China Miéville – »Die Falter« und »Der Weber«

Diese Rezension bezieht sich auf die englische Originalausgabe, die unter dem Titel »Perdido Street Station« erschien. In Deutschland erschien der Roman in den beiden Bänden »Die Falter« und »der Weber« als Taschenbuch bei Bastei-Lübbe.
Die Falter

Der Weber

»Die Falter«
Bastei-Lübbe, TB 23245
Titel der Originalausgabe: »Perdido Street Station, Part 1-4«
aus dem Englischen von Eva Bauche-Eppers
Titelbild von Arndt Drechsler
Februar 2002, Euro 8.90, 558 Seiten

»Der Weber«
Bastei-Lübbe, TB 24298
Titel der Originalausgabe: »Perdido Street Station, Part 5-8«
aus dem Englischen von Eva Bauche-Eppers
Titelbild von Arndt Drechsler
März 2002, Euro 8.90, 558 Seiten

Der beste Roman des Jahres 2001 stammt aus der Feder einer Engländerin und hat nicht den HUGO gewonnen! Während die ersten schon auf den vierten Harry Potter-Band tippen, meine ich Mary Gentles ASH:A SECRET HISTORY, ein umfangreiches Epos, das Menschlichkeit, Spannung und eine gute Story zu einem unvergeßlichen Erlebnis verbindet.

Der Roman des Jahres 2000 ist China Miévilles PERDIDO STREET STATION, sein zweites längeres Werk nach KING RAT, der im heutigen London die Rattenfängergeschichte originell nacherzählt. Auch wenn der Klappentext es behauptet, so ist der Roman doch nicht mit Peter F. Hamilton zu vergleichen.

Genau wie Mary Gentle ist Miéville Brite, hat bis 1994 in Cambridge studiert und macht zur Zeit seinen Doktor in Wirtschaftswissenschaften. Gleichzeitig ist er ein aktiver Sozialist und möchte bei der nächsten Wahl ins Parlament, um die soziale Zukunft Großbritannien nicht nur vom Papier her mitzugestalten.

In einem Interview bekennt Miéville, das Mervyn »Gormenghast« Peake und M.John Harrison seine literarischen Vorbilder sind, aber sein Epos weist auch die Handschrift Dickens gepaart mit der düsteren Atmosphäre Kafkas versetzt in das fremdartige London aus Fowlers »Über den Dächern von London« (»Roofworld«) auf. Ein großartiges Buch, dessen beschriebene Bilder dem Leser lange im Gedächtnis bleiben und das sich auf dem Regal mit den vielen anderen Fantasy oder Science Fantasy-Büchern einfach nicht wohlfühlen kann, denn es ist originell und einzigartig und muß demnach in der heutigen Zeit unter Artenschutz gestellt und von jedem Liebhaber phantastischer Natur auf der Stelle gerettet werden. Aber zu Hause bitte neben die Romane von George R.R. Martin und nicht die von John Norman stellen.

Die Handlung spielt komplett in New Crobuzon, einer dunklen, sehr dichtbesiedelten Stadt, die zum Teil in die Rippen eines vor unendlichen Zeiten gestorbenen Tieres eingebaut ist. Für Miévielle waren die Vorbilder in erster Linie London, aber auch Cairo (insbesondere die unglaublich dichte Bebauung, die keinen Raum zum Atmen läßt) und Havanna, wo seine Mutter lebt. Von der kubanischen Hauptstadt hat er sich die elegante Dekadenz abgeschaut, die Mischung aus einer eleganten Vergangenheit gepaart mit einer unsicheren Zukunft, die den Menschen wenig Raum bietet, um sich weiter zu entfalten und in der es in erster Linie um das Überleben unter Palmen an einem der ehemals schönsten und reichsten Plätze der Welt geht, denn in New Crobuzon herrscht das Klassendenken vor.

