte erfolgreiche Story war »Sanctuary«. Da meine Frau krank ist kaufe ich jeden Tag das Essen ein. Auf dem Rückweg gehe ich den Weg, der am Kloster entlang führt. Auf der einen Seite des Weges erstreckt sich eine Wand hoch zum Kloster, auf der anderen Seite führt ein steiler Abhang zur See hinunter.
Wie ich eines Tages zurückkam, sah ich eine Robbe unten auf den Felsen. Da kam mir eine Idee: Was würde passieren, wenn ein Alien in der Bucht bruchgelandet wäre, und nun verletzt zum Kloster kriechen würde, um Schutz zu suchen. Ich hatte viel Spaß mit dieser Story. Sie ging an Analog und der Herausgeber Stanley Schmidt bemerkte, es wäre das erste mal gewesen, daß eine Nonne auf der Titelseite von Analog war.
Ich wußte überhaupt nichts über die Arbeitsweise eines Klosters und fragte an, ob es möglich wäre mit jemandem zu sprechen, damit ich die Zeiten für die verschiedenen Gebete und Mahlzeiten richtig hinbekam. Die Oberschwester bat mich herüberzukommen und ich stellte ihr meine Fragen. Ich fand jede Menge über das Kloster heraus und als ich die Story dann schrieb, hatte ich die Fakten schon alle korrekt im Kopf. Als ich die Belegexemplare bekam, schickte ich eines davon zum Kloster und die Oberschwester erzählte mir, daß alle Nonnen sich angestellt hätten, um die Story zu lesen.

Heutzutage schreiben sie ja eher Romane als Kurzgeschichten. Tun sie das, weil Romane mehr Geld einbringen?

Teilweise ja. In mancher Hinsicht ist es auch einfacher in einem Roman die Charaktere zu entwickeln, weil man mehr Platz hat.
In einer Kurzgeschichte muß alles, jedes Wort vorsichtig gewählt werden. Es gibt keinen Spielraum. Wenn ich normalerweise eine Idee für eine Kurzgeschichte habe, mache ich es entweder sehr kurz, oder, wenn das nicht geht, verarbeite ich die Idee in einem Roman.
Manchmal muß man auch bewußt seine Ideen etwas editieren, weil eine Idee zu einer anderen führt und es könnte schließlich dazu kommen, daß jede der Ideen Romanlänge erreicht. Es wäre allerdings kein gutes Buch. Normalerweise muß ich ungefähr 10% wegkürzen, um das Manuskript zu straffen, und um Ideen loszuwerden mit denen ich über die Ränder hinausgeschossen bin und die nicht wirklich notwendig für die Geschichte waren.

Sind sie ein schneller Autor?

Ich bin sehr langsam. Als ich in meiner Freizeit schrieb, kam ich auf so ungefähr 700 oder 800 Worte an einem Abend. Aber jetzt, mit meinem Augenlicht… – Ich habe den Computer mit dem ich schreiben kann, aber ich habe Schwierigkeiten beim Lesen, wenn ich etwas nachschlagen muß. Mein Schreiben hat sich auf vielleicht 400 bis 500 Worte pro Tag verlangsamt.

Beeinflussen die Unruhen in Nordirland ihr Schreiben?

Viele Leute sagen, Literatur wäre eskapistisch und meinen das sehr kritisch. Aber ich glaube, ich habe mich dazu gezwungen, in die Literatur zu fliehen, weil die wirkliche Welt so ein erbärmlicher Ort ist, gewalttätig und gefährlich. Sie ist so schlecht, obwohl das nicht der Fall sein müßte. Es gibt hier warmherzige und großzügige Menschen, die nettesten Menschen, die man finden kann und sie gehen sich wegen etwas, daß vor 300 oder mehr Jahren passierte, gegenseitig an die Gurgel. Oder auch nicht. Es sind nur ein paar Leute auf beiden Seiten die dafür sorgen, daß es so bleibt. Es ist eine komplizierte Angelegenheit. Ich wollte nicht versuchen zu sagen was meiner Meinung nach passieren sollte, weil jedesmal wenn ich zu einer Convention gehe, jemand auf mich zukommt und sagt: »Es muß schrecklich sein in Nordirland zu leben!« Und sie erzählen mir, was wir tun sollten und wenn es irgend etwas gibt was, mich ungewöhnlich gewalttätig gegen jemanden stimmt ist es, wenn jemand versucht die Irische Frage bei einem Glas Bier zu lösen.

