Andreas Eschbach – Jenseits der Berge

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»Jenseits der Berge« von Andreas Eschbach 61.62 Kb
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Sie hatten Livet erwischt. Sie waren aus dem Nachthimmel heruntergekommen wie ein einstürzendes Dach, schwarzes Geflatter dunkler als die Nacht, wirbelnde Krallen, messerscharf, gierig zischende Mäuler, hatten Livet mit sich fortgetragen und Bran zurückgelassen, einfach so. Und ihr ohrenbetäubendes Kreischen hatte geklungen wie höhnisches Gelächter.Bran blieb liegen, bis er glauben konnte, daß es vorbei war. Als die Schreie sich verloren, hob er den Kopf aus dem kalten Schlamm, aber er konnte sich nur auf den Rücken drehen, so sehr zitterte er noch. Seine Hand bekam den Dornenstock zu greifen, und ein wütendes, hilfloses Schluchzen drang wie von selbst aus ihm heraus. Nutzlos. Es gab keine Waffen, keinen Schutz. Wenn Opferzeit war, mußte Blut fließen, so war es. Wenn sie nachts keine Beute fanden, kamen sie bei Tage. Wenn sie auf den Feldern und in den Gassen niemanden kriegen konnten, drangen sie in die Häuser ein. Wenn die Vampire hungrig waren, dann mußte ein Mensch sterben.

Und heute nacht war die Reihe an Livet gewesen. Bran stemmte sich elend hoch. Gellende Schreie hallten von den Bergen wieder, weit entfernt. Jetzt waren sie im Blutrausch. Er mußte machen, daß er das Dorf erreichte. Heute nacht würden sie jeden nehmen, den sie kriegen konnten, ob sie noch hungrig waren oder nicht.

Aber er war genug gerannt heute nacht. Seine Schenkel brannten vor Erschöpfung, und der kalte Wind, der den Schnee von den Bergen herabtrug, fror ihm das Leben aus dem Leib. Einfach vornüberkippen, liegenbleiben, selbst zur Beute werden. Es endlich überstanden haben. Nur die Füße waren nicht einverstanden, trugen ihn weiter, stapften durch aufgeweichte Gassen, fanden den Weg zum Versammlungshaus, und dort zogen ihn Hände zur Tür herein, in dampfende Wärme.

»Bran… er ist zurück… er lebt…« Gemurmel um ihn herum. Man setzte ihn an den Ofen, jemand reichte ihm eine Schale mit Brühe. Es war eine sehr dünne Brühe. Dieses Jahr reichte es kaum zum Leben. Die Vampire hatten die Felder verwüstet wie selten zuvor.

»Geht es dir besser?«

Er nickte, wärmte die Hände an der Schale. Aber die Wahrheit war, daß er nicht wußte, ob es ihm gut ging oder nicht.

»Livet?«

»Sie haben ihn geholt.«

Das Raunen trug Livets Namen weiter. Aus dem Raum der Frauen drang gleich drauf Wehklagen. Aber gleichzeitig war so etwas wie Aufatmen zu spüren – Hoffnung, daß die Vampire nun wieder einmal zufrieden sein würden für eine Weile.

»Dies ist ein Abend der Wunder«, rief plötzlich jemand. »Von dreien, die wir tot glaubten, sind zwei unversehrt zurückgekehrt!«

»Ehre sei dem Herrn des Tages und der Nacht«, murmelte ein Chor dumpfer Männerstimmen.

Bran sah den Mann neben sich fragend an.

»Siren ist zurückgekommen«, erklärte der.

»Siren? Aber wie kann das…?« Bran erinnerte sich, daß der junge Bursche vor zwei Monden verschwunden war. Natürlich hatte ihn jeder für tot gehalten. Es war unglaublich, daß er diese lange Zeit ohne den Schutz des Dorfes überstanden haben sollte.

»Dort hinten sitzt er. Und erzählt Dinge, die nicht mal das dümmste Kind glauben würde.«

»Ja? Was denn?«

»Kannst ihm ja zuhören. Er hört gar nicht auf zu reden.«

Bran erhob sich mühsam und mischte sich unter die Männer, die einen Tisch umringten, an dem wahrhaftig Siren saß, gesund und lebendig, und aufgeregt anredete gegen die Wand aus zweifelnden oder spöttisch grinsenden Gesichtern ringsum.

»Stellt euch Wiesen vor, grün und saftig, soweit der Blick geht. Stellt euch Felder vor, jedes so groß wie unser ganzes Dorf, die herrlich blühen. Stellt euch Bäume vor, Hunderte davon, die voller süßer Früchte hängen…«

»Märchenland!« warf jemand ein.

