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Interview mit Ronald M. Hahn (2000)

Ronald M. Hahn

EINLEITUNG

Ronald M. Hahn sprach für SF-Buch.de mit Florian Breitsameter über seine Arbeit an der Romanserie »T.N.T. Smith« (Blitz-Verlag), die Probleme eines Schriftstellers und vieles mehr. Das Interview wurde im Mai/Juni/Juli 2000 im regen eMail-Austausch geführt.

Bibliographie: Bücher und Kurzgeschichten von Ronald M. Hahn.


INTERVIEW

Erzähle doch bitte mal kurz, worum es in der Reihe »T.N.T. Smith« geht.

»T.N.T. Smith: Der Jäger der Unsterblichen« ist eine auf 12 Bände angelegte SF-Serie, deren 5. Teil (»Die Insel der Unsterblichen«) Anfang 2000 im Blitz Verlag erschienen ist. Sie unterscheidet sich von den bisherigen SF-Serien dadurch, dass sie ausschließlich auf einer Erde der Vergangenheit spielt; nämlich in den Jahren 1936 bis 1945.
Den SF-Hintergrund bildet eine ungeheuerliche Entdeckung: 1936 stößt der Londoner Journalist T.N.T. Smith auf Indizien, die andeuten, daß eine Gruppe von Fremdenlegionären um 1830 in Nordafrika während des Sturms auf die Festungsstadt Constantine Kontakt mit Außerirdischen hatte. Diese Männer sind anschließend desertiert und haben ihre Spuren geschickt verwischt. Smith erfährt in London vom auf schaurige Weise erfolgten Tod des Filmkritikers Castello, der sich als einer dieser Legionäre entpuppt: Da Castello 136 Jahre alt geworden ist, ohne älter als ein Mittdreißiger auszusehen, macht Smith sich im Auftrag seines Verlegers auf, das Geheimnis seiner unerklärlichen ewigen Jugend zu lüften. Sein direkter Vorgesetzter, Chefredakteur Wellington, entpuppt sich jedoch als Naziagent. Durch ihn erfährt SS-Einheit »Ragnarök«, die amerikanische SF-Magazine liest, um Anregungen für »Wunderwaffen« zu erhalten, von der Möglichkeit, die Unsterblichkeit zu erlangen. Im Zuge seiner Ermittlungen reist Smith (unterstützt von dem italienischen Chaospiloten Italo Gasponi und dem amerikanischen Abenteurer Rick Blaine) um die Welt – verfolgt von den »Ragnarök«-Agenten, die seine Erfolge beim Aufspüren weiterer Unsterblicher für sich nutzen wollen, da das »Tausendjährige Reich« natürlich auch unsterbliche Führer braucht.
Die Serie ist als Queste angelegt; Smith erlebt Abenteuer an exotischen Schauplätzen, begegnet Kultisten, Verschwörern und Kriminellen und erlebt die Welt der dreißiger und vierziger Jahre mit, die sich für den Leser im Verlauf der Handlung irgendwann als Alternativwelt entpuppt, da nicht alle geschichtlichen Entwicklungen so ablaufen, wie wir sie aus der Schule kennen.

Was Du dabei aber unterschlagen hast, ist der manchmal skurrile Humor der Romane…

