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»Wir sind unsere schlimmste Bedrohung« – Ein Interview mit Dmitry Glukhovsky

Dmitry Glukhovsky

Dmitry Glukhovsky

Metro 2033

Es ist das Jahr 2033. Nach einem verheerenden Krieg mit Nuklear- und Biowaffen liegen weite Teile der Welt in Schutt und Asche. Moskau ist eine Geisterstadt, bevölkert von Mutanten und Ungeheuern. Die wenigen verbliebenen Menschen haben sich in das weit verzweigte U-Bahn-Netz der Hauptstadt zurückgezogen und dort die skurrilsten Gesellschaftsformen entwickelt. Sie leben unter ständiger Bedrohung der monströsen Wesen, die versuchen, von oben in die Metro einzudringen… Dies ist die Geschichte des jungen Artjom, der sich auf eine abenteuerliche Reise durch das U-Bahn-Netz macht – auf der Suche nach einem geheimnisvollen Objekt, das die Menschheit vor der endgültigen Vernichtung bewahren soll.
Dmitry Glukhovsky, geboren 1979, hat internationale Beziehungen in Jerusalem studiert und arbeitete als Journalist u.a. für den englischsprachigen Fernsehsender Russia Today. Mit seinem Debütroman »Metro 2033« landete er auf Anhieb einen Bestseller. 2009 wird ein auf dem Roman Metro 2033 basierendes Computerspiel erscheinen. Dmitry Glukhovsy lebt in Moskau. Neben seiner Muttersprache russisch spricht er fließend englisch, deutsch, französisch und hebräisch.

Was macht die U-Bahn in Moskau so besonders?

Die Moskauer U-Bahn ist definitiv ganz anders als alles, was man anderswo sieht. In Paris, London, Barcelona oder Berlin ist die U-Bahn lediglich eine unterirdische Eisenbahn. Die Bahnhöfe sind fast alle identisch, sie sind durch und durch auf Nützlichkeit ausgerichtet, und sie befinden sich nur wenige Meter unterhalb der Straße.
Die Moskauer Metro hingegen besteht aus einem gigantischen Netz palastähnlicher Bahnhöfe, jeder von ihnen hat sein ganz eigenes Gesicht, ist aus Marmor oder Granit erbaut, geschmückt mit Skulpturen, Gemälden, vergoldeten Ornamenten. Fast alle liegen dutzende, manchmal hunderte von Metern unter der Erde. Dies ist nicht bloß eine Laune der Metro-Erbauer. Tatsächlich ist die Moskauer U-Bahn zuallererst der weltgrößte Luftschutzbunker, und nur zweitrangig als Transportsystem gedacht. Sie wurde konzipiert und erbaut zum Höhepunkt des Kalten Krieges, um die Moskauer vor einem möglichen Atomangriff zu schützen und ist immer noch in der Lage mehrere zehntausende Russen im Falle eines Atomraketenangriffes zu schützen.
Die Tunnel der Metro verbinden aber auch rund zweihundert geheime Bunker der Armee, des ehemaligen KGB und der Regierung, gigantische unterirdische Lager für Lebensmittel, Medikamente und Waffen, sowie artesische Brunnen. Die Moskauer Metro ist ein kleiner Staat und in der Lage, ganz autonom vom Rest der Welt zu (über) leben.

Woher kam die Idee für die Geschichte zu Metro 2033? In der Metro? Oder gab es andere besondere Erfahrungen, die sie dazu inspiriert haben?

Ich habe die Hälfte meiner Kindheit in den Zügen der Metro verbracht, auf dem Weg von zuhause zur Schule und zurück – jeweils eine Stunde Fahrt. Als ich zum ersten Mal vom wahren ‚Ziel‘ der Metro erfuhr – die Moskauer Bevölkerung im Falle eines Atomangriffs zu schützen – war ich verblüfft. Meine Fantasie fing sofort an, Bilder eines Lebens nach einer Nuklear-Apokalypse zu entwerfen. Jahre später, als ein erneutes Wettrüsten in Russland und im Westen wieder in der Luft lag, begann ich, mein Buch zu schreiben. Scheinbar habe ich einfach zwei Dinge kombiniert, die den Leuten Angst machen: die der Metro und die des Atomkrieges.

Die Menschen in der Metro wohnen in kleinen Stadtstaaten. Sind diese gänzlich erfunden oder gibt es da reale Vorbilder?

Metro 2033 ist viel mehr als nur ein Science-Fiction Roman. Ich behandle es tatsächlich auch gar nicht als Science-Fiction-Roman. Für mich ist es eher eine Anti-Utopie, eine metaphorische Odyssee, in der sich verschiedene Ebenen sozialer Kritik, politischer Satire, Philosophie, usw. mit einer spannenden Geschichte verflechten.
Die Welt der Metro ist Russlands gegenwärtige Gesellschaft en miniature: verschiedene soziale Gruppierungen tun sich zu ihren eigenen ‚idealen‘ Quasi-Staaten in verschiedenen Bahnhöfen der U-Bahn zusammen. Einige Bahnhöfe sind von Kommunisten bevölkert, andere von Neo-Nazis, wieder andere von religiösen Extremisten oder ethnischen Minoritäten. Während unser Protagonist diese kleinen Modellgesellschaften bereist, entdeckt er die Welt, lernt, Wahrheit und Lüge auseinanderzuhalten, und findet Antworten auf viele seiner Fragen.
Es ist wie die Suche nach dem eigenen Platz in dieser Welt, die jede junge Frau und jeder junge Mann heute erlebt. Die ewige Suche nach dem Sinn des Seins.

Was meinen Sie sind die »echten« Monster, die uns heute bedrohen?

Es ist wahr, dass es in Metro 2033 von Monstern wimmelt. Aber sie werden nur selten beschrieben oder treten in offene Konfrontation mit der Hauptfigur. In der Regel bestehen sie nur aus Schatten, merkwürdigen Geräuschen, Schritte im Dunkeln, hinter seinem Rücken. Es ist das Unbekannte, das uns am meisten Angst macht – und uns auch am meisten fasziniert. Sobald das Objekt unserer Ängste begreifbar, konkret wird, hören wir auf, es zu fürchten und überlegen stattdessen, wie die Bedrohung gebannt werden kann.
»Der Mensch war schon immer der schlimmste und tödlichste Killer auf Erden«, sagt eine der Figuren im Buch. Und das glaube ich wirklich, absolut. Wir sind unsere eigene schlimmste Bedrohung. Unsere Paranoia, unsere Aggression, unser unkontrollierbarer Zorn. Wenn die Menschheit jemals zerstört werden sollte, so wird es der Mensch selbst sein, der ihr den Todesstoß gibt. Und das Buch dient nur als Warnung dagegen.

Fahren Sie selbst mit der Metro?

Regelmäßig. Die Straßen Moskaus sind dicht, und es ist ganz normal für mich, meinen Audi irgendwo zu parken und zur nächsten Metro-Station zu laufen. Da kann ich mir wenigstens sicher sein, dass ich pünktlich bei meinem nächsten Termin ankomme (und meine Jahre in Deutschland haben mich gelehrt, pünktlich zu sein). Natürlich nur, wenn nicht gerade ein Atomkrieg ausbricht.

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