»Die Menschen dort«, rief ihm Siren entgegen, »wissen nicht einmal, was Vampire sind. Sie versammeln sich nachts unter freiem Himmel und feiern, zünden große Feuer an, um die herum sie fröhlich tanzen, lachen, singen, essen und trinken. Sie haben keine Angst vor der Nacht – sie lieben sie geradezu!«

»Geschichten erzählen konntest du schon immer, Siren«, meinte einer und erntete zustimmendes Gelächter.

»Ich habe das alles gesehen!« erregte sich Siren. »Ich habe das alles gesehen, mit diesen Augen! Mit diesen Händen habe ich reife Früchte von Bäumen gepflückt, ganze Körbe voll. Mit diesen Beinen bin ich durch Felder gegangen, deren Korn mir bis zur Hüfte reichte –«

»Wo ist dieses Land?« fragte Bran.

Siren sah ihn an. »Ich sagte es doch schon – jenseits der Berge. Ich habe einen Weg über die Berge gefunden. Und ich sage euch, auf der anderen Seite liegt ein Land, das unvorstellbar schön und reich ist; ein Land, in dem es keine Vampire gibt!« Er hob hilflos die Hände. »Warum versteht mich denn keiner? Sehe ich so aus, als sei ich verrückt geworden? Ich hätte dort bleiben können. Ich hätte nicht zurückzukommen brauchen, um euch davon zu berichten. Ich hätte nicht riskieren müssen, daß die Vampire mich doch noch erwischen. Ich hätte einfach bleiben können. Ihr glaubt mir nicht, schön – aber ihr braucht mir nicht zu glauben! Ihr könnt einfach mit mir kommen, und ich zeige euch den Weg, den ich gegangen bin. Wir brauchen nicht hierzubleiben, versteht ihr? Wir brauchen uns nicht sinnlos den Vampiren zu opfern. Wir können einfach fortgehen in ein besseres Land.«

»Vielleicht«, warf eine bedächtige, Ehrfurcht gebietende Stimme ein, »hat das alles seinen guten Grund.« Der Spott und das Gelächter erstarben. Die Männer wichen respektvoll beiseite, um den alten Gurot durchzulassen. Man machte ihm Platz, damit er sich an den Tisch setzen konnte, Siren gegenüber.

Gespannte Stille herrschte plötzlich. Gurot legte die Heilige Schrift vor sich hin, rieb sich die Reste der Opferkräuter von den Fingerspitzen und musterte den jungen Siren aufmerksam, der unter diesen Blicken kleiner zu werden schien. Langsam sagte er: »Ich möchte dir zunächst sagen, Siren, daß ich mich freue, daß du noch am Leben bist, und daß ich dich beglückwünsche.«

»Danke«, sagte Siren tonlos.

»Man hat mir von deinen Erzählungen berichtet, während ich das Huldigungsopfer darbrachte«, fuhr der Alte bedächtig fort, »und ich denke, ehe du dich immer wieder und wieder wiederholst, sollten wir alles einmal gründlich bedenken und von allen Seiten betrachten.«

Siren sagte nichts.

»Du bist der Überzeugung, daß du uns etwas von enormer Wichtigkeit mitzuteilen hast; hat man mir das richtig überbracht?«

»Ja.«

»Und du wunderst dich, daß deine Schilderungen hier auf, sagen wir einmal, Skepsis stoßen. Sehe ich das recht?«

»Genau.«

Gurot faltete die Hände in einer Geste der Nachdenklichkeit. »Nun, Siren, ich möchte, daß du dich einmal in die Lage dieser Leute hier versetzt. Du bist noch sehr jung, gerade mannbar geworden, in dir brennt noch die Hitze der Jugend und ihre Phantasie. Überdies weißt du selbst, daß du nicht gerade das warst, was man ein wohlerzogenes Kind nennt; du erinnerst dich sicher selber am besten an manche Streiche, Lügen und andere Vorfälle, die man beim besten Willen nicht als Zeichen übermäßiger Zuverlässigkeit verstehen kann. Versteh mich recht, ich verurteile damit weder dich noch das, was du sagst, ich möchte im Gegenteil alles gründlich bedenken, aber ich möchte zunächst, daß du mir sagst, ob ich gerade etwas Unwahres über dich erzählt habe.«

