Filmkritik: »Der Hobbit: Smaugs Einöde« – Dreizehn Zwerge, ein Hobbit und ein Drache

Die Gefährten haben den Beginn ihrer unerwarteten Reise überstanden – auf ihrem Weg gen Osten begegnen sie nun dem Hautwechsler Beorn und im trügerischen Düsterwald einem Schwarm gigantischer Spinnen. Sie werden von den gefährlichen Waldelben gefangen genommen, können aber entkommen, erreichen Seestadt und schließlich den Einsamen Berg selbst, wo sie sich der größten Gefahr stellen müssen – einem Monster, das alle bisherigen an Grässlichkeit übertrifft: Der Drache Smaug fordert nicht nur den ganzen Mut der Gefährten heraus, sondern stellt auch ihre Freundschaft auf eine harte Probe – bis sie sich schließlich fragen müssen, ob ihre Reise überhaupt noch einen Sinn ergibt.

Der Hobbit: Smaugs Einöde


Vor zwölf Jahren habe ich folgende Zeilen meiner Filmkritik des ersten »Herr der Ringe«-Filmes vorangestellt, die so fast unverändert auch heute noch gelten: Ich bin kein glühender Fan des »Herr der Ringe«. Ich habe das gewaltige Fantasybuchepos bisher nur einmal komplett gelesen (und das vor über 18 Jahren), und fand – obwohl mir das Buch in seiner Gesamtheit durchaus zusagte – manche Szenen und Kapitel zu langatmig und manches gar unnötig. Anderes fand ich zu sehr in den Hintergrund gerückt und der erschreckende Mangel an aktiven weiblichen Hauptpersonen fiel mir auch auf. Kurz und gut: ich gehörte nie zu den Fans, die aus dem Roman »Herr der Ringe« auswendig zitieren können und ihn für das beste Buch aller Zeiten halten.

Ergänzend muss ich nun sagen, dass dies auch für das Kinderbuch »Der kleine Hobbit« gilt, das in der Neuauflage passend zum Film auch sein »klein« verloren hat. Passend deshalb, weil man bei einer wohl schlussendlich fast 9 Stunden andauernden Verfilmung eines etwa 330 Seiten Taschenbuchs irgendwie ein »klein« nicht mehr verwenden will.
Es ist daher im Grunde auch müßig eine Filmkritik zu diesem Film zu schreiben. Denn die Fans der Tolkien‘schen Fantasywelt und der HdR-Verfilmung werden sich diesen Film sowieso ansehen. Er gehört als fester Programmpunkt zur Vorweihnachtszeit, es ist sehr wahrscheinlich, dass sie ihn mehrmals im Kino sehen werden und auch der Kauf der Extended Version im nächsten Spätherbst dürfte für viele Pflicht sein.

Warum also noch etwas zum Film schreiben? Weil ich den Film alles in allem durchschnittlich, stellenweise sogar richtiggehend langweilig fand. Bevor hier gleich erboste Kommentare verfasst werden, möchte ich auch ausführen, warum mich »Smaugs Einöde« nicht sonderlich fesseln konnte.

Peter Jackson hat für seine Herr-der-Ringe-Filmtrilogie eine Filmsprache entwickelt, die hier fast unverändert wieder aufgegriffen wird. Bei den Kulissen ist die Ähnlichkeit verständlich (handelt es sich doch immer noch um Mittelerde), auch wenn die Vielzahl an lebensgefährlich schmalen und steilen Steintreppen und halbzerstörten Brücken über die unsere Heldenschar laufen muss, doch einem das Gefühl einer endlosen Wiederholung gibt. Aber auch die Actionszenen ähneln sich: Legolas trifft wie immer mit jedem Pfeil, er balanciert sicher auf wackligem Boden (hier Zwergenköpfe) und surft mit allen erdenklichen Gegenständen durchs Kampfgeschehen. Immer wieder greifen Orks an (die scheinbar nie rechtzeitig entdeckt werden können), immer wieder müssen Legolas und Co. die Zwerge retten. So schmutzig Peter Jackson immer wieder die Figuren und Mittelerde erscheinen lässt, so ist seine Fantasywelt letztlich doch immer wieder auch steril und kindgerecht – alle Orks sterben sauber, alle Helden bleiben mehr oder weniger unverletzt. Es fließt kein Blut in Mittelerde. Und wenn doch wirklich einmal Gefahr droht, kann man ja immer noch einen Abgrund hinunterspringen und sich an einem plötzlich auftauchenden Seil oder Vorsprung festhalten. Unseren Helden droht keine Gefahr.

