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Spielekritiken

Neverwinter Nights 2

Gute PC-Spiele und gute Bücher haben etwas gemeinsam: Man möchte sie immer wieder durchspielen bzw. lesen. Nur haben die Spiele dabei einen großen Vorteil. Während im Buch immer dasselbe steht, kann sich das Spiel völlig anders entwickeln, wenn man sich beim zweiten Mal andere Entscheidungen trifft. Dies trifft ganz besonders für Rollenspiele zu, die eine völlig andere Richtung nehmen können, je nachdem, ob man seine Rolle eher gut oder eher böse ausrichtet. Oder auch einfach dadurch, dass man beim zweiten Mal eine andere Klasse bzw. Rasse wählt. Bestes Beispiel sind Rollenspiele, die trotz ihres Alters auch heute noch ihre feste Fangemeinde haben: Die »Baldurs Gate«-Reihe zum Beispiel oder die beiden Teile von »Knights of the old Republic«. Für diese beiden Reihen sind die Macher von Bioware und Obsidian zuständig gewesen. Kein Wunder also, dass die Gemeinde der Rollenspieler sehnsüchtig dem Erscheinen des zweiten Teils von »Neverwinter Nights« entgegenfieberte, bei dem statt Bioware Obsidian die Verantwortung trug, die für Bioware bereits den zweiten Teil von »Knights of the old Republic« entwickelt haben.
Neverwinter Nights 2
Der erste Teil war trotz aller Schwächen vor allem in einem Punkt wegweisend: Der extrem mächtige Editor, mit dem sich Spieler eigene Module erstellen konnte, in denen sie zusammen mit Mitspielern eigene Abenteuer erleben konnten. Damit wurde zum ersten Mal der große Vorteil der Pen & Paper Rollenspiele, wie »Das schwarze Auge« oder »Dungeons & Dragons«, auf den PC übertragen. Nämlich zusammen mit einer Gruppe Freunde ein selbst geschriebenes Abenteuer zu erleben, bei dem man selbst den Spielleiter machen kann. Daneben steht und fällt aber natürlich gerade ein Rollenspiel mit der präsentierten Geschichte und da gab es für den zweiten Teil einiges wieder gutzumachen, zumal Rollenspielfreunde in letzter Zeit bei dem Part nicht gerade verwöhnt wurden, da sowohl Oblivion als auch Gothic 3 zwar mit einer riesigen Welt glänzen konnten, aber bei beiden die Storyline als zu dünn kritisiert wurde.

NWN2 basiert auf den aktuellen Dungeons&Dragons-Regeln 3.5, was auch diesmal wieder bedeutet, daß man sich, bevor man endlich mit dem eigentlichen Spiel loslegen kann, gehörig Gedanken über die zu spielende Rasse, die Klasse und die beste Verteilung der Talentpunkte machen muss. Spieler, die »Baldurs Gate« oder den ersten Teil kennen, werden damit sicher keine Probleme haben, wer aber bisher nur Rollenspiele a la Gothic 3 kennt, wird anfangs etwas überfordert sein. Das Minihandbuch, das der DVD beiliegt, ist da auch nicht sehr hilfreich, am besten druckt man sich gleich das PDF-Handbuch aus, das erheblich ausführlicher ist. Dafür sind allerdings die Kombinationsmöglichkeiten für einen Charakter enorm, angefangen bei den Rassen, bei denen nicht nur die üblichen Standardrassen, Elfen, Zwerge, Halblinge, Menschen, Gnome, zur Verfügung stehen, sondern auch noch Unterrassen ausgewählt werden können, die das Rassenspektrum noch mal ausweiten. Dabei ist die Rassenwahl nicht nur eine optische Frage, sondern wirkt sich auch direkt auf die Attribute aus. Manche Rassen sind so stark, dass sie zum Ausgleich Einschränkungen beim Stufenaufstieg haben, sie steigen langsamer auf als andere Rassen Auch bei den Klassen sind die Auswahlmöglichkeiten sehr groß, neben den Grundklassen, vom Waldläufer bis zum Hexer, gibt es noch weiterführende Prestigeklassen, die erst später im Spiel gewählt werden können, wenn der Spieler die Voraussetzungen erfüllt. Auch dies sollte man beim Verteilen der Talentpunkte bedenken, mit denen man die Ausrichtung seines Charakters noch weiter beeinflussen kann. Wer darauf aber keine Lust hat, kann auch zu einem der vorgefertigten Talentpakete greifen.