»Nein«, gestand Siren, »aber…«

Gurot hob eine Hand, um ihn zu unterbrechen. »Ferner möchte ich wissen, ob du dir vorstellen kannst, daß einige der hier Anwesenden einfach aufgrund deiner Jugend und der Erinnerungen an deine Kinderstreiche voreingenommen gegen dich sind. Kannst du dir das vorstellen?«

»Ja.«

»Gut. Aber wie gesagt, wir wollen alles gründlich bedenken, unabhängig von all diesem.« Der alte Mann legte seine Hand auf das Buch vor ihm. »Du weißt, daß ich mich eingehend mit den alten Schriften und Überlieferungen befaßt habe. Danach zu urteilen, hat es immer diese zwei Seiten gegeben: auf der einen Seite wir, die Menschen – auf der anderen Seite sie, die Vampire. Man kann natürlich fragen, warum. Und viele alte Schriften tun das auch. Meistens fragen sie gleichzeitig nach Gott, nach dem Schöpfer aller Dinge, und nach der Rolle, die wir oder die Vampire im Schöpfungsplan spielen. Die unangenehmste Antwort ist meist die, daß wir Menschen vielleicht einfach nur als Futter für die Vampire dienen sollen. Das gefällt uns nicht. Mir gefällt das auch nicht, ebensowenig wie dir, aber andererseits können wir unser Gefallen oder Mißfallen nicht zum Maßstab aller Dinge machen, nicht wahr? Etwas ist so, wie es ist, unabhängig davon, ob es mir gefällt oder nicht. Eine andere Erklärung, die immer wieder gefunden wird, ist, daß es einfach immer ein Gleichgewicht geben muß zwischen der Zahl der Menschen und der Zahl der Vampire. Wenn es viele Menschen gibt, steigt die Zahl der Vampire, und diese dezimieren wieder die Anzahl der Menschen. Gibt es umgekehrt zu wenig Menschen, verhungern viele Vampire, und die Menschen können sich wieder vermehren. Ohne die Vampire, heißt das, würden wir Menschen uns schrankenlos, ins Unermeßliche vermehren.« Gurot spreizte die Finger. »Aber, wie gesagt, das ist auch nur ein Erklärungsversuch, der uns nicht zu gefallen braucht. Was man mit Sicherheit sagen kann, ist, daß wir nicht wissen, wozu Vampire da sind. Wir wissen aber auch nicht, wozu der Tag da ist oder die Nacht. Wir wissen nicht einmal, wozu wir selber da sind, oder wozu es so etwas wie Leben überhaupt gibt. Letztlich ist alles ein Mysterium. Alles ist einfach so, wie es ist.«

Gurot sah in die Runde, in andachtsvoll lauschende Gesichter. »Ich muß wohl nicht erwähnen, daß in den alten Schriften nirgends, nicht an einer einzigen Stelle, die Rede davon ist, daß es jenseits der Berge so etwas wie ein gesegnetes Land geben könnte. In den Überlieferungen existiert nicht der geringste Hinweis auf ein Land, wo keine Vampire, sondern nur glückliche Menschen leben. Allerdings sprechen die Schriften von einem gelobten Land, aber um dorthin zu gelangen, muß man ein gottgefälliges Leben im Diesseits führen, ein Leben der Arbeit, der Entsagungen und der Prüfungen. Das ist natürlich anstrengend und unangenehm. Daß man dieses gelobte Land auch anders, nämlich durch einen einfachen Fußmarsch erreichen könne – das hat noch nie jemand behauptet. Noch nie bis heute abend. Bis du kamst, Siren. Sag mir eines: findest du das nicht selber merkwürdig?«

»Vielleicht ist vor mir noch nie jemand zurückgekehrt von dort?«

»Ah ja?« Gurot hob die Augenbrauen. »Aber jetzt bist ja du da, nicht wahr? Jetzt wird alles anders. Die heiligen Schriften, die alten Bücher, das können wir alles bedenkenlos verbrennen, denn du bringst uns ja die Wahrheit. Unsere zahllosen Toten können wir vergessen, denn sie sind ja ganz sinnlos gestorben. Denn ein Zeitalter geht zu Ende heute abend, nicht wahr, und ein neues beginnt. Sollen wir es das Zeitalter des Siren nennen?« Seine Stimme war schneidend scharf geworden.

