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Filmkritik

Filmkritik: »Deadpool« (2016) – Kein Superheld, aber Humor

Kinoposter DeadpoolNachdem die Marvel-Studios zuletzt mit ANT-MAN (2015) einen Helden wider Willen auf die Leinwand gebracht haben, folgt nun DEADPOOL, der dem Begriff Antiheld eine neue Dimension verleiht. Schon im Vorfeld gab es zahlreiche Diskussionen, ob Ryan Reynolds nach seinem Deadpool-Debüt in X-MEN ORIGINS: WOLVERINE (2009) oder dem in den Sand gesetzten GREEN LANTERN (2011) wirklich die geeignete Besetzung sei, bis zur Debatte über eine mögliche PG-13-Altersfreigabe, denn jugendtauglich ist Deadpool nun wirklich nicht. Als dann durchsickerte, dass der Film mit einem, für eine Comicverfilmung, relativ kleinen Budget von nur $ 58 Mill. auskommen (ANT-MAN hatte $ 130 Mill. zur Verfügung) sollte, waren die Bedenken groß. Das änderte sich, als 2014 Testaufnahmen im Internet auftauchten und die Fangemeinde aufatmen ließen. Vielmehr war die große positive Resonanz der Anhänger, neben Ryan Reynolds persönlichem Engagement, mit ein Grund weshalb Bewegung in das Projekt kam. Erzählerisch ignoriert diese Verfilmung das Leinwanddebüt in X-MEN ORIGINS: WOLVERINE, denn Produzentin Lauren Shuler Donner wollte nahe am Comicvorbild bleiben und ein Reboot starten.

Der ehemalige Soldat einer Spezialeinheit und jetzige Söldner Wade Wilson (Ryan Reynolds) vertreibt sich die Zeit mit gelegentlichen Aufträgen, Abenden in der Bar seines einzigen Freundes Weasel (T. J. Miller) und viel Sex. Als er die Stripperin Vanessa (Morena Baccarin) kennenlernt, scheint er mit dieser seine Seelengefährtin gefunden zu haben, bis das junge Glück von Wades Krebsdiagnose getrübt wird. Nach anfänglichem Zögern entschließt er sich auf ein Experiment der Weapon X Organisation unter der Leitung von Dr. Francis/Ajax (Ed Skrein) einzulassen, da ihm diese Heilung von seiner Erkrankung verspricht. Weapon X hat schon andere Mutanten wie Wolverine hervorgebracht, doch auch bei Wade Wilson ist man nicht an seiner Genesung interessiert, sondern an dessen Verwendung als potentielle Waffe. Nachdem Dr. Francis mit sadistischen Versuchen eine Mutation auslöst, gelingt es Wade nach einem Kampf aus dem zerstören Labor zu fliehen. Der nun geschaffene Deadpool, schwört Rache an seinem Schöpfer zu nehmen.

 

In den letzten Jahren war die Darstellung vieler Superheldencharaktere zwar wesentlich differenzierter und ging über frühere eindimensionale Darstellungen hinaus, wie sie bis in die frühen 1990er-Jahre üblich waren, doch Wade Wilson/Deadpool unterscheidet sich deutlich vom üblichen Mutanten. Mit seinem Dachschaden und seinem ausgeprägtem erratischen Wesen, gehört er zu den interessantesten Comic-Charakteren überhaupt. So ist er nicht nur ein kecker Schürzenjäger, darüber hinaus flirtet er gelegentlich auch mit dem eigenen Geschlecht und Co-Creator Fabian Nicieza beschrieb Deadpool schon vor einiger Zeit als pansexuell. Er pfeift auf Konventionen, weigert sich ein guter Superheld zu werden und widersetzt sich – sehr blutig – vehement den Rekrutierungsversuchen der X-Men, nur um später doch wieder deren Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Regisseur Tim Miller1) legt mit DEADPOOL nicht nur ein furioses Spielfilmdebüt hin, sondern auch für seine weiteren Projekte die Latte ziemlich hoch. Ihm gelingt ein flott inszenierter Streifen, der eine gelungene Mischung aus aberwitzigen Dialogen ist, gepaart mit exzellent choreographierten Actionsequenzen, die sich – im Gegensatz zu manch anderer FX-lastiger Verfilmung – perfekt in die Erzählung einbetten und diese nicht erschlagen. Deadpool wird nicht umsonst „Merc with a Mouth“ genannt und die beiden Drehbuchautoren Rhett Reese und Paul Wernick konnten, wie schon zuvor bei ZOMBIELAND (2009), ihr Talent für skurrilen Humor unter Beweis stellen. Die Sexszenen bedienen genauso wenig wie die vulgäre Sprache und die Brutalität den Voyeurismus des Zuschauers, sondern sind integraler Bestandteil von Wades und Deadpools Psyche. Ob schwarzer Humor, sarkastische Schenkelklopfer oder ironische Verweise auf die eigene Comicvergangenheit, der Rogue Hero kann gut austeilen, aber auch einstecken.

Reynolds spielt seinen Wade Wilson mit viel verschrobener Ironie und begeistert danach als Deadpool mit überdrehtem Sarkasmus. Er überzeugt mal mit subtilem, dann wieder mit derbem Mundwerk und seine Körpersprache pendelt zwischen Pausenclown und coolem Actionheld. Man merkt, dass Ryan Reynolds mit seiner Figur sichtlich Freude hat und zelebriert dies ausgiebig. Sämtliche Zweifel sind nach dem Flop von GREEN LANTERN weggewischt, denn Reynolds hat sich als Idealbesetzung für die Verfilmung herausgestellt. In diesem Sinne ist die OV- oder OmU-Fassung ans Herz zu legen, da – nach Vergleich des OV- und DF-Trailers – manches „lost in translation“ zu sein scheint.