Und wie in den anderen Filmen sehen wir unsere Reisenden ab und an durch die Landschaft marschieren, aber manchmal erkennt man auch deutlich, dass hier nur gerenderte Pixel durchs Bild klettern. Das ist George Lucas in seiner zu Recht vielgescholtenen Star-Wars-Prequel-Trilogie besser gelungen – aber seitdem ist viel Zeit vergangen. Und die Studiowälder in Mittelerde sehen auch nur wenig echter aus als Dagobah.

Die Geschichte von »Der Hobbit: Smaugs Einöde« ist in großen Teilen die altbekannte Queste, einen langer Weg durch Büsche, Steppen, Wälder, Wasserfälle und mehr. Man trifft auf Kreaturen und Völker, und irgendwann zieht man weiter. Und zwischendurch greifen Orks an. Manche Episode bringt die Handlung praktisch gar nicht voran, ist wenig mehr als eine Befriedigung des Wunsches möglichst viel Mittelerde zu zeigen. Erst zum Schluss hin nimmt der Film Fahrt auf – aber leider keine echte Spannung, da auch der Kampf der Zwerge gegen Smaug in seinem Ablauf absehbar bleibt. Der Cliffhanger des zweiten Films ist letztlich keiner, da uns längst klar gemacht wurde, wie die Geschichte weitergehen wird, ja weitergehen muss. Der Versuch ein schmales Werk so ausführlich zu erzählen, scheitert daran, dass für diese Ausführlichkeit oftmals erst ein mehr an Handlung erfunden werden muss – andererseits aber nichts wichtiges in den zusätzlichen Szenen erfolgen kann.

Für mich war »Der Hobbit: Smaugs Einöde« eine Enttäuschung, eine manchmal etwas langatmige Rückkehr ohne viel Spannung und erzählerische Überraschungen.
Ich bin aber, wie gesagt, auch nicht das Zielpublikum.

8 Gedanken zu “Filmkritik: »Der Hobbit: Smaugs Einöde« – Dreizehn Zwerge, ein Hobbit und ein Drache”

  1. Ich habe den Film noch nicht gesehen, aber schon jetzt habe ich Respekt und Achtung vor deiner Kritik. Ich versteh‘ sie nämlich und teile sie sogar, noch bevor ich den Film gesehen habe.

    Und das ist vielleicht das seltsamste daran. Dass ich mich dabei ertappe, dass ich ins Kino gehen werde, ohne mich wirklich zu hinterfragen. Ich habe die Herr der Ringe Filme gesehen (und bewundert) und ich habe den ersten Hobbit-Teil gesehen (und war enttäuscht wie von einer alten Jugendliebe, die sich in eine nervige Zicke verwandelt hat) und deshalb schaue ich mich auch den zweiten Hobbit an und auch den dritten werde ich mir anschauen. Warum eigentlich?
    Vielleicht, weil man das macht. Vielleicht, weil es unendlich schwer fällt, sich nach HdR hinzustellen und zu sagen … auch du Peter. Auch du bist nur sterblich, auch du weißt nicht, wann Schluss ist.

    Man geht in den nächsten Hobbitfilm wie zu einer Familienfeier. Absagen ist indiskutabel, also nimmt man es eben mit. Vielleicht wird es ja lustiger als erwartet. Verhindern kann man es eh nicht.

    Man merkt an meinen Worten, dass mich der erste Teil doch arg enttäuscht hat und je länger er zurück liegt, desto größer ist die Enttäuschung. Bei solch einem Monument dauert es vielleicht länger, bis man ehrlich (zu sich selbst) sein kann.