Siren schaute hilflos drein. »Ich kann euch nur sagen, daß ich…«

»Ganz zweifellos glaubst du, was du sagst, Siren«, nickte Gurot. »Ich glaube dir. Wirklich. Ich bin der festen Überzeugung, daß du wirklich glaubst, jenseits der Berge liege die Erlösung.«

»Ja?«

»Ja, sicher. Siehst du, Siren, mir geht es so, daß ich das gerne auch glauben würde. Wirklich, mein Herz brennt danach, dir zu glauben. Aber mein Kopf…« Er lehnte sich zurück und lächelte wehmütig. »Mein Kopf kennt mittlerweile die Schliche des Herzens. Das Herz glaubt, was es sich wünscht. Höre mir nun gut zu, Siren, und versuche von meiner Lebenserfahrung zu profitieren. Ich will dich nicht verurteilen. Ich möchte dir nur erklären, was in dir vorgeht. Man glaubt das, von dem man sich wünscht, es wäre so. Und es ist immer das Herz, das sich etwas wünscht. Es ist auch das Herz, das Angst hat. Und wenn das Herz in Aufruhr gerät, dann denkt der Kopf nicht mehr klar, dann gerät er in Fieber und verstrickt sich in die unglaublichsten Hirngespinste. Wer von uns hat das noch nicht erlebt? Man verliebt sich in ein Mädchen – und schon gewinnt man aus der kleinsten Freundlichkeit, die sie einem erweist – und ebenso leicht aus jeder Unfreundlichkeit – die unumstößliche Gewißheit, daß sie unsere Liebe insgeheim erwidert. Sagt, erinnere ich mich da richtig?«

Die Männer lachten.

»Versuche dich zu erinnern, was in dir vorgegangen ist, Siren. Ich weiß es nicht, du allein weißt es. Du hast vielleicht überlegt, was für ein erbärmliches Leben das ist, das da auf dich wartet: Ein Leben, in dem es heißt, einem kargen, felsigen Boden Nahrung abzutrotzen, und dabei ständig Angst haben zu müssen vor den Vampiren. Du weißt nicht, ob du einmal so alt wirst wie ich, oder ob du morgen schon stirbst. Es ist unangenehm, über all das nachzudenken. Und vielleicht hast du dich in eine Phantasie geflüchtet. Doch solange man noch weiß, daß es nur eine Phantasie ist, kann sie einen nicht trösten, vergeht die Angst nicht. Es muß zur Gewißheit werden. Du steigerst dich hinein, du glaubst fest daran, zweifelst nicht mehr an der Realität dessen, was du glaubst – aber unter der Oberfläche bleibt ein leiser Zweifel. Dieser heimliche Zweifel ist es, der dich antreibt, andere überzeugen zu wollen. Dein Kopf ist in Phantasien verstrickt, und er will die Bestätigung anderer: wenn andere dir zustimmen, dir sagen, daß du recht hast, dann kannst du es besser glauben, als wenn du allein bleibst damit…«

»Es ist genug, alter Mann!« rief Siren wütend und sprang auf. Becher fielen um. Jeder hielt den Atem an. Noch nie hatte jemand gewagt, Gurot derart zu unterbrechen. »Du versuchst mit tausend klugen Worten die Wahrheit hinwegzuerklären, nichts weiter. Bleib von mir aus bei deinen staubigen alten Büchern, wenn sie dir mehr bedeuten als dein Leben! Ich sage euch nur, ich bin dortgewesen, im gelobten Land, und morgen früh werde ich wieder dorthin zurückgehen, und wer von euch will, der kann mit mir kommen.«

Ein Raunen ging durch die Reihen. Siren kam hinter dem Tisch vor und sah sich um in den Gesichtern. »Nun? Was ist?«

Niemand sagte etwas. Ein paar Männer wandten sich ab.

»Es scheint nicht so leicht zu sein, ein neues Zeitalter einzuläuten, wie?« ließ sich Gurot spöttisch vernehmen.

»Was war ich für ein Narr, noch einmal zurückzukehren!« rief Siren aus. »Ihr sagt, ich sei verrückt? Ich war es, daß ich mein Leben noch einmal aufs Spiel gesetzt habe!«

»Ich komme mit«, sagte Bran leise.

»Siren!« rief jemand aus dem Hintergrund des Raums. »Du hast so schönes Lockenhaar – du solltest zu den Frauen hinübergehen, die kannst du sicher leichter verführen!« Alle lachten.

»Wenigstens einer«, sagte Siren zu Bran. »Dann hat es sich doch gelohnt.«

Am nächsten Morgen bei Sonnenaufgang, als alle anderen noch schliefen, verließen Siren, Bran und drei Frauen das Dorf und kehrten nie mehr wieder.

Ende

© Andreas Eschbach – http://www.andreaseschbach.de/


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