Das Jesus Video – die Verfilmung

Die Produktion

Die zweiteilige Verfilmung wurde von der Rat Pack-Filmproduktionsgesellschaft von Christian Becker im Auftrag von ProSieben mit einem Budget von 4 Millionen Euro produziert. Die Dreharbeiten fanden ab Januar 2002 in Marokko – genauer gesagt in Quarzazate und Casablanca – unter der Regie von Sebastian Niemann (»Seven Days to Live«, »Biikenbrennen«) statt. Hierzu findet sich z.B. ein Bericht in den »Arabic News«.

Kloster

Die Hauptrolle des deutschen Archäologiestudenten Steffen wird von Matthias Koeberlin gespielt, Naike Rivelli spielt Sharon, eine israelische Kollegin und Manou Lubowski ihren Freund Yehoshua. In weiteren Rollen: Dietrich Hollinderbäumer, Hans Diehl, Heinrich Giskes, Robinson Reichel, Klaus Grünberg, Pierre Semmler, Mario Holetzeck u.a.

Der Filminhalt

Bei Ausgrabungen in Israel macht der junge Archäologiestudent Steffen (Matthias Koeberlin) eine rätselhafte Entdeckung: ein 2000 Jahre altes Skelett, dessen Gebiß allerdings ein paar Amalgamfüllungen enthält – zusammen mit der Bedienungsanleitung für eine Videokamera, die es noch gar nicht gibt! Ein scheinbar absurder Gedanke setzt sich in seinem Kopf fest: War der Tote ein Zeitreisender, der Jesus Christus gefilmt hat? Aber wo ist das Video? Voller Eifer stürzt sich Steffen in die Recherchen.

Matthias Koeberlin, (c) ProSieben, Gordon
Matthias Koeberlin als Steffen

Allerdings setzt der Finanzier der Ausgrabung, John Kaun (Dietrich Hollinderbäumer), alles daran, Steffen von der wissenschaftlichen Analyse des Skeletts fernzuhalten. Das gilt auch für die Untersuchung des ausgeblichenen Briefes, der in dem Plastikbeutel zusammen mit der Bedienungsanleitung gefunden wurde. Doch Steffen gibt nicht auf. Auch vom Ausgrabungsleiter Professor Wilfort (Heinrich Giskes) erhält er keine Unterstützung. Steffen läßt sich deshalb abends im Labor einschließen, und es gelingt ihm tatsächlich, einen Teil des Briefes zu entziffern. Aber seine nächtliche Aktion wird leider bemerkt. Und noch in derselben Nacht überfallen Unbekannte den ahnungslosen Deutschen. Mit einer leichten Schußverletzung flüchtet er zu Sharon (Naike Rivelli). Die junge, attraktive Israelin studiert wie Steffen Archäologie und arbeitet nebenbei als Ausgrabungshelferin. Sie verspricht, ihm zu helfen…

Die Kritik

Der Drehbuchautor Martin Ritzenhoff hielt sich leider bei seiner Umsetzung des Romans von Andreas Eschbach sehr genau an die eisernen Regeln des Filmbusineß und änderte deshalb den Roman in ein paar entscheidenden Punkten ab. So lautet eine Regel, daß alle wichtigen Personen des Films in den ersten 15 Minuten vorgestellt werden müssen, was natürlich im Roman nicht passiert. Die Aufspaltung in zwei einzelne Filme führt außerdem dazu, daß uns zwangsläufig am Ende des ersten Films eine große Actionszene geboten werden muß, wie man sie auch im Roman nicht findet. Und die Tatsache, daß man sich anscheinend äußerst unwohl dabei fühlte, das Phänomen der Zeitreise einfach – wie im Roman – als gegeben hinzunehmen, bewirkt, daß uns hier eine überraschende Erklärung geboten wird.