Es ist für mich sehr wichtig, beim Schreiben einen ordentlichen Lustgewinn zu haben. Daß ich den früher selten hatte, hat möglicherweise damit zu tun, dass ich erst relativ spät zu meinem wahren »Talent« fand. Ich habe mich zu Anfang meiner Laufbahn mit längeren Texten immer sehr schwer getan (Heftromane inklusive). Meine ersten »Romane« waren oft Koproduktionen und entstanden in Zusammenarbeit mit Harald Buwert und Hans Joachim Alpers. Dies war auch bei einem Teil der Hefte so, die mir zugeschrieben werden. Dies änderte sich erst, als ich für den Heyne Verlag den Roman »Framstag Sam« (Autor: der Belgier Paul van Herck) übersetzte. Van Hercks satirische Schreibe hat in mir etwas zum Klingen gebracht. Ich war fortan nicht mehr derselbe.
Nach einigen satirischen SF-Kurzgeschichten, die ich in den siebziger und achtziger Jahren veröffentlichte, fing ich an, auch meine Jugendbücher etwas witziger aufzubauen. Irgendwann stand ich dann vor der gleichen Situation wie Van Herck: Ich fing alles durchaus ernsthaft an, aber sobald ich mich bei der Verwendung irgendeines Klischees erwischte, musste ich es auch gleich im Text kommentieren – und schon nahm die Geschichte einen ganz anderen Verlauf. Bis zu »Framstag Sam« wusste ich gar nicht, dass ich über ein humoristisches Talent verfüge. (Ich bin eigentlich ein furchtbarer Pessimist).
Daß ich nun oft komische Sachen schreibe, ist Van Hercks Schuld. Mittlerweile kann ich auch allein umfangreichere Texte schreiben, was mir früher sehr schwer gefallen ist. Die verrückte Welt, in der »T.N.T Smith« sich bewegt, schreit meines Erachtens geradezu nach skurrilem Humor, wie Ernst Lubitsch ihn schon in dem Film »Sein oder Nichtsein« angewendet hat. Eigentlich waren die grotesken Einlagen anfangs nicht geplant: »T.N.T. Smith« sollte eine furchtbar finstere Sache werden. Aber es ging schon los, als mir beim Abfassen des Serienexposés die Idee kam, eine akademisch gebildete SS-Unterabteilung zu schildern, deren Angehörige nichts anderes tun, als amerikanische SF-Magazine zu studieren, um sich Anregungen für »Wunderwaffen« zu holen. Dies passte auch wunderbar zu der von gewissen Ufologen kolportierten Behauptung, die Nazis hätten nicht nur UFOs auf dem Papier konstruiert, sondern auch gebaut und getestet.
Hätte »T.N.T. Smith« keinen Humor, wäre wahrscheinlich genau das herausgekommen, was die meisten SF-Fans nicht ausstehen können: Literatur des erhobenen Zeigefingers. Ich möchte aber nicht den Eindruck erwecken, dass »T.N.T. Smith« keine humoristische Serie ist. Sie hat durchaus ernste Passagen. Es ist halt so, dass in diesen Geschichten, wie im wirklichen Leben, eben auch beknackte Typen vorkommen.

Bisher hast Du diese Reihe zusammen mit Horst Pukallus zusammen geschrieben, aber das scheint sich jetzt anscheinend geändert zu haben?

Ja, leider hat Horst Pukallus, der hauptberuflich als Übersetzer tätig ist, die ihm zum Schreiben von Romanen zur Verfügung stehende »Freizeit« erheblich überschätzt, so dass er aus dem Projekt aussteigen musste. Was ich sehr bedauere (nicht nur wegen der zusätzlichen Arbeit), da ich ihn für einen der besten deutschen SF-Autoren halte und er meiner Meinung nach außer Thomas Ziegler der einzige ist, der sich meinem manchmal doch recht ausgeflippten Stil problemlos anpassen kann.
Seine letzte Arbeit für »T.N.T. Smith« ist eine Hälfte von Band 6 (»Der Tempel von Bagdad«), den ich auf den Tag genau ein Jahr (!) nach Band 7 (»Der Herrscher von Manila«) fertig gestellt habe. Band 9 und 12 sind ebenfalls seit fast einem Jahr fertig. Ich nehme an, dass ich die Bände 8, 10 und 11 noch im Herbst 2000 abliefern werde.

Seit wann ungefähr bist Du »professionell« im Umfeld der SF tätig?

