Charlaine Harris – Falsches Grab

Falsches Grab

OT: »Grave Surprise«
Übersetzt von Christiane Burkhardt
Titelbild von Darren Winter
Phantastik
dtv Taschenbuchverlag
Roman, Taschenbuch, 304 Seiten
Preis: 9,95 €
ISBN 978-3-423-21121-5

Dr. Clyde Nunley ist Anthropologieprofessor und ein eher unangenehmer Zeitgenosse, zumindest, wenn man der Ich-Erzählerin, Harper Connelly, glauben darf. Schließlich hat er sie eingeladen, ihre übersinnliche Fähigkeiten unter Beweis zu stellen; sein wahres Motiv ist jedoch, sie vorzuführen und als Betrügerin zu entlarven. Harper, eine Frau Anfang zwanzig, wurde nach einem Blitzschlag die zweifelhafte Gabe zuteil, Tote zu finden und, wenn sie deren Leichen vor sich hat, zu fühlen, wie diese zu Tode gekommen sind. Sie macht dies zu ihrem Beruf und reist mit ihrem Stiefbruder Tolliver durch die USA, um den Aufträge ihrer Klienten zu erfüllen, die wissen möchten, welches Schicksal ihre verschwundenen oder verstorbenen Angehörigen ereilt hat.

Und nun steht sie auf einem alten Friedhof in Memphis, Tennessee, und muss einer Gruppe Studenten anhand alter Grabsteine und den dazugehörigen Aufzeichnungen, die natürlich nur Nunley vor sich hat, erzählen, woran die Toten gestorben sind. Doch als sie korrekt alle Todesursachen „erfühlt“ und das Publikum so in Erstaunen versetzt hat, stellt sich heraus, dass in einem alten Grab eine frische Leiche liegt. Es handelt sich dabei ausgerechnet um ein kleines Mädchen, das Harper vor Monaten im Auftrag deren Eltern suchen sollte, allerdings vergebens. Der Entführungsfall wurde nie aufgeklärt, das Mädchen blieb bis zu diesem Tag verschwunden. Nun sind Harper und ihr Bruder in Erklärungsnot, noch merkwürdiger ist allerdings, dass mittlerweile die Eltern mit dem Halbbruder der Kleinen nach Memphis gezogen sind, so dass alte Ungereimtheiten und Verdächtigungen wieder zu Tage kommen.

So beginnt der zweite Roman um Harper Connelly. Die Autorin Charlaine Harris, Jahrgang 1951 und in den Südstaaten der USA zu Hause, hat schon viele Romane verfasst, unter anderem Krimis und Vampirromane, die teilweise auch als HBO-Serien verfilmt wurden. Bereits in »Grabesstimmen«, 2008 auf Deutsch erschienen, gerät Harper zusammen mit ihrem Stiefbruder Tolliver Lang in gefährliche Situationen, hervorgerufen durch ihren Beruf. Auch in diesem Roman müssen sich die Stiefgeschwister, die mehr verbindet, als sie sich selbst eingestehen wollen, gegenüber einer teilweise feindlichen Umwelt behaupten, die sie als Scharlatane, die am Leiden ihrer Mitmenschen Geld verdienen, verunglimpfen. Die Nöte von Harper, auch die erst im zweiten Band sich langsam eingestandene Liebe zu Tolliver, sind eingebettet in eine konventionelle Kriminalgeschichte.

Die gesamte Familie, vom Vater des Mädchens über die untröstliche Mutter bis hin zur Schwester der verstorbenen ersten Frau des Vaters, um nicht alle zu nennen, gerät in Verdacht, und bis zur Auflösung werden dem Leser auch komische Szenen geboten. Natürlich bleibt es nicht bei dem bereits vor Monaten passierten Mord, so dass Harper und Tolliver unter Zeitdruck geraten, den Fall zu lösen.

Alles in allem ein kurzweiliges Lesevergnügen, auch für Liebhaber des klassischen Krimis, die sich von den übersinnlichen Fähigkeiten der Protagonistin, die letztendlich auch zur Lösung des Falles führen, nicht stören lassen. Durch die liebevolle Zeichnung der beiden Hauptfiguren wird auch ein Krimileser, der mit Phantastischem in diesem Genre sonst nicht so viel anfangen kann, bei der Stange bleiben und der Klärung des Falles entgegenfiebern. Einzig die wiederholten Schilderungen der zerrütteten Familienverhältnisse, in denen Harper und Tolliver aufgewachsen sind, stören. Und es ist für den Leser zu hoffen, dass das Schicksal der im Teenageralter verschwundenen Schwester der beiden im nächsten Band endlich geklärt wird. Hier wäre weniger mehr gewesen.