Ed Skrein legt als Dr. Francis/Ajax einen glaubwürdigen Bösewicht hin genauso wie die Mutantin Angel Dust, verkörpert von Gina Carano. Letztere konnte ihre Martial-Arts-Fähigkeiten bereits in Seven Soderberghs HAYWIRE (2011) unter Beweis stellen. An Deadpools Seite steht – Colossus (Andre Tricoteux), der im Gegensatz zu den X-Men-Filmen diesmal nicht von Daniel Cudmore verkörpert wurde. Regisseur Tim Miller wollte seinen Colossus via Motion Capturing komplett animiert in Erscheinung treten lassen was für Cudmore offenbar zu wenig Leinwandpräsenz bedeutete. Auch anders als bisher, hat dieser Colossus – wie in der Comicvorlage – einen russischen Akzent. Weitere Verstärkung kommt in Form von Negasonic Teenage Warhead, die – eher ausdrucksschwach – von Brianna Hildebrand gespielt wird.
Deadpools Freundin Vanessa wird von Morena Baccarin dargestellt, vielen SF-Fans bekannt aus Serien wie FIREFLY, STARGATE, V – DIE BESUCHER, THE FLASH oder GOTHAM. Ihre Vanessa ist kein schmückendes Beiwerk, sondern eine Frau, die mit beiden Beinen auf den Boden steht und Wade Wilson sowohl intellektuell als auch sexuell auf Augenhöhe (und manchmal auch von hinten) begegnet.

Hans Zimmer-Protegé Junkie XL (Tom Holkenborg) komponierte die Musik, die den Film zwar gut untermalt, aber nicht an den herausragenden Score von MAD MAX: FURY ROAD heranreicht. Im Gedächtnis bleiben dynamische Tracks wie Twelve Bullets oder Maximum Effort, letzterer erinnert an Michael Jacksons Beat it und Brad Fiedels Tunnel Chase aus TERMINATOR (1984). Ergänzt wird der musikalische Background mit hartem Rap, unter anderem von DMX und Pop-Perlen wie Whams Careless Whisper (!) oder Juice Newtons Angel Of The Morning; eine skurrile Mischung, die nur bei Deadpool Sinn ergeben kann.

DEADPOOL ist zwar offizieller Teil der X-MEN-Reihe, doch die Entstehungsgeschichte war nicht unproblematisch. 2005 wurden die Rechte von 20th Century Fox übernommen, doch es dauerte bis 2010, bis ein erster Drehbuchentwurf in Auftrag gegeben wurde. Dem Studio war die Figur zu wenig massentauglich und zu polarisierend, von daher wurde DEADPOOL auf der Prioritätenliste nach hinten gereiht. Dass sich die Fox-Studios mit dem Stoff nicht hundertprozentig sicher waren, zeigt auch, dass das Budget mit $ 50 Mill. für eine Comicverfilmung sehr limitiert war. Ursprünglich waren mehr Charaktere aus dem Marvel-Universum geplant, auf die aus Kostengründen dann verzichtet wurde. Deadpool nimmt das sogleich als Anlass um die „Vierte Wand“ zu durchbrechen und auf die Einsparungen des Studios durch CGI-Verzicht hinzuweisen. Der Spardruck mag am Ende dem Film sogar zu Gute gekommen sein, denn dadurch kann das Drehbuch seine Stärken ausspielen und der Hauptprotagonist eine gelungene One-Man-Show abliefern.

Den einen oder anderen Zuschauer mag der wenig exzessive und sichtbare Einsatz von Superkräften enttäuschen, letztendlich tut das dem Filmgenuss aber keinen Abbruch. Die Tricks sind mitunter subtil aber wirkungsvoll eingesetzt wie zum Beispiel bei Deadpools Maske. Um seiner Figur mehr Ausdruck zu verleihen, wurde der Bereich um die Augen bei Nahaufnahmen sehr überzeugend animiert. Die Spezialeffekte leiden übrigens keineswegs unter dem Budget, diese sind auf gegenwärtigem Hollywoodniveau, die gewählten Kräfte der Mutanten schlagen einfach weniger kostenintensiv zu Buche, genauso wie – ausgenommen Ryan Reynolds – die Gagen der Schauspieler.

Obwohl Deadpool beim europäischen Publikum wenig bekannt ist, sollte – trotz FSK 16 – ein Box-Office-Ergebnis in der Höhe von ANT-MAN oder mehr möglich sein. Analysten prognostizieren für Nordamerika zwischen $ 50 – 70 Mill. am ersten Wochenende, was für einen Film mit R-Rating ein sehr gutes Resultat wäre. Es bleibt zu hoffen, dass ein erfolgreicher DEADPOOL bei den Studiobossen ein Umdenken zu mehr Mut und Risiko bewirkt. Bemerkbar wird sich beim weltweiten Einspielergebnis auf alle Fälle das Fehlen von China, dem zweitgrößten Kinomarkt der Welt, machen, denn dort darf der Film wegen zu viel nackter Haut und Gewalt nicht gezeigt werden.

DEADPOOL hätte durchaus als Rohrkrepierer enden können, doch dank eines talentierten und engagierten Teams ist daraus ein Film geworden, der den Mainstreamkinobesucher ansprechen und die Fanbase begeistern wird.

»DEADPOOL« (2016)
Originaltitel: Deadpool
Regie: Tim Miller
Start: 11. Februar 2016
Länge: 107 Minuten
FSK DE: 16
Zensur AT: ab 16 Jahren
Verleih DE + AT: 20th Century Fox
Facebookseite: https://www.facebook.com/DeadpoolMovie/

1) Tim Millers nächstes Projekt wird die Verfilmung von Joe Haldemans Science-Fiction-Novelle SEASONS sein.

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