Filmkritik: »Unbreakable« (2000)

Unbreakable - Unzerbrechlich


So gut kann Hollywood-Kino sein!
Der Inhalt: Bruce Willis überlebt ein Zugunglück. Warum?

Unbreakable

Haltet euch in den nächsten Wochen von Freund und Freundin fern. Laßt den Fernseher aus, und schlagt auch keine Zeitung mehr auf. Jede Webseite, die auch nur im entferntesten mit Film zu tun hat, ist tabu. Kurz gesagt: Vermeidet jede Quelle, die euch Hinweise auf den Plot von »Unbreakable« geben könnte, bis ihr den Film gesehen habt.

Wundert euch nicht, daß die Inhaltsangabe von »Unbreakable« ein bißchen mager ist. Mehr geht leider nicht. »Unbreakable« ist nämlich noch heikler als der Vorgänger »Sixth Sense«: Hier muß man nicht nur die Handlung für sich behalten, sondern sogar das Genre. Denn wenn man ein Genre erwähnt (z.B. »Musical« oder »Western«), dann hat der Leser gleich bestimmte Erwartungen an den Film. Und da »Unbreakable« sich genau um die Erwartungen, die der Zuschauer hat, überhaupt nicht kümmert, könnte jede genauere Definition eine Enttäuschung bedeuten. Und das wäre schade, denn »Unbreakable« ist (man entschuldige meine Ausbruch in Großbuchstaben) DER BESTE FILM DES JAHRES!!!

So, jetzt ist es raus. War doch ganz leicht. Nun kommt der schwere Teil: Wie überzeuge ich euch davon den Streifen anzuschauen, wenn ich nicht genau erklären kann, warum? Na ja, ich versuche es mal.

Samuel L. Jackson und Bruce Willis, (c) Touchstone
Samuel L. Jackson und Bruce Willis

»Unbreakable« ist dem Vorgänger in vielerlei Hinsicht sehr ähnlich. Bruce Willis ist dabei, eine deprimierte Mutter schleicht herum, der Sohn ist permanent mies drauf (und sieht aus wie das Stuntdouble von Haley Joel Osmont), und generell herrschen Trübsinn und schlechtes Wetter. Auch thematisch hat sich wenig getan: Es geht um ungewollte Fähigkeiten, um Vorherbestimmung, um Verantwortung. Auch technisch scheint M. Night Shyamalan seine Nische gefunden zu haben: langsame Kamera, wenig Schnitte, kein auffälliges Brimborium. Sein Drehbuch hält sich in den Dialogen konsequent knapp, und diese Effizienz ist im Vergleich zu der Geschwätzigkeit anderer Hollywood-Filme wirklich erfrischend.

In vielerlei Beziehung wirkt »Sixth Sense« rückblickend wie ein Testlauf, und »Unbreakable« wie das fertige Produkt. Wo »Sixth Sense« noch vage und zum Teil verschlossen wirkte, da kommt »Unbreakable« konkreter und zugänglicher daher. Basierte die Schockwirkung von »Sixth Sense« nur auf einer, beziehungsweise zwei Überraschungen, so trumpft »Unbreakable« ständig mit Wendungen und konsequent durchdachten Haken auf. Es gehört Mut und Vision dazu, einen Film zu drehen, der trotz einer konventionellen Geschichte, die auch in einem Jerry Bruckheimer-Film nicht fehl am Platz gewesen wäre, so elegisch und in sich zerrissen ist. »Unbreakable« ist keine leichte Kost, die man nach dem Kinobesuch sofort wieder vergißt. Im Gegenteil: Der Film setzt sich fest, fordert heraus. Immer wieder stößt man in der Reflektion auf neue Details und Ansätze.

Im Umkehrschluß heißt das natürlich auch: Wer »Sixth Sense« unendlich öde fand, wird auch mit der meditative, gänzlich unspektakulären Art von »Unreakable« nichts anfangen können. Ich bin der Meinung, daß der Regisseur mit seinem nächsten Streifen beweisen muß, daß er auch mal etwas anderes drehen kann.

Das bei der hochkarätigen Besetzung keine Patzer vorkommen, versteht sich zwar von selbst, aber Samuel Jackson hat mich außerordentlich überrascht. Ich hatte nach »Pulp Fiction« das Gefühl, daß er viel bequemen Hollywood-Müll gedreht hat, der seinen Fähigkeiten eigentlich nicht gerecht wird (möchte sich jemand mal »Sphere« auf Video ausleihen?). Aber gerade im Kontrast zu Macho-Nummer in »Shaft« zeigt er hier, was in ihm steckt: Die zerbrechliche, verzweifelte Figur des »Elijah« ist sicher nichts, was man ihm so ohne weiteres zugetraut hätte. Das ist einen Oscar wert.

Das einzige Manko des Films ist in meinen Augen James Newton Howards Musik. Normalerweise ist er einer der besseren Komponisten, wenn es um anspruchsvolle Ware geht, aber hier hat er einen Soundtrack für genau den Hollywood-Streifen abgeliefert, den der Regisseur gottseidank nicht gedreht hat. Die Musik wirkt zu stark, zu dominant, zu überfrachtet. Alles, was ich sonst noch sagen könnte, wirkt schal, weil es nicht genau belegen kann, ohne euch zuviel zu verraten.

Und jetzt: Türen zu, Licht aus, ein altes Buch nehmen, und die Tage zählen, bis »Unbreakable« endlich anläuft.

Der deutsche Starttermin ist der 28. Dezember 2000.

© Torsten Dewi (Text), Touchstone (Bildmaterial)

UNBREAKABLE (2000)
Regie & Drehbuch: M. Night Shyamalan
Schauspieler: Bruce Willis, Samuel L. Jackson, Robin Wright, Spencer Treat Clark, Charles Does, u.a.

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