Haben sie jemals daran gedacht die Unruhen als Hintergrund oder Ideenquelle für ihre Arbeit zu benutzen, wie es viele andere Autoren tun?

Nein, außer in »Underkill« habe ich mich nie danach gefühlt. Zeitungsleute, die eine paar Jahre hier in Nordirland gewesen waren, haben Bücher darüber geschrieben. Es ist einiges an guter Literatur darüber geschrieben worden, normalerweise von Leuten, die bei der Polizei oder den Geheimdiensten gewesen waren und Insiderinformationen darüber haben, was vor sich geht. Diese Bücher sind sehr guter Lesestoff. Aber mir ist es zuwider, über Gewalt zu schreiben, besonders über sinnlose Gewalt, wie wir sie hier haben. In jeder Geschichte muß es einen Konflikt geben um sie interessant zu machen, aber wenn es um Konflikte geht, wie die Reaktion von Menschen auf eine Naturkatastrophe, eine Epidemie, eine Ökokatastrophe oder ähnliches, neigt der Konflikt dazu die guten wie die schlechten Seiten der Menschen zum Vorschein zu bringen. Das ergibt eine viel befriedigendere Geschichte. Umso besser noch, wenn man darin ein SF-Element hat. Es war schon immer meine Überzeugung, daß eine gute Story die Gegenüberstellung von normalen Leuten mit außergewöhnlichen Situationen beinhaltet.
Ich zeige auch gern wie sich eine Story entwickelt, aber auch die Personen, die von den Ereignissen betroffen sind, entwickeln sich weiter. Vor ein paar Jahren wies mich ein Rezensent darauf hin, daß in den wenigsten meiner Geschichten der Charakter mit dem ich begonnen habe derselbe ist, wie der Charakter am Ende der Geschichte. Ich nehme an, daß ist ein Kompliment.

Wann haben sie eigentlich damit angefangen SF zu lesen?

Ich war ein ziemlich junger Schüler, vielleicht so 10 oder 11 Jahre alt, als ich in der Bücherei auf »The Time Machine« von H.G. Wells stieß. Aus irgendeinem Grund dachte ich es müßte gut sein und so las ich es. Es brachte die Sicherungen meines jungen Verstandes zum durchbrennen. Noch viele Jahre später blieb mir das Abbild von Wells sterbender Erde – wie diese Kreatur, die wie ein platter Fußball aussieht, zwischen den Felsen dahinkriecht; die sterbende Sonne – im Gedächtnis haften, wenn ich schrieb.
Tatsächlich brachte es mich auf die Idee für den Roman »Second Ending« (1962). Natürlich wußte ich zu dem Zeitpunkt etwas mehr über Wissenschaft und wußte, daß die Erde nicht mit einer erkaltenden Sonne sterben würde. Die Sonne würde immer heißer werden, in diesem Sinne war »Second Ending« etwas akkurater als »The Time Machine«, aber Wells brachte mich auf die ursprüngliche Idee.
Ich schrieb den Roman auch deshalb, weil ein Freund mit mir wettete, daß es unmöglich wäre, ein Geschichte über den letzten Menschen der Erde mit einem optimistischen Ende zu schreiben.
»Second Ending« war meine Antwort für ihn. Der Roman wurde noch im gleichen Jahr für den Hugo nominiert, aber die Konkurrenz war sehr stark. Heinleins »Stranger in a Strange Land« gewann den Hugo. Vielleicht hätte der Roman in einem anderen Jahr bessere Chancen gehabt, aber so ist das Leben.

