Filmkritik: »Cloud Atlas« (2012) – Ein filmisches Kaleidoskop

1849: Ein amerikanischer Anwalt auf hoher See, der die Schrecken des Sklavenhandels kennenlernt. 1936: Ein junger Komponist, mit dessen Hilfe ein alterndes Genie ewigen Ruhm erlangen könnte. 1973: Eine aufstrebende Journalistin, die eine Atom-Intrige enthüllt. 2012: Ein Verleger, der in einem Altersheim erkennt, was Freiheit bedeutet. 2144: Eine geklonte Kellnerin, die ihre Wirklichkeit verändert. 2346: Ein Sonderling, der sich in einer post-apokalyptischen Welt mutig gegen übernatürliche Kräfte stellt.

Cloud Atlas Kinoposter
Kinoposter zu »Cloud Atlas« (2012)

Sechs Schicksale in 500 Jahren und doch ein einziges Abenteuer, in dem all unsere Helden in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft aufs engste miteinander verbunden sind – dies verspricht uns die Verfilmung von David Mitchells einzigartigem Roman »Cloud Atlas« (dt. »Der Wolkenatlas«) aus dem Jahr 2004. Die Romanvorlage verbindet sechs gänzlich unterschiedliche Einzelgeschichten zu einem phantastischen Ganzen, in dem er jede Einzelgeschichte erst nur zur Hälfte erzählt und erst später jeweils zu einem Ende bringt, das schließlich die Verbundenheit aller Schicksale und Personen aufzeigt. Das interessante dabei ist, dass es keine durchgängige Handlung durch alle Geschichten gibt, sondern jede Hauptfigur in seiner Zeit ein eigenes, faszinierendes Abenteuer bestehen muss. David Mitchell nimmt den Leser also an der Hand und lässt ihn sechs Novellen lesen, die sich erst nach und nach als auf eine bestimmte Art und Weise verbunden erweisen.

Wie verfilmt man nun solch ein literarisches Füllhorn aus Geschichten und Erzählstilen? Das Regietrio aus Lana und Andy Wachowski (u.a. Matrix-Trilogie) und Tom Tykwer (u.a. »Lola rennt«) hat sich dazu entschieden, die Gliederung des Romans nicht zu übernehmen, sondern stattdessen jede Geschichte noch weiter zu zerlegen und alle dem Kinozuschauer quasi parallel zu erzählen – in einer Folge kleiner, mundgerechter Häppchen. Die einzigen Konstanten für den Zuschauer bleiben der Wechsel zwischen den Geschichten und den Zeitebenen – und natürlich auch die Schauspieler. Denn Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Bae Doo-na und Hugh Grant sind immer wieder in allen Episoden in neuen Rollen zu entdecken. Im Roman weist David Mitchell den Leser dezent immer wieder daraufhin, dass die Schicksale der Menschen aller Zeiten miteinander verbunden sind – im Film treffen wir der Einfachheit aller immer wieder auf die gleichen Schauspieler in teilweise absurden Masken, die sie völlig unkenntlich machen. Das klappt in wenigen Fällen wunderbar – und gerät bei anderen leider zur albernen Travestie-Show (Hugo Weaving im Frauenkostüm).

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Auch bei den Schauspielern scheint der Wechsel zwischen den vielen Rollen und den Geschichten für Verwirrung gesorgt zu haben, denn Tom Hanks erzählte bereits im letzten Jahr bei David Letterman, dass er während der Dreharbeiten nicht immer verstanden habe, was er da tun würde. Tja, und diese Verwirrung macht sich leider auch bei seinem Spiel bemerkbar, das teilweise ins Groteske gerät oder völlig überzogen erscheint. Wenn man also die Kritik am Film »Cloud Atlas« auf einen Punkt konzentrieren will, so ist es die fatale Fehlentscheidung der drei Regisseure dieselben Schauspieler immer wieder in neue Rollen zu pressen.

Aber was bekommt man als Zuschauer beim »Cloud Atlas« letztlich geboten? Eine Seefahrtsgeschichte über Sklaverei und wahre Freundschaft, eine schöne Geschichte über die Liebe zur Musik, einen waschechten, spannenden Krimi in den 1970ern, eine brillante, tragische Irrenhaus-Komödie, eine viel zu kühl, distanziert geschilderte Klon-Revolution in Neo-Seoul und eine etwas anstrengende post-apokalyptische Rettungsmission mit Kannibalen. Zusammen ergibt dies ein filmisches Monster, ein Hybridwesen mit den immer gleichen Köpfen in unterschiedlichen Masken, aber auch manchmal ein strahlendes Kaleidoskop faszinierender Geschichten. Der Film ist ein fast dreistündiges Mosaik, das manchmal wunderbar ein glänzendes, schillerndes Ganzes ergibt, und dann wieder in seine Einzelteile zerfällt.

