Filmkritik: »Star Trek X – Nemesis« (2002)

Star Trek: Nemesis ist der nun mittlerweile zehnte Film zum Star Trek-Universum. Und wenn wir eines mittlerweile als Zuschauer gelernt hatten, dann war es die Tatsache, daß Star Trek-Kinofilme sehr starken Qualitätsschwankungen unterworfen sind. Nun gut, wahre Kinohighlights waren die Filme um eines der vielen Raumschiffe mit dem Namen »Enterprise« und seine wechselnden Crews noch nie, aber zumindest gab es einige Filme, die unterhaltsam waren und Spaß machten.

Star Trek X Nemesis

Dabei halte ich immer noch aus vielen Gründen den allerersten Film, »Star Trek: The Motion Picture« für den besten Star Trek-Film. Nicht deswegen, weil er angeblich so spannend (muß Scotty tatsächlich erst einmal minutenlang mit seinem Transfershuttle um die Enterprise rumfliegen?) oder unterhaltsam ist, sondern weil er versuchte nicht nur die Trekkies in aller Welt anzusprechen, sondern den Anspruch hatte, ein richtig guter SF-Film zu sein. Denn auch wenn das Experiment zumindest teilweise scheiterte, so hatte dieser Kinofilm wenigstens den Ehrgeiz die bekannten Charaktere aus der damals bereits lange zurückliegenden Originalserie weiter auszubauen und außerdem dem ganzen Universum auch einen neuen Look zu verpassen, der sich von den billigen Pappmache-Kulissen der Sechziger abheben sollte. Wie revolutionär dieser Film wirklich war, zeigt sich nicht zuletzt daran, wie viele Änderungen später tatsächlich in das Star Trek-Universum aufgenommen wurden.

Unter Fans gibt es ja die bekannte Regel, daß nur geradzahlige Star Trek-Filme etwas taugen, aber mit »Star Trek: Nemesis« wurde diese Regel eindrucksvoll widerlegt – denn dieser Film erfüllt nicht nur nicht die Erwartungen, die man mit einem solch runden Jubiläum verbinden würde, sondern er gehört mit zum Schlechtesten, was man bisher unter dem Namen »Star Trek« im Kino zu sehen bekam.

Der Inhalt
Captain Jean-Luc Picard (Patrick Stewart) und die anderen ehemaligen Mitglieder der Besatzung der Enterprise sind zusammengekommen, um die Hochzeit von Officer William T. Riker (Jonathan Frakes) und Counsellor Deanna Troi (Marina Sirtis) zu feiern und gemeinsam nach Betazed zu reisen. Nebenbei wird es Rikers letzte Fahrt mit der Enterprise sein, da er endlich danach endlich sein eigenes Kommando als Captain der U.S.S. Titan übernehmen wird.

Doch auf dem Weg dorthin entdeckt Chefingenieur Geordi La Forge (LeVar Burton) eine Positronenstrahlenquelle auf dem Planeten Kolarus III und bei einer nähere Untersuchung findet man die zerlegten Einzelteile eines Androiden, der ein Prototyp von Lieutenant Commander Data (Brent Spiner) zu sein scheint und genauso wie dieser aussieht.

Und dann kommt auch noch eine Nachricht von Admiral Janeway (Kate Mulgrew) – da es bei den Romulanern einen politischen Umsturz gab, will der neue Praetor ein mit Picard über ein neues Friedensabkommen mit der Föderation verhandeln. Doch auf Romulus angekommen erwartet Picard eine Überraschung – der Praetor Shinzon ist kein Romulaner und auch kein Remaner, sondern ein jüngerer Klon von ihm selbst!

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Die Kritik
Man kann »Star Trek Nemesis« nicht vorwerfen, daß man nicht zumindest versucht hätte einen richtig guten Film zu machen. Der Kern der Idee, die Drehbuchschreiber John Logan hatte, wirkt auf den ersten Blick durchaus interessant: nachdem man sich viele, viele Jahre mit den Klingonen, den Borg und anderen Gegnern herumgekloppt hatte, wäre es doch mal etwas neues, wenn man sich einem etwas vernachlässigten Volk widmen würde, daß wir bereits aus der Originalserie kennen: den Romulanern. Doch was macht man aus dieser Idee? Nichts. Statt Romulanern tischt man uns nun plötzlich Remaner auf (die – wenn ich mich recht erinnere – zuvor noch nie als eigenes Volk erwähnt wurden) und einen Klon von Picard.

