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Rezensionen

Simone de Beauvoir – Alle Menschen sind sterblich

Alle Menschen sind sterblichRowohlt Taschenbuch Verlag, TB 11302
Titel der Originalausgabe: »Tous les hommes sont mortels« (1946)
aus dem Französischen von Eva Rechel-Mertens
Reinbek bei Hamburg, 1997, 12.90 DM, 312 Seiten

Als die französische Autorin Simone de Beauvoir (1908-1986) im Jahre 1946 den Roman „Tous les hommes son mortels“ (dt. „Alle Menschen sind sterblich“) schrieb, war der Begriff „Science Fiction“ bereits geprägt, doch paßte er in seiner damaligen Auslegung (die noch sehr stark auf die naturwissenschaftliche Seite der Literatur pochte) kaum auf den vorliegenden Roman. Und dabei ist das Hauptthema des Romans die Unsterblichkeit, und heutzutage wird er in den bekannteren Lexika der Science Fiction („Encyclopedia of Science Fiction“, P. Nicholls, J. Clute; oder auch „Lexikon der Science Fiction Literatur“, H.J. Alpers, W. Fuchs, R.M. Hahn, W. Jeschke) auch durchaus dem Genre zugerechnet.

Wie der Titel schon erahnen läßt, befaßt sich „Alle Menschen sind sterblich“ mit dem Thema „Unsterblichkeit“. Ein uraltes Thema der Menschheit, daß u.a. schon im Alten Testament in Form der Langlebigkeit von Methusalem (der angeblich 969 Jahre alt wurde), und der Unsterblichkeit der Seele aufgegriffen wurde. Ahasver, der Ewige Jude, wurde aber nicht mit dem ewigen Leben belohnt, sondern dazu verdammt, bis zur Wiederkehr von Jesus ruhelos auf der Erde zu wandeln… Ist die Unsterblichkeit also ein Fluch? Verspricht deshalb der Buddhismus dem Gläubigen am Ende das „Nirvana“ – das Ende der bewußten Existenz?

In der Tat ist in der Vielzahl der bekannten Umsetzungen dieser Idee die Verneinung des Todes meist etwas, daß dem normalen Menschen verborgen bleibt, oder aber zu einer Veränderung des Menschen führt. In Robert Silverbergs Roman „Bruderschaft der Unsterblichen“ („The Book of Skulls“, 1972) ist die Unsterblichkeit nur durch Entbehrungen zu erreichen und nur in einem einsamen Kloster in strenger Askese möglich, während in »Starplex« von Robert J. Sawyer klar wird, daß ein langes Leben und der Lauf der Jahrhunderte den Menschen völlig verändert.

Ausnahmen sind z.B. die Science Fiction Heftserie „Perry Rhodan“ in der der Tod des Titelhelden durch einen „Zellaktivator“ verhindert wird. Jedoch dient dies nur dazu, um eine Reihe von wiederkehrenden Charakteren in der Serie quasi körperlich und geistig „fit“ für die zu schildernden Abenteuer zu halten. Eine Auseinandersetzung mit den zu erwartenden Auswirkungen auf die Person findet nicht, oder nur sehr selten statt.

Doch nun endlich zu Simone de Beauvoirs Roman. Die junge und ehrgeizige Schauspielerin Regine lebt im Frankreich der 40er Jahre. Sie hat große Pläne für ihr Leben und ihre Karriere, und sie hat auch den eisernen Willen um um jeden Preis ihre Ziele zu erreichen. Doch all das ändert sich, als sie den scheinbar verrückten Raymond Fosca bei einem Gastspiel in der Provinz kennenlernt. Dieser junge Mann ist das genaue Gegenteil von Regine, denn er negiert geradezu das Leben, daß sie mit aller Kraft und Lebenswillen nützen will.

Sie begeht den Fehler sich näher mit Fosca zu befassen, und tatsächlich schafft sie es Fosca ein wenig Lebensenergie und Schwung einzuhauchen. Sie läßt sich von ihm bewundern, doch viel zu spät bemerkt sie, daß in seiner Nähe ihr Leben sinnlos zu werden beginnt – denn Raimondo Fosca ist unsterblich. Geboren im Jahre 1279 in der Stadt Carmona in Italien stieg er nach einer Reihe von Putschen zum Herren der Stadt auf. Als Herzog regierte er die Stadt und versuchte für Wohlstand zu sorgen. Doch es kommt zu einer Belagerung der Stadt, und um seiner Stadt für immer dienen zu können, läßt er nach einem Mittel gegen den Tod suchen. Und tatsächlich findet sich ein alter Mann, der ihm einen Trank verkauft, der ihn unsterblich macht. Nun scheinen alle Ziele greifbar zu sein!

Doch Fosca erkennt in den nächsten Jahren und Jahrzehnten, daß er als Herrscher allein nicht für das Wohl seiner Stadt sorgen kann. Seuchen brechen aus, Kriege werden ausgefochten, doch an den Problemen ändert sich wenig… Und so bricht Fosca auf um mehr Macht zu erlangen, um endlich den Menschen den Frieden bringen zu könnnen. Als Berater von Karl V. hat er jedoch genauso wenig Erfolg. In Europa wüten die Glaubenskriege und in den neuen Kolonien in Amerika werden Abertausende von Indianern in Karls Namen und doch gegen seinen Willen abgeschlachtet.

Deprimiert zieht sich Fosca nun noch mehr zurück und beginnt sich zu verändern. Er durchwandert Amerika und kämpft in der franzözischen Revolution und bleibt doch allein und einsam. Sein Ehrgeiz ist längst einer Gleichgültigkeit gewichen…

„Alle Menschen sind sterblich“ ist für mich der beeindruckenste Roman, den ich je zum Thema Unsterblichkeit gelesen habe. Simone de Beauvoir schildert die Figur des Fosca in einer so überzeugenden Art und Weise, daß man im Laufe des Buches selbst glaubhaft miterleben kann, wie sich sein Geist verändert und alle seine Wünsche und Sehnsüchte verlöschen. So schwer es auch zu Beginn fällt in Raymond Fosca den ehrgeizigen Herzog Raimondo zu erkennen, so bleibt die Autorin sich selbst und ihrer Figur doch stets treu. Und tatsächlich wird man mit der Zeit selbst zu Tränen gerührt sein, wenn man sieht, was die Zeit dem unsterblichen Menschen Fosca antut. Wie sein Ehrgeiz austrocknet und seine Lebensfreude erstickt – und auch die seiner sterblichen Begleiter. Zwar bleiben ihm kurze Augenblicke der Freude, doch sind diese viel zu selten. Der Roman ist dabei aber keineswegs wortlastig, oder gar langweilig. Er ist ebenso bunt und aufregend wie die Jahrhunderte, die Fosca durchstreift, und voller lebendiger Geschichte und Menschen! Es ist traurig, daß dieser Roman ein vom normalen SF-Leser so unbeachtetes Dasein führt. Vielleicht aber kann ja diese Vorstellung ein wenig daran ändern…

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