Filmkritik: »Star Wars: Episode 2 – Angriff der Klonkrieger« (2002)

In den nächsten Wochen werdet ihr wahrscheinlich mehrere Dutzend Reviews dieses Films lesen. Und ihr werdet ihn euch ansehen – machen wir uns doch nichts vor. Aus diesem Grund werde ich weder den Film spoilern, in dem ich ad infinitum die Handlung durchkaue, noch werde ich auf die Dinge eingehen, die offensichtlich sind, und die jeder andere Kritiker präsentieren wird.Ich bitte zu berücksichtigen, daß ich extrem voreingenommen in diesen Film gegangen bin. George Lucas schuldet mir nämlich noch Geld. Warum? Das reicht bis ins Jahr 1984 zurück, als ich im zarten Alter von 16 Jahren »Die Rückkehr der Jedi-Ritter« gesehen hatte. Damals schwor ich mir: »Wenn der Lucas noch mal einen Star Wars-Film dreht, fliege ich nach Amerika, und sehe ihn mir am Tag der Premiere an!« Dieser Schwur war für mich in seiner Ernsthaftigkeit vergleichbar mit Bruce Waynes Entscheidung am Grab seiner Eltern, böse Jungs zu fangen. Und man mache sich klar – damals bekam ich 15 DM Taschengeld im Monat, und ein Flug in die USA kostete 2000 DM. Ein Milchbubi, ein Wort: Ich bin vor mittlerweile mehr als zwei Jahren tatsächlich nach New York geflogen, um »The Phantom Menace« am Premierentag im Kino zu sehen. Damit dürfte sich die Frage, warum mir George Lucas Geld schuldet, eigentlich erschöpfend beantworten.

Besonders angesichts der Aussage von Star Wars-Produzent Rick McCallum, Episode II sei »der romantische« Film der Trilogie, und der Aussicht auf Hayden Christensen im Schnöselmodus, war ich mehr als skeptisch, was „Star Wars Episode II: Attack of the clones“ angeht (und erwartet nicht von mir, den Titel noch mal vollständig zu wiederholen).

Pause.

Die Nachspann ist jetzt mittlerweile vor drei Stunden über meine Netzhaut gewuselt. Ich hatte einen Kaffee, ein, zwei erhellende Gespräche mit Kollegen zum Thema Star Wars, und meine Haare habe ich mir schneeweiß färben lassen (was aber nichts mit dem Thema zu tun hat). Auf dem Roller, im Fahrstuhl, im Büro, am Herd – die letzten drei Stunden habe ich damit verbracht, meine eigene spontane Meinung zum Film in Frage zu stellen.

Wer mich kennt, weiß, daß ich meine eigene Meinung eigentlich nie in Frage stelle. Aber in diesem Fall schien es mir angebracht, wirklich sicher zu sein, bevor ich eine Aussage treffe, die in ihrer Radikalität und Kompromißlosigkeit sicher auf viel Widerspruch stoßen wird.

Aber es muß sein.

„Episode II“ ist neben „Das Imperium schlägt zurück“ der bisher größte Triumph von George Lucas, und beide Filme stehen ebenbürtig nebeneinander.

Puh, jetzt ist es raus.

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Werde ich das in drei Tagen auch noch so sehen, wenn ich genug Zeit zur Reflektion hatte? Keine Ahnung. Aber hier und heute stehe ich dazu.

Es würde 80.000 Worte brauchen, den Film in allen Details zu besprechen. Darum an dieser Stelle nur Punkte, die mir erwähnenswert scheinen:

  • Trotz einiger sehr „spielerischer“ Actionsequenzen hat man zur Abwechslung mal nicht das Gefühl, gerade Geld für einen überlangen Werbespots für Puppen und Computerspiele ausgegeben zu haben.
  • Du meine Güte, sieht Natalie Portman scharf aus! Mein besonderer Dank gilt hier der Kostümdesignerin.
  • Hayden Christensen hat das Pech, einen nervigen Charakter spielen müssen. Davon abgesehen schlägt er sich aber überraschend gut, und als besonders störend empfand ich ihn nicht.
  • Die Liebesgeschichte zwischen Annakin und Padme ist nicht wirklich überzeugend – warum sollte sich diese kluge und schöne Frau in einen jüngeren Rotzlöffel verlieben? Aber auch hier gilt – es stört nicht.
  • John Williams Soundtrack fällt dann am positivsten auf, wenn er einzelne Passagen aus der ersten Trilogie verwendet.
  • Ich unterstelle, daß der durchschnittliche 12jährige von der Handlung des Films überfordert sein wird.
  • Natalie Portman sieht einfach scharf aus.
  • Ewan McGregor ist erstaunlich in die Rolle des Obi Wan hineingewachsen.
  • Jar Jar kommt nur in zwei Szenen vor.
  • Yoda ist jetzt vollständig am Computer entstanden (eine überraschend eindeutig positive Entscheidung).
  • Ein Lichtschwert-Duell zwischen Yoda und Christopher Lee fällt entgegen aller Wahrscheinlichkeit nicht peinlich aus.
  • Endlich – C3PO und R2D2 vereint. Die Magie ist augenblicklich wieder da.
  • Der Film fahrt eine erstaunliche Menge an Insider-Gags auf – nicht nur in Richtung der anderen Episoden, sondern auch im Bezug auf George Lucas‘ Erstling „American Graffiti“. Auch im Design nähert man sich konsequent dem „Krieg der Sterne“, was „Episode II“ mitunter einen anachronistischen Look verleiht.
  • Die fremden Planeten sehen niemals „echt“ aus – jede Aufnahme eines größeren Panoramas wirkt wie eine Zeichnung von Ralph McQuarrie oder das Cover eines SF-Romans aus den 40er Jahren. Und das ist gut so.
  • Erwähnte ich schon, wie scharf Natalie Portman aussieht?
  • Es gibt so etwas wie einen „Erlebnis-Overkill“: die abschließende Schlacht fährt so ziemlich alles auf, was tricktechnisch heute möglich ist – und ist an schierem Spektakel trotzdem dem Angriff auf Hoth in „Das Imperium schlägt zurück“ unterlegen. Wir merken: Ab einer bestimmten Menge an Komparsen, Explosionen, und Raumschiffen lässt sich die Dramatik nicht mehr steigern.
  • Menschen auf fliegenden Motorrädern – wir wissen nicht erst seit „Crusade“, dass das behämmert aussieht. Seit „Episode II“ wissen wir nun auch, dass es keine Frage des Geldes ist, ob es behämmert aussieht.
  • Die Menge an Handlung, die Lucas in die 142 Minuten Laufzeit packt, hätte für eine eigene Trilogie gereicht.
  • „Episode II“ wiederholt einen Fehler von „Episode I“: Die Hauptdarsteller sind für einen großen Teil der Laufzeit voneinander getrennt, obwohl den Fans ja besonders das Zusammenspiel der Figuren gefällt.
  • Seien wir ehrlich – das schiere Spektakel eines Star Wars-Films bekommt man nur bei Star Wars.
  • Wenn „Episode II“ wirklich 105 Millionen Dollar gekostet hat, wie ist es dann möglich, daß Schrott wie „Wild Wild West“, „Batman Forever“ und „Pearl Harbor“ teurer war?
  • Wie alle anderen Star Wars-Filme beginnt der Film im Weltraum, und endet mit einer Szene ohne Dialog (danke an Balthasar für den Hinweis).
  • Natalie Portman, mein lieber Mann. Scharf.

Gut und schön, was „Episode II“ aber endgültig aus den Trümmern von »Episode I« wie ein Phönix auferstehen läßt, ist die Liebe zum Detail. Im Mittelteil reisen Annakin und Padme nach Tattooine, und wir bekommen ganze Sequenzen zu sehen, die direkt aus „Krieg der Sterne“ stammen könnten, und diverse Figuren des Films von 1977 schon mal präventiv vorstellen. An diesen Stellen trifft der „neue“ Geist von Star Wars auf den alten – und es kommt nicht zu der befürchteten Implosion. Die Filme greifen besser ineinander, als es jemals vorstellbar schien.“Episode II“ ist nicht perfekt. Aber in aller Fairneß muß gesagt werden, daß kein Star Wars-Film perfekt war (auch nicht »Das Imperium schlägt zurück«). Allein die Notwendigkeit, eine breitestmögliche Zielgruppe anzusprechen, verhindert hartes Drama. Trotzdem schwankt der Film nicht annähernd so sehr zwischen Melodram und Slapstick wie „Episode I“. Er wirkt wie „aus einem Guß“, und erstaunlich erwachsen..

Fazit: Die Macht ist wieder mit George Lucas – endlich!

P.S.: Klar kann man sich den Film als Raubkopie aus dem Internet ziehen. Aber tut euch das nicht an. Sucht euch das Kino mit der größten Leinwand und den fettesten Lautsprechern – ihr werdet es nicht bereuen.

© Torsten Dewi, Mai 2002

Ein Gedanke zu „Filmkritik: »Star Wars: Episode 2 – Angriff der Klonkrieger« (2002)“

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