    All die Punkte, die Florian in seiner Kritik genannt hat, haben mich schon beim ersten Teil gestört. Der kleine Hobbit ist „groß“ geworden und dadurch ist er zu einem Anhängsel geschrumpft. Zu einer unerwünschten Wucherung am Rande einer zeitlos glanzvollen HdR-Trilogie. Gefangen in der Formensprache und den Erzählmustern der HdR-Filme bettet Jackson den kleinen Hobbit in den überbordenden Breitwandkosmos eines Epos ein. Das Kind adoptiert seinen Vater. Und erstickt ihn.

    Jede Eigenständigkeit, den das Werk hat, ist verloren gegangen. Der werkgetreue Flair, der noch die HdR Filme auszeichnete ist zum Tod des kleinen Hobbits geworden. Das Buch zum schalen Vorläufer ohne eigene Orginalität, ein seelenloser Marathon altbekannter Sequenzen. Der kleine Hobbit ist nicht mehr als eine „Zugabe“ für Fans und Studios, die nicht genug bekommen konnten. Sollte Hollywood jetzt auch noch das Silmarillion verfilmen … wie alle wissen genau, wie der Film aussehen würde.

    Peter Jackson hätte sich – auch in meinem Herzen – ein Denkmal setzen können, wenn er den Mut und die Eigenständigkeit besessen hätte, den kleinen Hobbit zu verfilmen, als würde es die anderen Filme noch nicht geben. Sanfter, ruhiger, gefühlvoller und – im positivsten Sinne, die dieses Wort haben kann – kindlicher.

    Ich habe den kleinen Hobbit in meiner Kindheit und Jugend bestimmt vier oder fünf mal gelesen. Bin mit den Zwergen über die Nebelberge gezogen, habe mit ihnen gesungen und mit Bilbo gelacht. Und ich habe geweint, als Thorin starb. Später, viel später erst, bin ich in die große, weite und ernste Welt der HdR-Bücher eingetreten.

    Jetzt habe ich den kleinen Hobbit wiedergetroffen. Er ist groß geworden, laut und ein bisschen prollig. Ein Effekthascher und Poser, er redet zu schnell und hampelt nur noch rum. ADHS im Erwachsenenalter. Mein lieber Hobbit, was hatten wir für einen Spaß früher … wie sehr hast du mich bezaubert. Jetzt braust du mit dem Sportwagen rum, lässt die Sektkorken knallen und wählst FDP. So geht es halt.

    Zu Weihnachten höre ich mir das vierteilige Hörspiel mit Bernhard Minetti und Hort Bollmann an. Mit einem warmen Tee und ohne Brille. Das ist wie in alten Alben aus der Kindheit blättern.

    Ich glaube, wenn ich’s mir Recht überlege, diesmal gehe ich nicht zur Familienfeier.

  2. Eure Kommentare veranlassen mich zum ersten posting auf eurer Seite überhaupt. Vorweg: ich bin 66, also auch nicht mehr das, was hier als Zielgruppe bezeichnet wird. Aber ich kann das, was hier (zum Teil ohne Kenntnis des Films!) geschrieben wird, nicht einfach so stehen lassen. Unabhängig davon, ob man Tolkien schätzt oder nicht, sollte eigentlich jeder und jede, der/die den zweiten „Hobbit“-Film gesehen hat (ich sah ihn in der Pressevorstellung) einräumen, dass hier ein Meisterwerk an dymanischer Inszenierung vorliegt.
    Ich rede jetzt nicht von der Treue zur literarischen Vorlage (die ist mir im Kino meistens total wurscht), sondern ausschließlich von Dingen wie Schnitt, Dekor, Tricktechnik und, jawohl, Schauspielführung. Besser gehts nicht, Leute! Ihr werdet nach Luft schnappen, glaubt mir! Die einzige Frage, die sich für mich stellt ist: Wie will Jackson diesen atemberaubenden zweiten „Hobbit“-Teil noch toppen?

    • Natürlich habe ich den Film zuvor in der Pressevorführung (in München) gesehen. Sonst würde ich ihn ja nicht besprechen.

      Wie wenig aber der Film abseits von aufwendigen Trickaufnahmen und schönen Kulissen zu bieten hat, zeigt sich auch an der emotionalen Gleichgültigkeit der Charaktere. Ein Beispiel: Selbst als sich die Gruppe der Zwerge trennt, bleibt dies ein emotional blutleerer Moment – ein müder Zwist, ein kurzes Winken. Das war’s. Schnitt. Über zarte Andeutungen von Emotionen kommt der Film nicht hinaus.