Natürlich könnte man sich jetzt, so wie es manch andere Kritik bereits getan hat, äußerst erbost über diese Änderungen äußern, doch wie bereits gesagt, ergeben sie sich eigentlich äußerst logisch aus den Rahmenbedingungen des Fernsehens. Im Gegensatz zum Kino muß man hier eben den Zuschauer immerwährend bei der Stange halten, denn spätestens bei der ersten Werbepause wird sonst umgeschaltet (während im Kino kaum jemand vor Ende des Films aufsteht).

Und tatsächlich wären die soeben aufgezählten Änderungen weniger gravierend, als man annehmen sollte, wenn man dafür die Aussage des Romans beibehalten hätte. Denn jeder Leser von „Das Jesus Video“ wird wissen, daß die Identität des Zeitreisenden eigentlich unwichtig ist und es letztlich im Gesamtzusammenhang sogar egal ist, ob jemals wirklich ein Jesus Christus gelebt hat oder nicht, da eben nicht seine Person wichtig war, sondern nur seine Botschaft.

Und leider fällt gerade dieser zentrale Aspekt des Romans in der Fernsehverfilmung völlig flach und macht statt dessen Platz für eine actionbetonte Jagd um eine Videokamera aus der Vergangenheit der Zukunft. Aber vielleicht – und die immer wieder vernehmbare Unzufriedenheit einiger Leser mit dem Ende des Romans läßt dies fast vermuten – findet ja auch der Fernsehfilm seine Freunde?

Yehousha, Steffen und Sharon (c) ProSieben, Gordon
Yehousha, Steffen und Sharon

Denn ich möchte mich hier nicht an der weitverbreiteten Allgemeinkritik an deutschen Fernsehproduktionen beteiligen. Man sieht dem »Jesus Video« seine aufwendige Produktion und das hohe Budget durchaus an. Dank der Tatsache, daß man in Marokko drehen konnte, findet man immer wieder Wüstenszenen, Basare und stimmungsvolle Aufnahmen einer Altstadt und nur sehr wenige Studioaufnahmen. Und die Actionszenen sind gut inszeniert (wenn auch nicht immer schauspielerisch gelungen).

Ich habe allerdings meine Probleme mit dem Hauptdarsteller Matthias Koeberlin, der mir in manchen Szenen einfach zu dick aufträgt (»Er muß ein Zeitreisender sein!«) und zu unecht wirkt, dafür aber in den Actionszenen eine gute Figur macht. Naike Rivelli spielt die Rolle der Sharon vielleicht nicht unbedingt umwerfend, aber doch sehr solide. Dafür war ich allerdings von Manou Lubowksi als ihren Freund (im Buch war er noch ihr Bruder) Yehoshua begeistert – es ist schade, daß man diesen Schauspieler nicht als Steffen besetzt hat.

Alles in allem ist »Das Jesus Video« schließlich – trotz aller zuvor geäußerten Kritikpunkte – eine überraschend solide und eigentlich auch sehenswerte Fernsehproduktion geworden, die allerdings dem Vergleich mit dem vielfach ausgezeichneten Roman von Andreas Eschbach nicht standhalten kann. Aber welche Literaturverfilmung kann sich schon mit seiner Buchvorlage messen?