Ich habe, wie die meisten, die professionell in der SF tätig sind, als Fan mit dem Schreiben angefangen. Meine ersten Kurzgeschichten sind um 1966 in Fanzines erschienen, die längst eingestellt sind und von Leuten herausgegeben wurden, die dem Fandom längst den Rücken gekehrt haben. Meine erste Veröffentlichung, für die ich Honorar erhielt, erschien 1971 und war ein Heftroman, der unter einem Pseudonym bei Zauberkreis herauskam. Nach zwei weiteren Heften (einem SF-Roman für den Astro- und einem Horror-Roman für den Erber-Verlag) war die nächste Veröffentlichung dann schon ein Buch, nämlich die SF-Anthologie »Science Fiction aus Deutschland« (Fischer Taschenbuch Verlag, 1974), die, wenn man die für den Leihbuchmarkt entstandene Anthologie »Lockende Zukunft« von Heinz Bingenheimer mal außen vor läßt, die erste war, die nach dem Krieg ausschließlich deutschsprachige SF-Autoren veröffentlichte.

Als was warst Du – außer als Autor von SF – schon alles im Profibereich tätig?

Zu meinem ersten Job in der Verlagsbranche kam ich wie die Jungfrau zum Kind. 1972, ich war gerade 23 Jahre alt, verheiratet und Vater zweier Mädchen, bekam ich überraschend ein Telegramm (!) von einer Lektorin des S. Fischer Taschenbuchverlags in Frankfurt am Main. Ich weiß, dass sowas heute, im E-Mail-Zeitalter, kaum glaublich klingt, aber damals hatte noch nicht jeder Hinz & Kunz einen Telefonanschluß. Und ich war ein Hinz. Oder meinetwegen auch ein Kunz, denn ich arbeitete noch in meinem Beruf als Schriftsetzer. Diese Dame (ich hatte sie kurz zuvor auf der Buchmesse kennen gelernt), fragte an, ob ich jemanden kenne, der nicht nur Ahnung von SF und einen Überblick über den internationalen Markt hätte, sondern auch in der Lage sei, miese Übersetzungen in Rekordzeit in gute zu verwandeln: Man brauchte einen gewieften Herausgeber. Ich eilte ziemlich nervös zur nächsten Telefonzelle und rief meinen Freund Werner Fuchs an (der heute den Verlag Fantasy Productions leitet), denn er hatte im Gegensatz zu mir ’ne akademische Bildung. Ich fragte ihn, ob er sich zutrauen würde, das Ding mit mir zusammen zu schaukeln. Fuchs: »Klar, Mann, machen wir!« (Fuchs hatte nicht nur ’ne akademische Bildung; sein Vater hielt ihn taschengeldmäßig auch sehr kurz, und das wenige Geld, das er hatte, gab er immer für die Schallplatten irgendwelcher kalifornischer Garagenbands aus, die man schon im Nachbarort nicht mehr kannte). Kurz darauf waren wir Lektoren der SF-Reihe »Fischer Orbit«, die bis 1974 lief. Auf unseren besten Einkauf sind wir noch heute so stolz, dass wir gelegentlich mit Krawatte ins Bett gehen: John Brunners Roman »Schafe blicken auf«.
Danach gründeten wir zusammen mit Hans Joachim Alpers eine literarische Agentur, die sich auf die Vermittlung von Lizenzrechten und Titelbildmotiven europäischer und amerikanischer Autoren und Zeichner spezialisierte und nach etwa drei Jahre auf dem Markt etabliert war. Zu den ca. 120 Klienten, die wir auf den deutschen Markt gebracht haben, gehörte auch George R.R. Martin. Kein Glück hatten wir bei der Vermittlung von Wolfgang Hohlbein, dessen Agent ich für einige Monate war. Hohlbein, der damals nur Hefte publiziert hatte, wurde von den Lektoren nicht wahrgenommen – auch nicht von den Lektoren jener Verlage, die ihn heute rasend gern verlegen! (Hätte es damals mit ihm geklappt, könnte ich heute steinreich sein!)
Eine ähnliche Pleite erlebten wir mit Kirby McCauley, dem US-Agenten des damals noch völlig unbekannten Stephen King: Er war drauf und dran, mich zu seinem deutschen Vertreter zu machen – doch dann ist er von Minneapolis nach New York gezogen und hat meine Adresse verkramt!
Erfolgreicher waren wir bei der Vermarktung einiger deutscher SF-Schreiber, von denen Thomas Ziegler, Horst Hoffmann und Uwe Anton die bekanntesten sind. Wir haben auch da und dort neue SF-Reihen initiiert, z.B. beim Verlag Droemer Knaur. (Ich war, was kaum jemand weiß, mal ein halbes Jahr Herausgeber der Knaur-Fantasy-Titel, für die ich u.a. Philip José Farmers »World of Tiers«-Zyklus und die »Darkover-Bücher« von Marion Zimmer Bradley ankaufte.) Leider hatte ich nicht nur literarische Differenzen mit einer Lektorin, die meine Kontaktperson im Verlag war – die Dame hat mich auch jeden Morgen um 9 Uhr aus dem Bett geklingelt. Also bin ich bald wieder ausgestiegen.
1976 suchte eine Jungverlegerin aus Celle, die zuvor als Schallplattenproduzentin tätig gewesen war, Redakteure für ein SF-Magazin namens »Comet«, und so wurde ich Zeitschriftenredakteur, bis ich (wie meine Kollegen) die Klamotten hinwarf, da es kaum möglich war, nach den täglich wechselnden Plänen unserer Chefin zu arbeiten, die sich zudem auch schwer tat, die Autoren zu honorieren. (Etwa um diese Zeit herum habe ich wohl erstmals von der Chaostheorie gehört). 1982 suchte der Ullstein Verlag einen SF-Herausgeber, und der Blick des Cheflektors fiel wohlgefällig ins Impressum der »Science Fiction Times«, von der er wusste, dass sich dort ein ganzes Rudel fähiger Köpfe tummelte. Ich erhielt von einem seiner Mitarbeiter Besuch, der mich fragte, ob ich Lust hätte, für Ullstein tätig zu werden. »Of course, alter Knabe«, sagte ich, »für Schotter tu ich alles!« Und schon war ich wieder Herausgeber (bis 1988, als die Auflagen sämtlicher SF in Deutschland aufgrund einer gewaltigen Überproduktion in den Keller gingen).
Da ich nie bei einem Verlag fest angestellt war, hatte ich währenddessen genug Zeit, um nebenher für die »Science Fiction Times« zu arbeiten, Übersetzungen für verschiedene andere Verlage (und in den verschiedensten Genres) anzufertigen, für Presse und Rundfunk zu schreiben und Sach- und Jugendbücher zu verfassen. Tja, und dann fiel mir plötzlich auf, dass meine einstmals kleinen Mädchen erwachsen waren und ich die ersten grauen Haare kriegte.