    • Ich gebe Dir vollkommen Recht, lieber Hans. Der Film hat alles was einen Hollywood Blockbuster ausmacht und reiht sich nahtlos in die tollen Sci-Fi und Fantasy Epen die ich in den Trailern der Marvelfilme gesehen habe ein. Dazu kommt dann noch die tollen Kulisse der neuseeländischen Landschaft und die Wiedererkennungswerte vom Herr der Ringe in Form von Charakteren wie Gandalf oder Legolas.
      Wem das zusagt, der kann dem Film definitiv 5 Sterne geben.

      Ich selbst konnte dem leider trotz aller Action nichts abgewinnen. Ich muss dazu sagen, dass ich vor 16 jahren den Herrn der Ringe gelesen habe und seither von Mittelerde fasziniert war. Selbst das Silmarillion habe ich zweimal gelesen. Nicht um der nicht vorhandenen Spannungs Willen, sondern um mehr von H.R.R. Tolkiens Detailversessenheit und Allumfassenheit seiner „Welt“ zu erfahren.
      Bevor der Herr der Ringe veröffentlicht wurde, habe ich wieviele andere Fans befürchtet, dass aus dieser wundervollen Welt ein Hollywood Kassenschlager gemacht wird, der alles zerstört was mir an Tolkiens Welt heilig ist.
      Zu meiner Bewunderung wurde diese Sorge von Peters Meisterwerkstrilogie „Der Herr der Ringe“ zunichte gemacht. Er hat den Spagat geschafft einen Blockbuster zu schaffen und gleichzeitig die Buchvorlage von Tolkien zu achten und zu würdigen.

      Mit dem kleinen Hobbit aber und umsomehr mit dem zweiten Teil dieser Trilogie tritt Peter Jackson die Welt von Tolkien mit Füßen. Die Natürlichkeit der Welt von Mittelerde wird durch endlos aneinandergereihte Actionszenen ersetzt. Wenn Tolkien seinen Abenteurern Menschlichkeit einhaucht, wenn Sie über einen knurrenden Magen mosern, wird hier „mal eben so“ eine Liebesgeschichte zwischen den beiden verhassten Völkern der Elben und Zwerge inzeniert. Man stelle sich das in Tolkiens welt einmal vor. Ein Vertreter eines Volk das eine unendliches Leben nach Ästhetik, Perfektion und Eleganz (bis in die letzte frisierte Haarsträhne) strebt, verguckt sich mal eben nebenbei in einen ungepflegten, unrasierten und wahrscheinlich nach langer Reise auch übelriechenden Zwerg. Und das ohne jegliche Vorgeschichte. Beim Herrn der Ringe wird eine solche Hassliebe über drei Bände/Filme inszeniert. Bis diese Freundschaft dann irgendwann als einzigartiges Ereignis in der Geschichte der Elben und Zwerge von den Barden Mittelerdes besungen wird.

      Diese Beispiel ist nur eines von vielen. Ich habe mir während des Films mehrmals gefragt, warum der blöde Film quälende Überlänge haben muss und ich deshalb erst spät zuhause sein werde und dabei am nächsten Tag doch früh raus muss.
      Und wenn der Zuschauer solche Gedanken bekommt, dann hat der Film was falsch gemacht. Ich hätte in der Zeit lieber auf der Couch Noah Gordon „Medicus“ weiterlesen sollen.
      Den dritten Teil erspare ich mir lieber. Schade eigentlich, Peter!

  3. Und die Szene, wo Frodo nach dem Ring tastet und Gandalf diesen Fund dann aber doch verheimlicht? Da hielt ich den Atem an!

  4. Ich kann leider die negativen Kritiken nur bestätigen. Von den Figuren kommt einem bis auf Bilbo keine so nah, dass man um sie mitfiebert. am schlimmsten finde ich aber den Drachen Smaug, der ohne Ende labert und dem die deutsche Synchro zu allem Überfluss noch ein Lispeln verpasst hat. das grenzt ans Lächerliche. Ansonsten kein Vergleich zum HdR, sondern über zwei Stunden gepflegte Langeweile.

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