Anmerkungen von Drehbuchautor Martin Ritzenhoff

Auf der Homepage von ProSieben findet sich eine interessante Stellungnahme des Drehbuchautors von »Das Jesus Video«, aus der ich hier kurz zitieren möchte. Der komplette Text findet sich hier.
»Um die Fans und Leser des Romans nicht zu enttäuschen oder falsche Erwartungen zu wecken, möchte ich zunächst einmal darauf hinweisen, dass der Film »nach Motiven des Romans von Andreas Eschbach« entsteht.
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Damit soll deutlich gemacht werden, dass wir uns mit dem Film doch beträchtlich von der Geschichte des Romans entfernt haben. Dies jedoch nicht leichtfertig oder gar aus fehlendem Respekt für das Werk von Andreas Eschbach, sondern nach reiflicher Überlegung:
Ein Film ist ein eigenständiges Werk, das seinen eigenen, sehr speziellen Regeln folgt. Er basiert grundsätzlich auf einer anderen Dramaturgie als ein Roman. So ist es bei einer Buchverfilmung oft nötig, Handlungsstränge und Figuren zu streichen, zu verdichten oder zusammenzulegen, um eine ähnliche Wirkung wie der Roman zu erzielen. Manche Teile oder Aspekte eignen sich vielleicht überhaupt nicht für die Filmversion. Möglicherweise ist der Roman auch zu umfassend, oder es gibt erhebliche Grenzen beim Budget etc. (Für die ganz Interessierten empfehle ich folgende Fachliteratur: Linda Seeger, »The Art of Adaptation: Turning Fact and Fiction into Film«)
Bei »Das Jesus Video« waren sich alle Beteiligten über einen Teil der notwendigen Änderungen von Anfang an einig. Andere wiederum wurden erst im Verlauf der Drehbucharbeit deutlich, sie beanspruchte anderthalb Jahre und brachte zahlreiche Fassungen hervor. Als Drehbuchautor hatte ich bei der Entwicklung der Geschichte, die in enger Zusammenarbeit mit dem Regisseur entstand, natürlich einen maßgeblichen Anteil.

(…)

Der Fernsehzuschauer, der zwei Abende lang damit zubringt, eine Antwort auf die Frage zu erhalten, ob das Video (bzw. Jesus Christus selbst) existiert, wird sich nicht damit zufrieden geben.
Deshalb galt es, einen neuen Clou für den Schluss, eine neue Auflösung zu finden. Das »Jesus Video« muss zu sehen sein, aber ohne peinlich oder lächerlich zu wirken. Auch die klassische Filmdramaturgie, die ein Ende kurz nach dem Showdown vorsieht, legte ein neues Finale nahe. Dieses hatte dann aber wiederum große Auswirkungen auf andere Teile der Geschichte …«

Die Darsteller und der Regisseur

Matthias Koeberlin, (c) ProSieben, Gordon

MATTHIAS KOEBERLIN ist Steffen Vogt

Geburtsjahr: 1974, Wohnort: Berlin
Ausbildung: Studium an der Hochschule für Film und Fernsehen Konrad Wolf in Potsdam-Babelsberg
Kino (Auswahl): „Der Stellvertreter“ (2001), „Julietta“ (2000)
Fernsehen (Auswahl): „Tatort – Schatten“ (2002), „Liebesau – Die andere Heimat“ (2001), „Ben & Maria – Liebe auf den zweiten Blick“ (1999)
Theater (Auswahl): Maxim Gorki Theater Berlin (1998), Baracke am Deutschen Theater Berlin (1997), Hans-Otto-Theater Potsdam (1997)
Preise: „1. Günter Strack-Fernsehpreis 2000“ für die Rolle des Ben in „Ben & Maria – Liebe auf den zweiten Blick“ (2000)

Was verband sie mit der Hauptfigur?
»Es war für mich sehr spannend, eine Figur zu verkörpern, die, angetrieben von Neugier und Naivität, an den Widerständen und Problemen wächst und reift, sich den Dingen stellt und versucht, niemals aufzugeben und eine Lösung zu finden. Das konsequente Verfolgen eines eingeschlagenen Weges, was hier und da auch Abenteuerlust voraussetzt, verbindet mich persönlich mit der Figur des Steffen.«

Das Drehbuch zu »Das Jesus Video« entstand nach dem gleichnamigen Bestseller von Andreas Eschbach. Kannten Sie das Buch? Wie beurteilen Sie die filmische Umsetzung des Stoffes?
»Ich habe erst im Zuge des Projekts Andreas Eschbachs Buch gelesen – übrigens mit großem Interesse und Spaß. Da der Film lediglich auf Motiven des Buches beruht, gibt es natürlich Abweichungen. Dennoch glaube ich, daß der Film in allen wichtigen Punkten dem Buch gerecht wird und seine Atmosphäre sowie Denkansätze aufgreift und in filmischer Form wiedergibt.«