…dabei hat doch diese Tätigkeit den Vorteil, daß man Zuhause arbeiten kann? Ich frage deshalb, weil das ja viele für so beneidenswert halten: schlafen bis in späten Morgen, ausgiebig frühstücken und erst nach der Lektüre der Morgenpost mal so langsam an die Arbeit denken. Aber so ist es wohl nicht, oder?

More or less. Jedenfalls bei mir. Schreiben ist für mich der ideale Beruf. Ich kam schon als Kind immer fünf Minuten zu spät zur Schule, und das hat sich auch später nicht geändert. Als Lehrling, aber auch nach dem Ende meiner Ausbildung, war meine Unpünktlichkeit legendär. Ich hatte als junger Spunt immer Angst, meinen Job zu verlieren, denn ich kam morgens nie aus dem Bett. Als ich zur Bundeswehr ging, rechnete ich damit, alle naselang in den Knast zu müssen, aber dort kam ich kurioserweise besser zurecht – ich nehme an, die Furcht vor dem Bau hat mich diszipliniert. Ich bin ein Mensch, der furchtbar gern schläft, aber auch pausenlos arbeiten kann. Vor 11 Uhr bin ich selten auf den Beinen, aber ich arbeite sieben Tage in der Woche und oft 8-10 Stunden am Tag. Ich gehöre aber nicht zu denen, die »ausgiebig frühstücken«. Bei mir geht sowas Hopplahopp. Ich bin auch nicht sehr anspruchsvoll, wenn ich zum Essen ausgehe. »Langsam an die Arbeit denken« gibt’s bei mir nicht. Ich bin ein echter Workaholic. Ich denke eigentlich immer an die Arbeit. Was ein großer Mist ist, weil mir einfach viel von der Welt entgeht.