Sie haben also vor dem Krieg damit begonnen SF zu lesen?

Ja, als Schüler, das war vor dem Krieg. Als ich dann Teenager wurde und zu arbeiten begann, begannen die Amerikaner herüberzukommen und bauten in Nordirland ihre Basen auf, Sprungbrett nach Europa und das alles. Die Amerikaner hatten ihre eigenen Läden, die auch amerikanische Magazine verkauften. Die Soldaten kauften SF-Magazine und verkauften sie weiter, wenn sie nach Belfast kamen. Sobald diese Magazine auftauchten, durchstöberte ich die Second Hand Shops nach ihnen. Ich hatte zwar nur ein paar Schillinge Taschengeld, aber sie waren nicht teuer.
Normalerweise konnte ich mir alle drei oder vier Wochen ein Magazin leisten. Auf diese Weise entdeckte ich Startling Stories und Thrilling Wonder Stories. Die Briten hatten ein Nachdruckausgabe von Astounding herausgebracht, die ich toll fand und mir alle drei Monate kaufte. Aber ich wußte nicht, daß alle Fortsetzungsromane in der britischen Ausgabe fehlten und als ich dann die amerikanische Ausgabe bekam und bemerkte, was ich verpaßte, war ich sehr frustriert.
Dadurch, daß ich die ganzen Buchhandlungen durchstreifte um die Magazine zu erwischen, traf ich andere SF-Fans. Eines Tages erzählte mir ein Händler: »Sie haben ein paar verpasst. Gerade eben ist ein Mann hier gewesen und hat sie gekauft!« Wer konnte das sein?
Es stellte sich heraus, daß es Walter Willis war, ein anderer SF-Fan. Wir taten uns schließlich zusammen und gründeten unser eigenes Fanzine. Ich wurde der Art Editor, weil wir keine Ahnung von Vervielfältigung hatten und Walts Onkel ein Drucker war. Er hatte einen kleinen Druckapparat, mit dem man solche Sachen wie Tanzeinladungen, kleine Flugblätter und Anzeigen drucken konnte. Er hatte gerade genug Drucktypen um die Hälfte einer normalen Seite zu füllen. Wir konnten also entweder ein Fanzine in der Größe von Einladungskarten produzieren, oder eines in normaler Größe, aber mit halb leeren Seiten.
Ich begann damit Linoleumschnitte zu anzufertigen. Ich hatte das noch nie gemacht aber ich wurde ganz gut darin. Ich war also Art Editor weil ich die halbe Seite mit Illustrationen füllte, während Walter das Schreiben übernahm. Wir bekamen schließlich mehr Typen, aber er ließ mich immer noch die Illustrationen machen und ich begann damit auch Berichte von Conventions und andere Artikel zu schreiben.
1952 produzierten die vier wichtigsten Fans in Belfast, Bob Shaw, Walter Willis, George Charters und ich, SLANT. Wir hielten damals Astounding für das beste SF-Magazin. Wir liebten Astounding wirklich. Aber dann machte Campbell, der Herausgeber, den atomaren Untergang zu seinem Steckenpferd und kam nicht mehr davon weg. Ausgabe für Ausgabe enthielt nichts anderes als Stories über atomaren Untergang und Mutanten. Es war wirklich schlimm. Wir fragten uns, warum er nicht die Stories brachte, die die Leute lesen wollten, anstatt all dieser Warnungen. Und so entschlossen wir uns die Art von Geschichten zu schreiben, die wir selber lesen wollten. Das war wohl ein bißchen selbstgefällig. Bob Shaw und ich versuchten beide, Stories zu schreiben. Wir nahmen es nicht sehr ernst und ich glaube ich brauchte acht oder neun Monate dazu. Ich nannte die Story »Assisted Passage« (1953).
Wenn einer von uns eine Story schrieb, wiesen die anderen ihn auf die schwachen Punkte der Story hin. Mit dem Ergebnis, daß, als die Stories einem Herausgeber vorgelegt wurden, die meisten Fehler, die ein Herausgeber finden würde, schon bereinigt waren. Die erste Story wurde angenommen. Ich kann mich fast Wort für Wort an das Annahmeschreiben erinnern. Ted Carnell, der damalige Herausgeber von New Worlds, war eine sehr trockene Person, etwas sarkastisch.
Der Brief lautete: »Lieber James, betreffend Deine eingereichte Story »Assisted Passage«. Deine Syntax ist lausig und du hast ‚Manöver‘ auf zwei verschiedene Arten geschrieben, die beide falsch sind. Trotzdem akzeptiere ich die Story zum Preis von 25 Shilling pro tausend Worte. Hast du irgendwelche anderen Ideen?«
25 Schillinge pro tausend Worte war nicht gerade ein Vermögen, das waren ungefähr 10 Pfund für eine 8000 Worte Story.