Seine Charaktere suchen in dieser Umgebung auf ihre Weise Erlösung und das Vergeben ihrer Sünden durch höhere Instanzen, an die sie selbst nicht glauben und deren Mission sie nicht kennen. Dem Garuda-Krieger Yagharck wurde wegen eines Verbrechens an seiner Art die Flügel abgeschnitten und damit seine Verbannung aus dem Paradies (=Himmel) perfekt gemacht. Er kann bei seinen Leuten nicht mehr leben, der Tod durch die eigene Hand ist ihm aber auch verwehrt. In New Crobuzon sucht er den Wissenschaftler Isaac Dan der Grimnebulin auf, der vor vielen Jahren bei einem Experiment eine neue biologische Lebensform auf die Bewohner der Stadt losgelassen hat. Privat lebt er in Sünde mit einem humanoiden Insekt zusammen und fühlt sich wegen dieser Verbindung schuldig. Sie ist eine bekannte Künstlerin und erhält den Auftrag, eine lebensgroße Skulptur des brutalen Herrschers der Unterwelt zu schaffen, dessen Körper und Gesicht nur wenige gesehen und diese Begegnung überlebt haben.

Diese unterschiedlichen Figuren müssen sich zusammenraufen (die obligatorische Quest), um gemeinsam die Stadt zu retten, die sie als Ausgestoßene betrachtet. Der Garuda trifft in der Stadt auf einige seiner Landsleute, die von einem Hochhaus aus immer wieder die Stadt überfliegen, aber nichts mehr mit den stolzen Kriegern von außerhalb der Stadt gemeinsam haben. Aber selbst diese Exilanten lehnen einen Kontakt mit dem Paria ab.

Auf dem Weg zur Erlösung müssen die innerlich schon gescheiterten Helden wider Willen nicht nur ihre eignen Fehler und die ihrer Partner zu akzeptieren lernen, sondern schlimme Dinge bis zur Opferung seiner Selbst ertragen und insbesondere austeilen. Erst als die Nacht über New Crobuzon am dunkelsten ist, ist der neue Tag am nächsten.

Aber Miéville würde es sich zu einfach machen, erzähle er nur eine Quest in einer fremdartigen Umgebung. In einem Interview erklärte er: »Ich wollte eine Anti-Fantasy schreiben, eine nichtheroische, unepische Fantasy. Von der Struktur her wollte ich keine Geschichte, in der der Held der Geschichte und dem Schicksal seinen Willen aufzwingt. Aber es stellte sich nicht die Frage, einen entsprechende Charakter zu schaffen, sondern ich wollte diese Geschichte erzählen und diese Figur (des Wissenschaftlers Issac) erfüllt die Voraussetzungen für diese Geschichte.«

Neben dem absolut faszinierenden Background der Stadt, die einem wie in einem skurrilen Reiseführer- mit entsprechenden Geschichts- und Ereignistafeln aufgeschlagen- präsentiert wird, ist Miévielle ein brillanter Erzähler. Vom Eröffnungskapital, in dem der uns noch unbekannte Garuda die Stadt betrifft bis zum atemraubenden Höhepunkt läßt uns Miévielle nicht mehr los. In jedem Abschnitt seiner Geschichte ist Leben, selbst die kleinsten Beschreibungen öffnen Türen zu neuen Welten in seiner Vision, zu Welten, in die man gerne schauen möchte, aber vor deren Betreten der Leser einen Heidenrespekt hat. Aber trotz aller Fremdartigkeit liegt unter der Hülle dieser Stadt und seiner handelnden Personen immer der Mensch und egal wie fremdartig die Figuren sind, Miévielle zeigt uns mit einem kleinen Federstrich wieder ihre menschlichen Züge und Schwächen, ihre Sehnsüchte und Ängste oder ganz einfach ihr Leben mit allen Facetten. Und das macht einen großartigen Schriftsteller aus, das er in seiner Vision nie den Blick für das Wesentliche verliert.

Für mich ist China Miévielles PERDIDO STREET STATION eines der wichtigsten Werke der neuen Science Fantasy, eines der ersten originellen Bücher dieses neuen Jahrtausends und vielleicht eines einer Handvoll, die ich nach der langen Lektüre am liebsten noch einmal gelesen hätte. Ein größeres Kompliment kann der Kritiker nicht über ein Buch schreiben, in diesem Fall mache ich es mit großer Freude und möchte auch den Verlagen danken, daß sie es in diesen schlechten Zeiten veröffentlicht haben. Unbedingt kaufen, lesen und weiterempfehlen.

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