Das beklagen ja auch andere Autoren: Man sitzt zuviel im stillen Kämmerlein und hat zuwenig Kontakt nach außen. Thomas Thiemeyer nannte in diesem Zusammenhang dann Cons eine willkommene Abwechslung, weil man dann auch mal andere Menschen trifft, die sich für SF interessieren.

Da bin ich ganz seiner Meinung! Die Isolation, in der Autoren leben, ist echt beschissen. Jeder, der in einem »normalen« Beruf arbeitet, hat Kollegen, mit denen er sich austauschen kann. Autoren haben dieses Vergnügen höchstens fernmündlich. Aber was ist schon ein Telefongespräch im Vergleich mit einem Schnack in der Kneipe oder auf einem Con? Cons sind, was Außenstehende oder Presseleute nie begreifen, die Betriebsausflüge der SF-Szene, an denen ich gern teilnehme, wenn sie mir in der Nähe geboten werden oder mich jemand in seinem Gleiter mitnimmt – ich bin der letzte Raumfahrer, der kein Auto hat, geschweige denn einen Führerschein.
Was aber nun nicht heißt, dass ich auf Cons über SF rede: Cons dienen mir meist zum Austausch von Branchentratsch. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich zum letzten Mal auf einer solchen Veranstaltung »Asimov« gesagt habe. Ich schaue mir auf Cons auch nur selten mal einen Programmpunkt an. Eher kommt es vor, dass ich an einem teilnehme, wie kürzlich in Köln, als ich das Vergnügen hatte, die Anwesenden darauf hinzuweisen, dass sie meinen Romane »Im Auftrag des Sternenkaisers« in der Originalfassung völlig kostenlos haben können, wenn sie sich die Mühe machen, ins Internet zu gehen und den Blitz Verlag anzuklicken. So sehr es mich freut, wenn nun Tausende von Menschen ein Buch von mir lesen, die es sonst vielleicht nicht getan hätten, so frage ich mich aber doch, was sich der Verlag und seine Betreiber dabei gedacht haben – zumal sie die Internetrechte gar nicht besitzen.

Beim ColoniaCon in Köln hast Du erwähnt, daß Du seit 1976 an einem Roman schreibst…

Dass er noch nicht fertig ist, hat aber nichts damit zu tun, dass ich einen genial ausgefeilten Klassiker wie »Lobgesang auf Leibowitz« produzieren will. Es liegt vielmehr daran, dass ich ihn in einer Zeit begonnen habe, in der PCs, Handys, Klone, Leihmütter, Samen- und Datenbanken sowie das Privatfernsehen und Dutzende anderer Dinge, die uns heute selbstverständlich sind, noch reine Science Fiction waren, der Roman vom Konzept her in nächster Zukunft spielt und deswegen ein technisch-physikalisches Wissen erfordert, das mir fehlt. (Meine naturwissenschaftlichen Kenntnisse sind lausig). Wenn man tausend andere Dinge macht, die man Verlagen vertraglich zugesichert hat, ist einfach keine Zeit mehr für einen Roman, den man ohne Vorausvertrag schreibt. Und wenn man ihn portionsweise schreibt, d.h. alle paar Jahre mal wieder reinschaut und dran arbeitet, fällt einem doch auf, wie rasend schnell die Zeit vergangen ist und wie schnell Science Fiction-Konzepte von 1976 veralten. Ich habe die lange Geburt dieses Romans übrigens als teilweise Antwort auf die Frage ins Gespräch gebracht, wie lange ich normalerweise an einem Roman schreibe. Dies interessiert offenbar viele Fans, denn ich muß diese Frage immer wieder beanworten. 24 Jahre sind bei mir jedoch keinesfalls die Regel. Ich wette, wenn ich zwei Monate an einem Stück Zeit hätte, wäre auch dieses Buch längst fertig. Wie übrigens auch fünf bis sieben andere, die seit Jahren zu 80 und 90 Prozent fertig in der Schublade liegen.