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Wenn man dann endlich das Spiel selbst begonnen hat, wird sehr schnell klar, dass hier vor allem eine Geschichte erzählt wird. Die Welt ist nicht frei erkundbar wie in Oblivion oder Gothic 3, sondern man folgt mehr den durch die Geschichte vorgegebenen Wegen. Abweichungen davon sind zwar durch Nebenquests möglich, aber es ist nicht möglich, die Geschichte völlig zu ignorieren, wie eben in Gothic oder Oblivion.

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Wenn man mal mit zwei verschiedenen Charakteren spielt, fällt sofort auf, wie die Wahl der Rassen und der Klasse sich auf die Interaktion mit den NPCs (Nichtspielercharaktere) auswirkt. Je nach Rasse können Leute positiv oder misstrauisch auf einen reagieren. Endlich kann man auch wieder eine ganze Gruppe leiten. Während man im ersten Teil nur mit seinem Hauptcharakter und einigen Gefolgsleuten losgezogen ist, die man nicht selbst steuern konnte, kann jetzt wieder mit echten Gefährten losziehen, die ebenfalls in den Stufen aufsteigen und ausgerüstet werden wollen. Bei diesen Gefährten sollte man auch tunlichst aufpassen, wie man sie behandelt, da dieses darauf reagieren und man seinen Einfluss auf sie verlieren kann. Diese Gefährten können auch für die weitere Handlung wichtig sein, einige Quests werden sogar erst zugänglich, wenn man einen gewissen Einfluss auf den jeweiligen Begleiter hat, also den Zwerg besser nicht zu sehr verärgern.

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Leider zeigt gerade dieses Gruppenspiel eine große Schwäche von NWN2. So ist die Benutzeroberfläche nicht gerade optimal gebaut dafür. Solche Sachen wie Formationen für die Gruppe oder auch nur alle Gruppenmitglieder auf einmal auswählen fehlen ganz. Auch einfache Befehle wie Stehen bleiben kann man seinen Gefährten nur sehr umständlich geben. Bei den ersten einfachen Abenteuern und Kämpfen fällt das noch nicht sonderlich ins Gewicht, im späteren Verlauf können die Kämpfe dadurch aber etwas chaotisch und schwer zu organisieren sein.

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Trotz dieser Nachteile bekommt man hier extrem viel Rollenspiel geboten und das auch noch auf eine so sympathisch altmodische Art, dass man über die Fehler gerne hinwegsieht und sich nach den alten Klassikern wie »Baldurs Gate« oder »Icewind Dale« endlich mal wieder wie zu Hause fühlt. Es gibt Retro-Wellen, auf die man sich einfach freuen kann. Die Rückkehr des alten PC-Rollenspiels gehört definitiv dazu. Und da etwa mit DAS: Drakensang bereits wieder so ein Spiel in der Entwicklungsphase ist, muss man auch keine Angst haben, dass damit so schnell wieder vorbei ist. Bei einem Erfolg von NWN2 sowieso nicht. Durch die Möglichkeiten für eigene Abenteuer mit dem beiliegenden Editor dürfte diesem Spiel eine ebenso lange Lebenszeit wie dem ersten Teil beschieden sein. Nach 4 Jahren ist hier die Spielerszene immer noch extrem aktiv und entwickelt kräftig Module dafür. Beim zweiten Teil wird es wohl kaum anders kommen.

»Neverwinter Nights 2« ist sicher kein PC-Spiel für eine schnelle Runde zwischendurch. Wer aber bereit ist, sich hier ein wenig einzuarbeiten, wird mit langen schönen Rollenspielstunden belohnt.

Making of »Neverwinter Nights 2«

Quelle (Film&Bildmaterial): WaytoBlue

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