Doch fangen wir lieber mal ganz vorne an: Riker und Deana Troi haben also endlich geheiratet. Prima, und zur Feier des Tages macht man dann halt mal mit dem Flagschiff der Föderationsflotte, nämlich der ENTERPRISE, eine kleine Privatreise nach Betazed um dort weiterzufeiern. Tja, Picard scheint keine Angst vor dem Rechnungshof der Föderation zu haben, denn sonst würde er diese unsinnige Verschwendung von Steuermitteln unterlassen und Riker und die anderen die Reise in einem Charterraumschiff selbst zahlen lassen…

Aber was soll’s, da sind nun also alle glücklich unterwegs und dann mißt Geordi während des Flugs plötzlich eine unbekannte Positronenstrahlungsquelle auf einem Planeten an. Wow! Wer es nicht weiß: Positronen sind Antimaterie und reagieren mit gewöhnlichen Elektronen unter Zerstrahlung… Wenn wir also jetzt nun ein paar Androidenteile haben, die auf einem Planeten rumliegen, dann würde schwache Positronenstrahlung nur ein paar Zentimeter weit reichen – und starke Positronenstrahlung zu ziemlich heftiger Gammastrahlung und eindrucksvollen Leuchterscheinungen führen. Gut also, daß im hochtechnisiertem Star Trek-Universum völlig andere physikalische Regeln gelten, als in unserer primitiven Welt.

Weiter – da findet man also wieder einen Doppelgänger von Data. Ja, ich schrieb »wieder einen«, denn wer TNG kennt, wird sich sicher an Data bösen Bruder Lore erinnern. Ja, die Fans erinnern sich sicher alle an ihn – nur leider kein einziger Mensch oder Android an Bord der ENTERPRISE! Da rätselt man lieber herum, wie es das geben kann, daß Data einen scheinbaren Doppelgänger hat! Und bevor man sich noch sicher ist, ob der Prototyp mit dem hübschen Namen B-4 (sprich: »Before«, als »Zuvor«) überhaupt technisch in Ordnung ist und man ihm trauen kann, lädt Data gleich mal seine ganzen Erinnerungen in dessen Speicher. Selbst Geordi fragt sich hier zurecht, was das denn bitte soll…

Und dann erreichen wir Romulus und treffen auf Picards titelgebende Nemesis – Shinzon. Dieser Klon wuchs bei den Remanern auf, die auf der dunklen Seite des Planeten Remus hausen und dort als Sklaven in den Minen arbeiten müssen. Dieses im wahrsten Sinne des Wortes lichtscheue Pack hat still und heimlich eine neue, gefährliche Strahlung entdeckt und gebändigt und dazu auch noch ein sehr gefährliches und hochtechnisiertes Raumschiff, mit dem Shinzon schon bald die ENTERPRISE bedroht.

Leider laufen jetzt das Drehbuch und die Logik bald völlig Amok, denn im Verlauf der übrigen Handlung kriegen wir jetzt plötzlich einen Transporter in Grüße eines Daumennagels präsentiert, Mitverschwörer die plötzlich und ohne Erklärung ihre Seiten wechseln, eine Flucht mit einem Shuttle INS Raumschiff, statt AUS dem nächstgelegenen Außenschott und noch vieles unsinnige mehr.

Da kann man auch nur noch den Kopf schütteln, als Captn. Picard plötzlich mal unmotiviert die Selbstzerstörung der ENTERPRISE befiehlt (ohne an die Rettung seiner Besatzung zu denken) – vermutlich wollte er seinen Feind ebenso verwirren wie die Zuschauer, denn Sinn würde ein solches Vorgehen nicht machen.

Man könnte jetzt ewig so weitermachen, und sich fragen, warum die Tarnvorrichtung nur bei den Bösen funktioniert, aber nicht bei den Guten, warum ein Raumschiffkapitän unfähig ist zu erkennen, daß er einem Rammversuch eines anderen Raumschiffs am besten nach OBEN entkommt und so weiter…

Wie gesagt, dieser Film enthält so viele Logikfehler, daß man sich kaum alle merken kann. Aber wenn wenigstens die so zusammengemurkste Handlung Pfiff und Spannung hätte, dann wäre ja noch alles einigermaßen okay. Aber Pustekuchen – der Gegner ist von Anfang nur eine Bedrohung auf Zeit und damit als Gefahr bereits entwertet, bevor er richtig loslegen kann. Und während man sich also trotzdem um die Sicherheit der Erde kloppt, ist man auf beiden Seiten unfähig seine Vorteile konsequent auszuspielen. Als z.B. Remaner auf die ENTERPRISE kommen, schießt man lieber sinnlos mit Phasern ‚rum, anstatt dem Computer einfach mal zu befehlen die Helligkeit an Bord von »Schummrig dunkel« mal auf »Richtig hell« zu ändern und damit die lichtempfindlichen Remaner so auszuschalten!

