Terry Pratchett – Night Watch

Night Watch

Doubleday, Hardcover
ISBN 0-385-60264-2
Originalausgabe
Titelillustration von Paul Kidby
London 2002, 17,99 £, 364 Seiten

Wie der Titel schon andeutet (und auch die sehr hübsche Parodie des Rembrandt-Gemäldes ‚Die Nachtwache‘ auf dem Cover verdeutlicht), dreht sich dieser Discworld-Roman wieder um die Wache von Ankh-Morpork, aber vor allem um die zentrale Figur Samuel Vimes.

Dessen Frau Sybil erwartet gerade ihr erstes Kind, während Vimes hinter einem ausgefuchsten Mörder her ist, der auch schon mehrere von Vimes‘ Kollegen auf dem Gewissen hat. Unglücklicherweise kommt es ausgerechnet auf dem Dach der Bibliothek der ‚Unseen University‘ zur Festnahme – einem Ort, an dem Raum und Zeit bekanntermaßen nicht am stabilsten sind. Durch eine Verwerfung in der Raumzeit (die aber zum Glück nicht à la Star Trek ausführlich ‚erklärt‘ wird) wird Vimes zusammen mit dem Mörder in die Vergangenheit transportiert – und zwar 30 Jahre zurück, zum Vorabend der Revolution in Ankh-Morpork und in eine Zeit, in der der junge Samuel Vimes gerade erst seinen Dienst als Polizist angetreten hatte.

Mit wachsendem Unwohlsein liest man die Passagen, in denen Vimes langsam dämmert, was passiert ist, die Minuten, in denen ihm klar wird, daß er so schnell nicht nach Hause zurückkommen wird. Man erahnt den Alptraum, in dem er sich befindet. Doch Vimes wäre nicht Vimes, wenn er nicht – wacker und anständig wie immer – versuchen würde, das Beste aus seiner Situation zu machen. Dies stellt sich allerdings als zunehmend schwierig heraus: Nicht nur muß er seinem jüngeren Ich die Grundlagen der Polizeiarbeit sowie der Moral und Ehrenhaftigkeit beibringen, die den älteren Vimes auszeichnen, er sieht sich außerdem vor die Aufgabe gestellt, die Revolution mit möglichst wenig Blutvergießen durchzustehen. Dabei schwebt über allem drohend die Frage: Wird die Zukunft, in die Vimes so sehnlich zurückkehren möchte, noch dieselbe sein, wenn er in der Vergangenheit seiner Überzeugung folgt und die Revolution möglichst unblutig zu gestalten versucht? Ist Vimes noch der, der er sein will, wenn er es nicht tut, nur um die Zukunft nicht zu verändern?

Als ob all das nicht schon genug wäre, muß Vimes außerdem noch den Mörder fangen, der sich ebenfalls in der Stadt herumtreibt – denn der hat schnell herausgefunden, daß es ja durchaus genügen würde, den jüngeren Vimes umzubringen, um auf diese Weise auch gleich den älteren loszuwerden.. Die Story ist spannend und mit vielen Wendungen erzählt, macht Spaß und zeigt – wie so oft bei Pratchett – auch viel Menschliches und Allzu-Menschliches auf. Gleichzeitig ist es höchst amüsant, einen Einblick in die Vorgeschichte vieler altbekannter Gesichter zu bekommen: Ob es sich nun um Nobby oder Dibbler handelt, es macht einfach Spaß, sie besser kennenzulernen und ihre jüngeren Alter Egos zu treffen. Ein besonderes ‚Schmankerl‘ ist hierbei eindeutig der junge Lord Vetinari, der seine hervorstechendsten Charakterzüge unzweifelhaft schon in seiner Jugend besaß…

Nachdem sowohl ‚The Truth‘ als auch ‚Thief of Time‘ durchaus Längen aufwiesen und zwar nett zu lesen, aber kein wirklich großer Wurf waren, findet man hier nun endlich wieder einen durchgehend spannenden, witzigen und interessanten Discworld-Roman vor, den man keine Minute aus der Hand legen möchte. Gratulation, Mr. Pratchett!