Was konnte man damals für 10 Pfund kaufen?

Damals war es das Doppelte meines Wochenlohns. Das war in Ordnung. Aber veröffentlicht worden zu sein, Leuten das Magazin mit deinem Namen auf dem Cover zu zeigen, das war viel wichtiger als das bloße Geld. Später wurde ich praktischer und begann auch Fragen nach dem Geld zu stellen.

Hatten sie danach noch Schwierigkeiten ihre Stories zu verkaufen?

Nein, ich hatte Glück, verglichen mit den Leuten, die jetzt anfangen. Es gab damals vier britische und 20 oder 30 amerikanische Magazine auf dem Markt. Nun, einige der amerikanischen waren von ziemlich schlechter Qualität, sie zahlten nur einen halben Cent pro Wort. Alle Stufen des Könnens wurden benötigt, um Stories in ein Magazin zu bekommen. Wenn man Anfänger war, konnte man die billigeren Magazine ausprobieren und wenn sie die Stories herausbrachten, konnte man sich verbessern und nach und nach den besseren Magazinen Stories schicken, sich quasi die Sprossen emporarbeiten. Ich verkaufte meine erste Story an das britische Magazin New Worlds. Das war kurz nach dem Krieg und die Rationierung von Papier war gerade erst gelockert worden. Es gab in Großbritannien nur zwei Magazine, New Worlds und Nebula. Ich entschied mich für New Worlds, weil ich Ted Carnell auf einigen Conventions getroffen hatte und wußte, daß er ein Herausgeber war. Man legt seine Stories lieber jemandem vor, den man persönlich kennt. Aber später schickte ich auch Stories an Nebula und Analog.
Wie ich schon sagte, brauchte ich ein Jahr um »Assisted Passage« zu schreiben, weil ich nur gelegentlich daran schrieb und eigentlich nur zum Spaß. Meine zweite Story , »Crossfire« (1953), war etwa genauso lang und ich brauchte ungefähr 10 Wochen dazu weil ich mich darauf konzentrierte. Die Dritte war »The Scavengers« (1953), die ich an Astounding verkaufte. Danach war ich auf dem Weg. Ich schrieb fünf, sechs Kurzgeschichten und Novellen im Jahr, aber meinen ersten Roman »The Secret Visitors« schrieb ich erst 1955/56.

Haben sie gleichzeitig gearbeitet?