Glauben Sie, dass Jesus tatsächlich gelebt hat? Wie religiös sind Sie selbst?
»Mein persönlicher Glaube ist nicht unmittelbar mit der Person Jesus verbunden.«

(c) ProSieben, Gordon

NAIKE RIVELLI ist Sharon

Geburtsjahr: 1974, Wohnort: Rom/München
Ausbildung: Studium an der Internationalen Schule für Theater und Kino in Rom, Italien
Kino (Auswahl): „Espresso“ (2002), „South Kensington“ (2001), „The Voyage of Captain Fracassa“ (1990)
Fernsehen (Auswahl): „Der Bestseller – Mord auf italienisch“ (2002), „Antonia – Zwischen Liebe und Macht“ (2001), „Der Graf von Monte Christo“ (1997)

»Für mich waren die Dreharbeiten zu ‚Das Jesus Video‘ wie eine Fügung. Ich glaube an das Schicksal. Sonst hätte ich niemals meinen jetzigen Mann, Manou Lubowski, kennen gelernt. Jedem Menschen passieren solche Vorhersehungen – entscheidend ist, was man daraus macht …«
(c) ProSieben, Gordon

MANOU LUBOWSKI ist Yehoshua

Geburtsjahr: 1969, Wohnort: München/Rom
Ausbildung: Privatunterricht bei Annelies Hofmann de Boer
Kino (Auswahl): „Espresso“ (2002), „Venus und Mars“ (1999), „Nur über meine Leiche“ (1996)
Fernsehen (Auswahl): „Ein Fall für zwei – Ein schändlicher Plan“ (2001), „Eine Hochzeit und (k)ein Todesfall“ (2001), „Samt und Seide“ (1999 bis 2000), „Alle meine Töchter“ (1999), „Herz über Kopf“ (1996)
Theater: Goethe-Institut München (1985)

»Ich war sehr angetan von der Professionalität der marokkanischen Filmindustrie. Die Zusammenarbeit mit den Einheimischen war äußerst spannend. Ich habe selten so viel Offenheit in einem fremden Land erlebt.«

Sebastian Niemann – Regie

Geburtsjahr: 1968, Wohnort: München
Ausbildung: Hochschule für Film und Fernsehen, München
Kino (Auswahl): „7 days to live“ (1998), „Verfolger“ (Kurzfilm; 1994)
Fernsehen (Auswahl): „Biikenbrennen – Der Fluch des Meeres“ (1999), „Geisterstunde – Fahrstuhl ins Jenseits“ (Buch und Regie; 1997)
Drehbuch: „Survival“ (2001), „Nur über meine Leiche“ (1995)

»Als ich im Buchladen den Klappentext des damals gerade erschienenen Romans ‚Das Jesus Video‘ las, war ich fasziniert von der Mischung aus Abenteuer, Science-Fiction und Thriller in einer völlig neuen Kombination. Es war für mich eine große Herausforderung, drei Stunden Fernsehunterhaltung in Marokko zu inszenieren. Doch alle Mühen lohnen sich, wenn man einen so außergewöhnlichen Stoff in Händen hält.«

© Anmerkung des Drehbuchautors und Schauspielervorstellung: ProSieben (Text & Bild), restlicher Text: SF-Fan.de

Veröffentlicht von Florian Breitsameter

Dr. Florian Breitsameter ist Herausgeber & verantwortlicher Redakteur von SF-Fan.de. Er war Mitbegründer und langjähriger Redakteur beim derzeit einzigen deutschen professionellen Science-Fiction-Magazin phantastisch!, Übersetzer für Marvel Deutschland (u.a. Frank Miller, Garth Ennis), Fachlektor für mehrere Verlage und fast zehn Jahre Vorsitzender der Preiskomitees für den Deutschen Science Fiction Preis. Florian Breitsameter promovierte in Chemie, ist hauptberuflich Konservator am Deutschen Museum in München und ehrenamtlich an diversen Projekten im Science-Fiction-Umfeld tätig.