Du warst auch einst Chefredakteur der Science Fiction Times…

Yeah! Goshwow! Boyoboy! All dies ist lange her, doch ich möchte diese Zeit nicht missen, auch wenn sie mich jede Menge Haare, Zeit, Idealismus und Geld gekostet hat! Um 1968 herum politisierte sich im Zuge der Studentenrevolte natürlich auch der Mikrokosmos Fandom, wobei ich auf der linken Seite landete. Um das von dem SF-Fan, Übersetzer und heutigen Politologieprofessor Rainer Eisfeld als Nachrichtenfanzine gestartete Blatt »Science Fiction Times« sammelten sich damals alle Fans, die der Meinung waren, mit der Amerikanisierung der Welt (= Vietnamkrieg) könne es nicht so weitergehen. Aus dem hektografierten Nachrichtenblatt wurde ein gedrucktes Rezensionsblatt, das die Umtriebe der schmutzigen Lakaien des Imperialismus auf jeder Seite neu entlarvte und brandmarkte. Wenn ich diese Klamotten heute lese, finde ich viele Stellen unsterblichen Humors, der aber nicht immer freiwillig war. Die »Science Fiction Times« erlebte in den siebziger und frühen achtziger Jahren eine unglaubliche Blütezeit und hatte eine verkaufte Auflage von 2000 Exemplaren. Viele unserer Mitarbeiter sind auch heute noch »kulturell« tätig: Rainer Eisfeld, Hans Joachim Alpers, Gerd Maximovic, Thomas Ziegler, Rolf Giesen, Franz Rottensteiner, Werner Fuchs, Bernt Kling, Horst Pukallus, Marcel Bieger, Andreas Brandhorst, Bernd Holzrichter, Frank Rainer Scheck, Hans Wolf Sommer, Reinhard Merker, Harald Pusch, Bernhard Kempen, Norbert Stresau, Fredy Köpsell, Heinz Mohlberg, Andreas Decker, Michael K. Iwoleit, Helmut W. Pesch, Hans-Ulrich Böttcher, Michael Fritzsche, Uwe Anton – als Autoren, Übersetzer, Anthologien-Herausgeber, Lektoren und Verleger. Klaus Diedrich ist Drehbuchautor und Filmdarsteller. Viele unserer Rezensenten sind später auch in der Tages- und Wochenpresse in Sachen SF publizistisch aufgetreten. Leider hat die Zeitschrift sich nicht erhalten, weil den letzten Machern irgendwann die Puste ausgegangen ist und die Kosten für den Versand derartiger Spezialzeitschriften in den Himmel stiegen…

Was ist eigentlich – außer den Leuten – von der SFT heute noch übrig geblieben?

Nix. Freilich haben Horst Pukallus und ich (wie gewöhnlich nach 42 Bier, dann sind wir immer besonders mutig) 1997 beschlossen, die »Science Fiction Times« wieder aufleben zu lassen und auch einen Verleger gefunden, der sie finanzieren wollte, aber am Tag danach (wir waren wieder nüchtern), wurde uns mit Grauen klar, dass wir den größten Teil der Arbeit selbst hätten tun müssen: Unsere alten Mitarbeiter hatten sich längst in alle Windrichtungen und nach Morsenbroich verkrümelt. Wir empfanden angesichts dieser Lage Entsetzen und uns fielen spontan massenhaft Gründe ein, die dagegen sprachen, dass wir in unserem hohen Alter noch mal solche Projekte durchziehen. Unser Hauptmotiv, das Blatt wieder herausgeben zu wollen, war aus der Ansicht geboren worden, dass die heutigen Fanzines für unseren Geschmack einfach nicht rotzig genug sind, weil sich nur vereinzelte Macher trauen, sich aus dem Fenster lehnen. Wir waren übrigens, als wir den Plan wälzten, reine »Papiermenschen«, die kaum etwas vom Internet wussten und ihren PC als bessere Schreibmaschine einsetzten. Und natürlich hatten wir nicht die geringste Ahnung, dass sich der Hauptteil der Fanpublizistik längst in den elektronischen Bereich verlagert hatte.

