Filmkritik: »The Matrix« (1999)

USA 1999: Die Realität des Hacker Neo bricht zusammen, als er mit seinem großen Vorbild Morpheus zusammentrifft. Neben der realen Welt existiert nämlich zusätzlich die »Matrix«, und Morpheus glaubt, daß Neo der Retter der Menschheit ist, der die Matrix beherrschen kann.

Matrix Kinoposter

Ende April 1999 konnte ich im Rahmen einer Pressevorführung zum ersten Mal „The Matrix“ sehen. Ich wußte nichts über den Film, nun fast nichts: es sollte ein SF-Film sein, und er war in den USA gerade sehr erfolgreich angelaufen. Zwei Stunden später verließ ich mit weit geöffneten Augen und einem sehr seltsamen Gefühl das Kino: ich hatte ein atemberaubendes Filmerlebnis hinter mir.

What is the Matrix?

– das ist die Frage, die sich zu Beginn auch Thomas Anderson (Keanu Reeves) stellt. Tagsüber der brave Angestellte im Großraumbüro eines Konzerns, ist er nebenbei der Hacker NEO, der den Untergrund versorgt. Eines Nachts trifft er (durch eine anonyme Nachricht auf seinem Computer aus der Wohnung gelockt – »Follow the white rabbit!«) in einer Diskothek Trinity (Carrie Ann-Moss), die ihm verspricht ihn zu Morpheus (Laurence Fishburne) zu bringen – einer Legende unter den Hackern.

Doch die Polizei ist inzwischen auf Neo aufmerksam geworden. Er wird von Agenten festgenommen, verhört und nach seinen Kontakten zum Staatsfeind Morpheus befragt.

Neo beim Verhör
Neo will mit Agent Smith (Hugo Weaving) nicht zusammenarbeiten – doch als er auf seine Rechte plädiert (»Ich habe das Recht auf einen Telefonanruf!«), muß er feststellen, daß die Welt und die Wirklichkeit nicht ganz so einfach ist, wie er es sich bisher gedacht hat…
What good is a phone call if you are unable to speak?
Und so beginnt Neos Reise ins Unbekannte. Er wird vor die große Wahl gestellt – und er entscheidet sich für das Abenteuer, den Kampf und die Wahrheit. Diese ist nicht immer bequem und er weiß, daß er sich seinem Schicksal stellen muß.
No one can be told, what The Matrix is. You have to see it for yourself.
In vielen Zeitschriften und Berichten zu diesem Film wird man wesentlich mehr zur Handlung erfahren, als ich hier verrate. Doch ob das wirklich so hilfreich ist, bleibt fraglich. Denn es stimmt schon: man muß den Film gesehen haben, um es zu glauben und die Geschichte zu kapieren, die die beiden Wachowski Brüder sich da überlegt haben. Denn THE MATRIX ist ein echter SF-Film, der sich und das Genre ernstnimmt (und genau das fehlte vielen anderen Filmen der letzten Jahre, z.B. „The Fifth Element“). Die Geschichte ist logisch aufgebaut und rasant erzählt. Und obwohl, wegen des großen Erfolgs in den USA, bereits von einer Fortsetzung gesprochen wird, so wüßte ich momentan nicht, wo diese ansetzen sollte: denn es gibt kein offenes Ende.
Guns. Lots of Guns.
Neo schießt sich seinen Weg frei...
Dieser Spruch von Neo, der im letzten Drittel des Films fällt, paßt zum Film. Denn in THE MATRIX ist alles ein bißchen größer, härter und dunkler, als man es bisher aus dem Kino kannte: wenn es regnet, dann so, daß der Regen in »Blade Runner« wie ein müdes Geplätscher wirkt; wenn geschossen wird, dann so, daß TERMINATOR wie eine Hinterhofschießerei wirkt und wenn gekämpft wird, dann so, daß DIE HARD wie ein Spaziergang aussieht.