Würde der Film im Fernsehen laufen, so müsste man befürchten, dass die ersten Zuschauer nach spätestens fünf Minuten verwirrt wegschalten – im Kino müssen sie etwas Sitzfleisch beweisen, bis der Film und die Handlung anfängt ins Rollen zu kommen, endlich Schwung aufnimmt und sich langsam ein Muster herausbildet. Da wechseln sich große filmische Momente  mit schauspielerischen Katastrophen ab und erst zum Ende hin pendelt sich der Film doch noch auf ein Erzählmuster ein, das einen letztlich mitzureißen vermag – aber eigentlich viel zu spät. »Cloud Atlas« ist ein Abenteuer für Cineasten, eine anstrengende Achterbahnfahrt für andere.


CLOUD ATLAS ist eine Produktion von Cloud Atlas Production, X Filme Creative Pool und Anarchos in Ko-Produktion mit A-Company und ARD Degeto. Maßgeblich unterstützt wurde das Projekt vom Deutschen Filmförderfonds, dem Medienboard Berlin-Brandenburg, der Film- und Medienstiftung NRW, der Mitteldeutschen Medienförderung, dem FilmFernsehFonds Bayern und der Filmförderungsanstalt.

Cloud Atlas
Buch und Regie: Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer
Produzenten: Grant Hill, Stefan Arndt, Lana & Andy Wachowski, Tom Tykwer
Ausführende Produzenten: Philipp Lee, Uwe Schott und Wilson Qiu
Ko-Produzenten: Peter Lam, Tony Teo und Alexander van Dülmen
Assoziierte Produzentin: Gigi Oeri
Cast: Tom Hanks, Halle Berry, Jim Broadbent, Hugo Weaving, Jim Sturgess, Doona Bae, Ben Whishaw, James D’Arcy, Zhou Xun, Keith David
mit Susan Sarandon und Hugh Grant
Kinostart: 15. November 2012 im X VERLEIH


5 Gedanken zu „Filmkritik: »Cloud Atlas« (2012) – Ein filmisches Kaleidoskop“

  1. Ein Film, der die Kritiker polarisiert. Vom Hosiana-Gesang bis zum notigenden Brechreiz reicht das Spektrum der Profis.
    Ohne Hanks & Berry würde mich der Stoff ja auch interessieren…

  2. Heute den Film gesehen und ich bin immer noch geschockt! Was ein Gemetzel, was blutrünstige Szenen! Als wir die Vorschau sahen, dachten wir uns, das es ein Film mit mit Tiefgang wäre, der zum Nachdenken anregt. Tja, diese Szenen waren leider sehr selten. Es war ein bisschen viel Blut, aber was zu viel ist zu viel!
    Wir wir sähen,erntenwir! Egal ob gut oder schlecht. Die auf dem Fleischspieß aufgehängten menschlichen Leichen, die im Leben nur gezüchtet worden sind um die Bevölkerung mit einem Rauschmittel zu betören in Form von Seife, erinnert mich an die vielen Tiere die auch so aufgespießt und extra für die Menschen gezüchtet worden sind. Der Trailer hat uns jedenfalls mehr versprochen als er tatsächlich gehalten hat.

  3. Habe den Film vor einigen Tagen gesehen und muss schmerzlich erkennen, dass viele Menschen meine Meinung über dieses cineastische Meisterwerk nicht teilen wollen/können. Ich selbst haben den Film im Kino nicht nur sehr genossen, viel mehr hat er etwas bei mir ausgelöst, was ich in Modernen Blockbustern schon fast für verlorenen Geglaubt hatte; Emotionen. Er lies mich mitfiebern, mitlachen, mittrauern. Mal ließ er mich schockiert, mal euphorisch und mal wütend zurück, doch immer mit dem Gefühl das letztlich alles irgendwie Verbunden sein muss. Und bei verbunden habe ich glaube ich das richtige Wort gefunden. Diese Liebe zum Detail, welche alle Handlungsstränge miteinander verbindet, die fantastischen Mono- und Dialoge, wunderbares Acting, unglaubliche und faszinierende Maske und letzlich ein Story mit Herz ließ das selbige bei mir als Kinofan höher schlagen. Was die Wachowskis und Tykwer hier abgeliefert haben ist weniger ein Film für die breite Masse, sondern viel mehr eine Liebeserklärung an den Film und seine Möglichkeiten uns zu verzaubern. Er bewegt sich jenseits der üblichen Konventionen und begeht neue Pfade. Er bricht Tabus und ließ mich einfach nur begeistert zurück. Ich weiß, über Geschmack lässt sich streiten, aber für mich ist dieser Film ein Zeichen, das Filme mehr sein können als Geldquellen reicher Firmenbosse.

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