Oh ja. Ich hatte die ganze Zeit hindurch einen Job, bis vor neun Jahren mein Augenlicht nachzulassen begann. Ich begann als Schneiderlehrling. Ich nahm die Maße von Damen und Herren für Anzüge und Kostüme und solche Sachen. Insgesamt 22 Jahre arbeitete ich als Schneider und einige meiner Stories spiegeln das wieder.
Da gibt es eine mit dem Titel »Custom Fitting« (1976). Man hat mir gesagt sie sei eine sehr britische Geschichte und warum ein Ire wie ich eine solche Geschichte schreiben würde?
Ich nahm an, ein traditionsbewußter englischer Schneider wäre der richtige Charakter für die Story. Es ergab einen schönen Kontrast, den ganzen Pomp und die Umstände der Ankunft eines interstellaren Diplomaten, dem Schneider und seiner halbbehinderten Frau gegenüberzustellen. Ich schrieb noch eine oder zwei weitere Stories, die das Schneidern benutzten. Eine davon »Counter Security« (1962), spielte in einem Kaufhaus. Aber während ich als Schneider arbeitete, schrieb ich gleichzeitig SF und wurde ganz gut publiziert. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich schon Peggy geheiratet und wir hatten drei Kinder. Ich hatte Angst davor, meinen Beruf aufzugeben um hauptberuflich Schriftsteller zu werden, weil die ganze Familie hätte hungern müssen, wenn mir die Ideen ausgegangen wäre. Ich behielt also meinen Job. Aber ich wurde zum Assistenzmanager des Geschäfts befördert und man erwartete von mir, länger als alle anderen Angestellten zu arbeiten. Auf diese Weise blieb mir immer weniger Zeit zum Schreiben. Ich entschloß mich zu einer anderen Stelle als einfacher Büroangestellter in der Industrie zu wechseln, weil sie dort die Fünftagewoche hatten und ich das ganze Wochenende fürs Schreiben hatte. Die Stelle war im Planungsbüro des Flugzeugherstellers Shorts.
Dort wurde mir plötzlich klar, daß ich anders als die anderen Angestellten, die Entwürfe durch das Wissen, das ich mir beim Lesen von SF angeeignet hatte, verstehen konnte. Als ich in den Zeichnungen, die wir durchgingen, begann Fehler zu bemerken, machten sie einen technischen Angestellten aus mir und zwangen mich dazu praktisch unbegrenzt Überstunden zu machen. Damit war ich wieder am Anfang: Ich kam einfach nicht aus dem Büro raus.
Ich arbeitete dort ein oder eineinhalb Jahre, als eine Stelle in der Abteilung für Öffentlichkeitsarbeit frei wurde. Ich bewarb mich und eigentlich war es unfair gegenüber den anderen Bewerbern. Als ich mein Bewerbungsgespräch hatte, konnte ich ein nagelneues Exemplar meines fünften Romans auf den Tisch legen um zu zeigen, daß ich schreiben konnte.

War ihnen dort ihre Erfahrungen als SF-Autor nützlich?