Nun bist Du ja auch Verfasser und Mitarbeiter bei zahlreichen Lexika-Projekten. Das ist Humor ja nun wirklich nicht gefragt. Sind das jetzt nur Auftragsarbeiten, zu denen Du durch Zufall gekommen bist, oder bist Du auch sonst ein Ordnungsmensch, der Karteikarten nicht für den Anfang allen Übels, sondern für eine wertvolle Hilfe hält?

Zum Lexikon-Autor wurde ich, als allmählich abzusehen war, dass ich bald nicht mehr Herr meines Archivs sein würde. (Damals gab es noch keine PCs und Datenbanken; alles stapelte sich in Kartons und Regalen). Nachdem ich Jahrzehnte im (oder am Rande des) Fandom/s verbracht und alle möglichen Kenntnisse gesammelt hatte, dachte ich mir, es sei vielleicht ganz nett, das Zeug irgendwie schriftlich niederzulegen, damit es in eine handlichere, leichter verwendbare Form gebracht wird. Natürlich stand dabei auch der Gedanke Pate, meine Kenntnisse kommerziell zu verwerten, damit die Ausgaben, die man im Laufe eines Fanlebens gehabt hat, irgendwie wieder reinkommen. So entstand in Zusammenarbeit mit Hans Joachim Alpers und Werner Fuchs, die ebenfalls riesige Archive hatten, das LEXIKON DER SCIENCE FICTION-LITERATUR, das erste seiner Art in Deutschland. Begünstigt wurde es durch den damaligen SF-Boom; ich nehme an, vorher hätte sich jeder seriöse Verleger gefragt, wer einen solchen Scheiß lesen will. Das erste Lexikon, das ich ohne meine Partner gemacht habe, war das LEXIKON DES SCIENCE FICTION-FILMS. Ursprünglich sollte es von Joe Hembus, dem Verfasser des WESTERN-LEXIKONS, geschrieben werden. Man hatte es sogar schon unter seinem Namen angekündigt. Als das Buch Jahre später noch immer nicht erschienen war, erkundigte ich mich danach und bekam zu hören, Hembus habe angesichts der Materialfülle und der Tatsache, dass er zwar Film-, aber kein SF-Experte war, das Handtuch geworfen. Ob ich es machen wolle? Ich sagte zu. Das Buch hatte 4 Wochen nach dem Erscheinen eine (nicht gekennzeichnete) 2. Auflage. Dann ging es so weiter: KULTFILME (auch ein Auflagenrenner), FANTASY-FILM, HORROR-FILM, CHARLIE CHAPLIN. Ich stellte bald fest, dass sich populär geschriebene Sachbücher viel besser verkaufen als Primärliteratur. Und so blieb ich eine ganze Weile in dieser Ecke, denn wenn Autoren etwas lieben, sind es Tantiemenschecks, die man bei Romanen leider nicht oft zu sehen kriegt.

Kommen wir zum Ende und zu den unvermeidlichen Fragen: Was sind Deine Lieblingsautoren, und/oder Deine Vorbilder?

