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Comicrezensionen

Sandman 5: Über die See zum Himmel

Sandman 5: Über die See zum Himmel
Originaltitel: »A Game of you«
Autor: Neil Gaiman
Zeichnungen: Shawn McManus, Colleen Doran, Bryan Talbot, George Pratt, Stan Woch, Dick Giordano
Einleitung von Samuel R. Delany
184 Seiten, Vertigo/Paninicomics

Wer rezensiert schon gerne Klassiker? Vielleicht ist alles, was man schreiben könnte schon geschrieben, alles was zu sagen war gesagt und daher jede weitere Anmerkung vollkommen überflüssig. Vielleicht blamiert man sich, weil man Banalitäten von sich gibt, vielleicht langweilt man, weil alle ja alles schon kennen.

Mit der deutschen Ausgabe von SANDMAN durch Paninicomics erscheint es aber deutlich angezeigt, die x-te Rezension zu schreiben, auch wenn die Comics 15 Jahre alt sind, Kultstatus genießen und in den Kanon der immerwährenden Comic-Hochliteratur längst aufgenommen wurden. Und zwar weil gerade in Deutschland die Komplettausgabe so spät kam, so dass viele, genau wie ich, erst jetzt die Serie in ihrer ganzen Tiefe erfassen können. Da hält sich die Freude über die hochwertige und, ja, preiswerte Ausgabe die Waage mit dem Gefühl: diese Bände hättest Du gerne schon zehn Jahre früher in Händen gehalten.

In »Über die See zum Himmel« geht es, natürlich, um die existenziellen Fragen »Wer bin ich?« »Wo komme ich her?« und »Wo gehe ich hin«. In Parallelmontagen des grau-bunten Lebens von Außenseitern in New York und dem magischen LAND der Traumwelt der Protagonistin Barbie/Prinzessin Barbara. Gaiman verwebt virtuos ein klassisches Fantasy-Motiv mit harter Realität, echt eklige Magie mit Jungmädchenträumen von Fabelwesen, treuen und treuesten Freunden, tiefstem Verrat und schrecklichstem Mißbrauch okkulter Rituale. Als »der Kuckuck« aus Barbies Traumwelt ins reale New York greift um die Prinzessin zu bedrohen, bildet sich eine Schicksalsgemeinschaft aus einem lesbischen Pärchen, einer uralten Hexe, einem Transvestiten und eben Barbie/Barbara. Magische Rituale und magische Gegenstände funktionieren anfangs scheinbar dem Genre gemäß, doch Gaiman wäre nicht Gaiman, wenn sich die Geschichte ohne Brüche entwickeln würde.

Und dabei gibt es wunderbare Textzeilen und Dialoge, für die man ihn preisen möchte. Etwa in bedrohlicher Situation im dunklen Wald, einer der Gefährten ist abhanden gekommen. Die bange Frage »Meint ihr… Prinado geht es gut?« wird lapidar beantwortet »Nein«.

Oder auch:
»Ich fühlte mich wie Bilbo im Nachtwald, da wo die Riesenspinnen ihn kriegen. Wilkinson – Gibt es in dieser Gegend Riesenspinnen?«
»Riesenspinnen? Hier? Natürlich nicht.«
»Wie dumm von mir.«
»Nein, die Riesenspinnen sind alle in einem kleinen Wald westlich von hier.«

Dieser belesene Humor, der Andeutungsreichtum zeichnet die Serie aus. Manchmal mag es abschreckend gebildet wirken – und der Leser fühlt sich als unwürdiger unwissender Wurm – doch niemand sollte sich scheuen, über eventuell Unverständliches/Unbekanntes hinwegzulesen, denn auch auf der einfachen Geschichtenebene funktioniert »Über die See zum Himmel« als Sammlung tragischer, weil menschlicher Schicksale.

Und vielleicht ist dieser Band gerade deswegen nicht einmal schlecht geeignet, als Einstieg in die Welt des Herrn der Träume. Eine klare Empfehlung zum Entdecken. Und wie immer: das Vorwort erst später lesen!

Auf der Webseite von Molosovsky gibt es hilfreiche Handreichungen zu den ersten drei deutschen SANDMAN-Bänden – ich hoffe, er macht weiter…

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