Leo Lukas – Wiener Blei

Wiener BleiFantasy Productions GmbH, Softcover
ISBN 3-89064-555-0
Originalausgabe
Titelbild von Jan Meininghaus, Umschlaggestaltung von Ralf Berszuck
Erkrath 1998, 17.90 DM, 360 Seiten

Mit diesem Roman hat Leo Lukas, einer der bekanntesten österreichischen Kabarettisten, seinen ersten Roman abgeliefert. Er spielt im Shadowrun-Universum, normalerweise ein Rollenspiel, zu dem aber inzwischen auch viele Romane erschienen sind, die bei Heyne verlegt worden sind. Dieser Roman ist, nach einem Kurzgeschichtenband, der Erste, der bei Fanpro erschienen ist.Hauptpersonen des Romans sind ein alter, abgetakelter Magier, der Alte Donner, und ein junger, einfältiger Ork namens Pepi. Nachdem Donner von einem alten Feind lebensgefährlich verletzt wurde und dem Tod nur knapp von der Schippe gesprungen war, begeben die Beiden sich auf einem Rachefeldzug, der sie bis in die Alpen führt. Die Beiden kommen dabei einer Verschwörung auf die Spur, die die Bevölkerung von Wien bedroht.

Gerade bei Romanen, die in Rollenspielwelten wie Shadowrun, DSA oder AD&D angesiedelt sind, ist es wichtig, dass der Autor es dem Leser ermöglicht, die Handlung vor seinem geistigen Auge entstehen zu lassen. Rollenspieler werden nämlich die bevorzugte Zielgruppe solcher Romane sein und erwarten natürlich beim Lesen ein vergleichbares Vergnügen wie bei einem guten Rollenspiel. Daher ist es wichtig, dass der Autor sich in dem Rollenspieluniversum auskennt und vielleicht auch selber spielt. So kann er am besten auf die Erwartungen seiner Leser eingehen. Beispiele, was für Romane dabei herauskommen, wenn sie von Autoren geschrieben werden, die sich nur oberflächlich mit der Materie auskennen, gibt es leider genug.

Der beigefügten Biographie des Autors ist zu entnehmen, dass er sich sowohl im Shadowrun-Universum auskennt (er ist Mitautor eines Quellenbuches), als auch selber Rollenspieler ist. Dies ist dem Roman anzumerken. Leo Lukas hat für sein Erstlingswerk einen Erzählstil gewählt, den ich als „österreichisch“ bezeichnen möchte. Er benutzt viele Wörter und eine Grammatik, die mir als hochdeutsch geprägten Leser den Roman nicht gerade leicht lesbar machen. Dadurch schafft Lukas aber eine Atmosphäre, die einen wirklich nach Österreich versetzt und man nicht die ganze Zeit das Gefühl hat, der Roman könnte genauso gut irgendwo anders spielen, z. B. im Ruhrgebiet. Atmosphärisch und in seiner Beschreibung der Handlungsorte ist der Roman sehr gut gelungen.Dagegen sind leider die Figuren des Romans zu blass geraten. Die Beschreibung bleiben schablonenhaft und haben keinesfalls die Plastizität der Handlungsorte. Das beste Beispiel hierfür ist eine der wichtigsten Personen des Romans, der junge Ork Pepi (ich glaube, nur ein Öster-reicher kann auf die Idee kommen, einen Ork Pepi zu nennen). Wenn nicht öfters erwähnt würde, dass Pepi ein Ork ist, wäre er für mich eigentlich nur ein kleiner, einfältiger Junge mit einer besonderen Gabe, die ich jetzt natürlich nicht verraten werde. Vielleicht ist mein Orkbild auch nur zu festgefahren, aber welchen Sinn hat es, einen Ork in die Handlung einzuführen, wenn er nicht den typischen Merkmalen seiner so sympathischen Rasse entspricht? Meiner Meinung nach keinen. Auch die anderen Personen, wie der Alte Donner oder Escher bleiben sehr blaß. Mir war während des ganzen Romans nie ganz klar, warum dieser alte versoffene Magier, Donner, den Straßensamurai Superfritz durch halb Österreich verfolgt. Simple Rache erscheint mir als Grund etwas dünn, dafür ist der Aufwand zu hoch, wenn man bedenkt, dass die beiden schon öfters aneinander geraten sind. Im Vergleich zu diesen Hauptpersonen sind die Nebenfiguren sehr viel besser geraten. Der taubstumme Magier Oropax oder der Rock N‘ Roll liebende Wassergeist sind sicher zwei der schönsten Figuren, die mir bisher in Shadowrun-Romanen begegnet sind.

Die Handlung ist nicht unbedingt sehr originell, aber gut und solide erzählt, so dass beim Lesen des Roman bei mir nie Langeweile aufkam. Für einen ersten Roman ist „Wiener Blei“ wirklich gut geraten.

Für Shadowrun-Fans ist diese Buch sicher zu empfehlen, handelt es sich doch um den ersten typisch deutschen Roman, wenn ich den Begriff deutsch jetzt mal großzügig auf Österreich ausdehne (die Alpers-Roman nehme ich hier mit voller Absicht heraus). Für Leser, die sich mit Shadowrun nicht so gut auskennen, wird sich das Vergnügen in Grenzen halten. Durch ein Glossar und eine kurze Einführung wird der Einstieg aber erleichtert.

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