Als ich im Alter von elf Jahren die SF entdeckte, waren Clark Darlton, K.H. Scheer, Kurt Mahr, Hans Kneifel, Isaac Asimov, Robert A. Heinlein, Henry Kuttner, Leigh Brackett und A.E. Van Vogt meine Lieblingsautoren – die ganze Palette der damals populären Schreiber. Wenn ich es mir recht überlege, fand ich damals eigentlich alles gut, was mir durch TERRA-Hefte und TERRA-Großbände, die ja hauptsächlich aus Übersetzungen der amerikanischen Ace-Doubles bestanden, in die Hände fiel. Weniger geschätzt habe ich das Zeug aus den UTOPIA-Reihen des Pabel Verlags, das mir immer um drei Nuancen billiger erschien – Cover inklusive. Ich kann aber nicht sagen, daß ich ein echter Fan meiner ersten Lieblinge war und ihr Gesamtwerk gesammelt hätte. Ich habe ziemlich kritiklos alles gefressen, bis ich im Fandom einige bildende Bekanntschaften machte, die mir Leute wie J.G. Ballard unterjubelten. Als ich um die 20 Jahre alt war und politisiert wurde, gefiel mir an der SF nur noch wenig. Ausnahmen waren John Brunner, der in seinen besseren Romanen explizite politische Aussagen macht, und Philip K. Dick, den ich als ziemlich schrägen Humoristen sehe, obwohl ich glaube, dass er einen an der Waffel hatte. Mein Lieblingsautor deutscher Zunge ist Thomas Ziegler, der aber leider längst in anderen Bereichen beheimatet ist. Meine literarischen Vorbilder haben zwar nicht unbedingt SF geschrieben, aber durchaus groteske Sachen: Charles Bukowski, Jack London und John Lennon. Und natürlich kann ich auch den Regisseuren Ed Wood und Russ Meyer, der britischen Monty Python-Truppe und Rowan Atkinson (»The Black Adder«) eine Menge abgewinnen.

Eines Deiner Idole ist Jack London. Was fasziniert Dich so an seinem Werk?

Faszinierend an London finde ich neben seinen abenteuerlichen Romanen, die freilich nicht alle meinen Beifall finden, weil manche den reinen »Poitboilers« zugerechnet werden müssen, seinen Werdegang, der mit dem meinen in gewissen Teilen ähnlich ist. Angehenden Schriftstellern empfehle ich den Roman »Matin Eden«, der klug (und aus eigener Erfahrung) beschreibt, wie das Verlagswesen funktioniert, wie Lektoren denken und wie man durch gewitzte Marktbeobachtung seinen Verleger schließlich findet (vorausgesetzt natürlich, man kann was). London hat auch viele für Schriftsteller interessante Aufsätze geschrieben; einige davon findet man in den im Ullstein Verlag erschienenen Bänden »Geschichten aus dem Hohen Norden« (1985), »Geschichten vom Rande der Wirklichkeit« (1985) und »Ein Kapitel schließt« (1987). Außerdem hat London zu seiner Zeit vorzügliche SF geschrieben (ohne dass sie freilich so etikettiert wurde): die Romane »Die eiserne Ferse« und »Bevor Adam kam« und einige Erzählungen, die ich das Vergnügen hatte, für den Band »Der Feind der Welt« (Bastei 1983) zu übersetzen.

Ich erinnere mich, daß Du 1994 in Leipzig erzählt hast, daß Dein Mittelinitial »M.« eine reine Erfindung ist.

Ja, das erzähle ich seit Jahren, weil ich immer einen großen Horror davor hatte, irgend jemand könnte eines Tages rauskriegen, wie mein zweiter Vorname wirklich lautet. Gelegentlich habe ich auch behauptet, das »M« sei eine Abkürzung für Marvin – zu Ehren von Hank Marvin, dem Leadgitarristen der »Shadows«. Leider sind beide Versionen erlogen. In Wahrheit wurde ich (aus rein erbschleicherischen Gründen) nach meinem Großvater mütterlicherseits benannt, einem Schotten, der Ronald MacDonald hieß. Natürlich hatte ich keinen Bock, überall als »Ronald MacDonald« begrüßt zu werden… Inzwischen ist mir der Name aber schnurz. Es gibt schlimmere – zum Beispiel Kevin.

Vielen Dank für das Interview!

© Ronald M. Hahn & Florian Breitsameter, 2000

 

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