Ich fand schnell heraus, daß Schreiben in der Öffentlichkeitsarbeit nicht dasselbe ist wie SF zu schreiben, obwohl einige der Dinge über die wir schrieben, wie die Raketen und Flugzeuge, schon beinahe SF waren. In einer Story dagegen hat man eine interessante Einleitung, dann entwickelt man den Plot und der Höhepunkt kommt am Ende. Wenn man eine Presseveröffentlichung schreibt, wirft man dem Leser in den ersten zwei Zeilen so viel Informationen wie möglich an den Kopf. Das erweitert man dann etwas im nächsten Abschnitt und von da bis zum Ende erweitert man es dann im Detail. So kann ein Herausgeber, wenn er z.B. nur zwei Zentimeter Platz, einfach das oberste Stück benutzen, und wenn er etwas mehr Platz hat, auch den nächsten Abschnitt usw. Man muß also das Wichtigste in die ersten Zeilen bekommen. Ich lernte schließlich, wie man das macht.
Aber meine Erfahrungen, die ich als Schneider gesammelt hatte, waren viel wichtiger für mich. Damals bekam man nicht dieselbe Bandbreite von Größen von der Stange wie heute und viele Leute, die übergewichtig waren oder einen krummen Rücken hatten oder ähnliches, mußten sich ihre Anzüge schneidern lassen. Wenn man einen solchen Kunden betreut, muß man sich offensichtlich zuerst mit ihm anfreunden, weil diese Menschen wegen ihrer Behinderungen sehr befangen sind. Ich stellte fest, daß es mir sehr leicht fiel mich mit diesen Leuten anzufreunden. Ich unterhielt mich mit ihnen und kam erst viel später dazu ihnen Muster zu zeigen. Ich konnte gut mit ihnen umgehen. So gut, daß die Firma mich mit dem Zug zu Kunden schickte, die nicht in den Laden kommen konnten. Das war die Art von Dingen, in denen ich gut war, aber meinem Abteilungschef fiel das zuerst seltsamerweise nicht auf. Sein Personal, das ranghöher war, bestand aus Journalisten und die wollten Fragen stellen, nachforschen – wie Journalisten eben sind.
Sie konnten sehr gut schreiben aber sie waren nicht immer gut wenn es darum ging Menschen zu treffen. Nach einer Weile stellte ich fest, daß ich es war, der dazu delegiert wurde bei Besuchen Politiker durch die Firma zu führen und der zu Ausstellungsständen bei Air Shows geschickt wurde. Während meiner ersten sechs Monate in der Abteilung war ich fünf Mal in London und einmal in Paris. Und sie bezahlten mich sogar noch dafür!

So ging es dann die nächsten zwanzig Jahre weiter, SF schrieb ich immer nebenbei. Ich mußte nicht so viele Überstunden machen. Wenn etwas Dringendes hereinkam mußte es sofort und auf der Stelle erledigt werden. Aber in den langen Perioden, in denen gar nichts passierte, hatte ich jede Menge Zeit zum Schreiben. Ich nahm mir ein Blatt Papier und saß an meinem Schreibtisch, und es sah so aus, als ob ich zu tun hätte. Aber in Wirklichkeit war ich damit beschäftigt, »The Watch Below« oder sonstwas zu schreiben. Eine Zeitlang war Bob Shaw in der Abteilung – er war als Technischer Zeichner bei Shorts gewesen – und ging dann zum Belfast Telegraph und kam wieder zurück. Wir arbeiteten lange Zeit zusammen, taten dasselbe.

Haben sie später jemals daran gedacht, ihre Stellung aufzugeben?

Nein, zu der Zeit wuchsen die Kinder auf, und ich war immer ein bißchen ein Feigling, was das anging. Dann begannen die durch Diabetes verursachten Komplikationen meines Augenlichts. Es wurde immer schwieriger für mich, zu sehen und zu arbeiten. Man kann nicht als Journalist arbeiten, wenn man nicht sehen und schreiben kann, und ich konnte auch bald keine Leute mehr durch die Fabrik führen, weil ich ständig über irgendwas stolperte. Schließlich teilte mir die Firma mit, daß ich aus Gesundheitsgründen in den Ruhestand versetzt werden könnte, wenn mein Hausarzt und der Chirurg, der vier Operationen an meinen Augen durchgeführt hatte, übereinstimmen würden, daß ich nicht mehr arbeitsfähig sei. Ich ging in den Ruhestand, und wir kauften diesen Bungalow hier in Portstewart. Das war vor neun Jahren. Jetzt bin ich genaugenommen arbeitsunfähig, aber dafür endlich hauptberuflich Schriftsteller geworden – mit Hilfe eines Computers, der mir die nötige Schriftgröße auf dem Bildschirm liefert, damit ich auch lesen kann, was ich schreibe.

© Frank Borsch (Text & Foto)

Erstmals erschienen in BLIZZ 22 & 23, bzw. »Das Science Fiction Jahr 1994«, Heyne 06/5080; Nachdruck mit freundlicher Genehmigung des Autors

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