Da wird in einer Eingangshalle minutenlang aus allen Rohren gefeuert, daß von den Marmorsäulen nur noch Staub und Brösel bleiben, die Dank der Aufnahmetechnik in der Luft zu schweben scheinen. Neo und seine Gegner fliegen bei den Kung Fu Kämpfen mit Eleganz durch die Luft und zeigen eine Choreographie, wie sie bisher in westlichen Produktionen unbekannt war. Menschen überspringen ganze Häuserzeilen und schlagen Beton zu Staub. Und das alles passiert zu harten, hämmernden Beats von z.B. Prodigy, Marilyn Manson und den Propellerheads…

Aber wie gesagt: es ist ein Science Fiction Film, und die Action dient der Handlung – nichts andersherum. Die Spezialeffekte drängen sich nicht in der Vordergrund, aber sie erstaunen vom ersten Moment an!

The Matrix
the_matrix_trinity_und_neo.jpg

Die Schauspieler hatten es bei THE MATRIX aber nicht leicht. Im Gegensatz zum neuen STAR WARS Film wurden sie nicht zu Statisten degradiert, die sich nur in den Kulissen zu bewegen hatten, sondern es wurde viel von ihnen abverlangt. Innerhalb einiger Monate mußten sie üben, sich wie ein Kung Fu Kämpfer zu bewegen und die entsprechenden Kampfszenen zu spielen. Außerdem mußten sie eine spezielle Art von Stunttechnik erlernen, bei der sie an Drähten aufgehängt und durch die Luft gezogen werden. Mit diesem Trick waren die gigantischen Sprünge und Kampfszenen zu realisieren, die den Film so faszinierend machen.

Aber auch die Tricktechniker wurden gefordert. Für ein paar Szenen mußten völlig neue Aufnahmetechniken entwickelt werden, um eine komplette 360 Grad Sicht zu haben. Und um eine extreme Slow-Motion zu zeigen, wurde eine „bullet-time photography“ verwendet, die bis zu 12.000 Bilder pro Sekunde ermöglicht!

Wie der Film aber zeigt, hat sich der Aufwand, den Produzent Joel Silver (u.a. DIE HARD, LAST BOY SCOUT, DEMOLITION MAN, usw.) und die Wachowski Brüder gefordert haben, gelohnt: es erwarten einen optische Erlebnisse, wie man sie bisher nicht kannte.

THE MATRIX wurde für geradezu lächerliche 60 Millionen US-Dollar in Sydney gedreht und produziert.

Mr. Smith

Keanu Reeves, der die Hauptrolle spielt, war bereits in „Johnny Mnemonic“ in einer Art „Cyberpunk“-Verfilmung zu sehen. Doch THE MATRIX ist mit diesem Debakel nicht zu vergleichen – was dort künstlich wirkt, ist jetzt echt. Damals versuchte Keanu Reeves noch vergebens „cool“ zu wirken – wenn er heute als Neo mit seiner Sonnenbrille durch die Sicherheitskontrolle stapft und unter seinem langen Mantel alles vor Waffen hat, dann IST ER COOL.

Laurence Fishburne spielte u.a. Ike Turner in „What’s love got to do with it?“ und war bereits in „Apocalypse Now“ als junger GI zu sehen. Er wurde aber auch mehrmals für den EMMY nominiert (TV Auszeichnung) und war z.B. auch im SF-Flop „Event Horizon“ zu sehen.

Carrie-Anne Moss wechselte erst vor kurzem vom Fernsehen zum Film. Laut den neusten Gerüchten wird sie demnächst für Hollywood zum Mars fliegen…

Hugo Weaving ist einer der bekanntesten australischen Schauspieler. Neben seinen Filmproduktionen stand er aber auch in den letzten Jahren immer wieder in Shakespeare-Produktionen auf der Theaterbühne.

© Florian Breitsameter (Text), Warner (Bildmaterial)