Marvel Exklusiv 33: Kinder des Atoms

»Kinder des Atoms« heißt der 162 Seiten dicke Softcoverband. Daß das Werk auf dem Cover »Kinder des Atom« (also ohne das »s«) genannt wird, sollte uns nicht verwirren; der Grafiker hat das US-Logo »Children of the Atom« einfach nicht vollständig umgesetzt. Und wo wir gerade bei Versäumnissen sind: Auch der Zeichner Steve Rude hat die aus sechs Teilen bestehende Serie nicht rechtzeitig fertigbekommen. Nach drei Bänden (und sechs Monaten Pause zwischen Band 2 und 3) setzten andere Künstler das Werk fort.
Kinder des Atoms

Marvel Exklusiv 33: »Kinder des Atoms«
24.95 DM, 162 Seiten
Rude hätte so sorgfältig gearbeitet, lesen wir im Vorwort, daß er mit den monatlichen Abgabeterminen nicht zurecht kam. Nette »Sprachregelung«. Werfen wir also einmal vorsichtig einen Blick in das Comicheft, um zu sehen, ob die Überschrift sich bewahrheitet (oder nur ein netter Spruch war, den ich einfach mal unterbringen mußte).

Die US-Originalhefte des Mini-Zyklus‘ »Kinder des Atoms« erschienen zwischen November 1999 und September 2000 und haben damit den Start des X-MEN-Kinofilms knapp verfehlt. Dabei wären sie als »Prolog« prima geeignet gewesen, denn erzählt wird die Geschichte der Entstehung und Entwicklung des Superheldenteams.

Obgleich die Story in der heutigen Zeit spielt, orientiert sie sich grafisch am Comicstil der Sechziger. Sagt jedenfalls das Vorwort, doch da ich damals nur »Fix und Foxi« gelesen habe, kann ich das nicht beurteilen.

Überwiegend finden wir fein säuberlich gepinselte Panels in drei ordentlichen Reihen pro Seite. Die grafische Wucht moderner Comics kann damit freilich nicht erreicht werden. Die in der Hälfte des Heftes blassen und auf wenige Töne reduzierten Farben erinnern an alte Superheldengeschichten; Grob gerasterte Bildpunkte blieben uns aber gottlob erspart.

Autor Joe Casey hat einige Erfahrung im Marvel- und DC-Universum. Seine Story vom Aufbau der X-Men konzentriert sich daher auf die wesentlichen Elemente dieses Genres: Gute Charaktere und übertrieben böse Finsterlinge.

Children of the atom, (c) Marvel
Auf den wunderschönen Namen William Metzger hört der Gegenspieler dieses Bandes. Der hagere Führer der »Anti-Mutanten-Miliz« trägt die gescheitelten dunklen Haare strähnig in die Stirn fallend und einen putzigen Obenlippenbart. Wer hier nicht von einer Assoziation erschlagen wird, dem ist nicht zu helfen. Metzgers Ziel ist der Sieg der guten, »reinen« Menschen über die »Mutantenbrut«. Am Aufstieg dieses Mannes vom unbekannten Extremisten zur geachteten Leitfigur stellt das Comicheft sehr gut dar, wie leicht die Gesellschaft von menschenverachtenden Ideen unterwandet werden kann. Besonders gut wird aufgezeigt, wie die Medien die offenbar populären Ideen Metzgers aufnehmen und ihn so indirekt unterstützen.

Das Heft beginnt mit Unfällen, welche Mutanten versehentlich auslösen, als diese ihre übernatürlichen Fähigkeiten entdecken. Aufgestachelt durch Metzgers Propaganda bietet man diesen Jugendlichen aber keine Hilfe an, sondern macht sie zu Außenseitern. Sie werden erst diskreditiert, später verfolgt und schließlich von bewaffneten Banden sogar getötet. Der Autor geht mit großem Ernst an dieses schwierige Thema heran, dennoch gelingt es ihm, die Story spannend und mitreißend zu gestalten.

Differenziert werden die Mutanten dargestellt. Einige sind verängstigte Jugendliche, die sich verbergen, andere offensive Kämpfer gegen jegliches Unrecht, wieder andere verschließen ihre Augen vor der immer gewalttätig werdenden Umwelt. Professor Charles Xavier versucht ihr Vertrauen zu gewinnen und die »Kinder des Atoms« zu überreden, seine ganz besondere Schule zu besuchen. In dieser will er die Mutanten dazu ausbilden, ihre Fähigkeiten zu nutzen, um sich vor Angriffen zu schützen.

Xaviers Gegenspieler Magneto wiederum versucht, Mutanten zu einer »Bruderschaft« zu vereinen, um ihre Überlegenheit gegenüber den normalen Menschen auszuspielen. Seine Großmachtphantasien wirken im Vergleich zu der Metzgers aber eher bieder und banal. Natürlich kommt es zur Konfrontation aller drei Gruppen.

Der Zeichner der letzten beiden Hefte, Essad Ribic, kann deutlich mehr Schwung in die Story bringen, zumal er in seinen Kapiteln kräftigere Farben und weniger starre Panels verwendet.

Insgesamt kann mich der Band grafisch nicht sonderlich überzeugen, aber die Geschichte selbst ist für einen Superheldencomic tiefgründig und fesselnd.

© Marvel Deutschland (Bildmaterial)