Es verwundert auch nicht, daß viele bekannte Crewmitglieder der ENTERPRISE nur minimale Rollen haben (gerade Geordi LaForge und Beverley dürfen fast nur rumstehen), da sich ja diesmal alles um Jean-Luc Picard und in gewissem Sinne auch um Data drehen soll. Diese Rechnung geht aber leider nicht auf, denn Picard markiert zwar wieder einmal nach »First Contact« den starken Mann, aber letztlich bleibt unverständlich, warum gerade ein Klon von Picard eine so gigantisch große Gefahr für die Föderation darstellen soll. Und man sollte eines nie vergessen: die wahre Nemesis Picards wird nie irgend so ein dahergelaufener Klon sein, sondern immer die Borg, die aus ihm einst Locutus machten!

Und als schließlich alles auf den Showdown zusteuert, scheint man sich doch noch etwas zu trauen – man läßt tatsächlich ein bekanntes Crewmitglied der ENTERPRISE sterben! Ja, das hätte vielleicht wirklich ein echter Höhepunkt werden können und den Film noch retten können, wenn man nicht auch diesen Tod bereits im Vorfeld völlig entschärft hätte.., und so verpufft auch dieser Tod fast unbemerkt im dunklen Weltraum der Langeweile.

Das selbe Schicksal ereilt aber zuvor bereits die eigentliche Bedrohung durch Shinzon. Wir bekommen nur immer gesagt, wie gefährlich er und sein Raumschiff sind, und daß er die Erde bedrohen will, aber bekommen es nicht zu sehen. Was wir zu sehen kriegen ist ein klassischer Zweikampf zwischen dem remanischen Raumschiff und der ENTERPRISE. Und da wir alle wissen, daß die Crew der ENTERPRISE überleben wird, ist auch hier nicht für sonderlich viel Spannung gesorgt.

Die Synchronisation ist diesmal auch mal wieder zu Höchstform aufgelaufen und so sprechen die Romulaner im Film an der einen Stelle vom „Imperium“ und an der nächsten vom „Empire“. Und während man in TNG immer noch von »Bird of Prey«-Raumschiffe sprach, nennt man sie jetzt plötzlich »Raubvogel«. Na, dann macht es auch nichts mehr aus, daß man in der vermeintlichen deutschen Synchro auch mal einen »Henchman« auf die Brücke holt. Da scheint man im Studio sich zu Recht gedacht haben: Ist doch eh schon alles egal!

Nach soviel Schelte, will ich hier aber auch noch ein paar positive Dinge über den neuen Film sagen. Ich habe mich ihn »Nemesis« nie so gelangweilt, wie in »Der Aufstand«, was aber wohl auch vor allem daran lag, daß die Masken und die CGI-Effekte doch einigermaßen sehenswert (wenn auch nicht beeindruckend) waren und es Spaß machte die Logikfehler mitzuverfolgen. Und die Schauspieler geben alle ihr Bestes und man spürt an mancher Stelle noch etwas von dem Feuer, daß TNG einst zu so einer erfolgreichen Serie machte.

Und schön geworden ist auch die Kameraführung in so manchen Szenen. Da verschwindet Data im Vordergrund sanft in der Unschärfe und Picard, der hinter ihm steht, wird in den Focus der Kamera geholt als er zu sprechen beginnt – eine wunderbare Arbeit an der Kamera, die für diesen Film, der technisch gut gemacht ist, aber einfach inhaltlich rundum versagt, leider verschwendet ist. Ach ja, und Jonathan Frakes hat abgenommen!

Zuletzt noch ein Hinweis auf einen amüsanten Gastauftritt: Dina Meyer sehen wir als Commander Donatra einen romulanischen »Bird of Prey« befehligen – und Dina Meyer spielte auch Batgirl in der kurzlebigen Fernsehserie »Birds of Prey«.

Fazit
Wie verlockend und vielversprechend klangen die Versprechungen und Ankündigungen von John Logan und Rick Berman. Der zehnte Star Trek-Film sollte ein Fest für alle Fans werden und sich dem Jubiläum würdig erweisen, doch statt dessen wurde er an den Kinokassen zu Recht ein gewaltiger finanzieller Flop. Sehr wahrscheinlich war dies jetzt sogar der letzte Film der TNG-Crew an Bord eines Raumschiffs ENTERPRISE, und wahrscheinlich auch der letzte Star Trek-Filme für die nächsten paar Jahre. Vielleicht hätte man bei Paramount doch jemanden fragen sollen, der sich mit so was auskennt… Denn ST: Nemesis bietet zwar anständige Schauspieler, nette Spezialeffekte und schöne Aufnahmen, scheitert aber letztlich am eigenen Anspruch und der langweiligen und unlogischen Handlung. Und spätestens nach »Voyager« hätte man eigentlich müssen, dass man den Fans nicht jeden Unsinn auftischen kann.

© Florian Breitsameter (Text), UIP (Bild)