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Klassiker (bis 1990)

Die totale Erinnerung – Total Recall (1990)

Die Kurzgeschichte »We can remember it for you wholesale« von Philip K. Dick (1928-1982) erschien im April 1966 in Magazin Fantasy & Science Fiction und war 1966 für den NEBULA-Award nominiert. Zu dieser Zeit schrieb Philip K. Dick nur noch wenige Kurzgeschichten – er hatte sich im Grunde längst auf das finanziell lukrativere Verfassen von Romanen verlegt. 1966 entstanden auch zwei seiner bekanntesten Romane »Do Androids Dream of Electric Sheep?« (die Vorlage für Ridley Scotts »Blade Runner«) und »Ubik«, die allerdings erst zwei bzw. drei Jahre später veröffentlicht wurden.

In »We can remember it for you wholesale« (der Titel ist eine Anspielung auf das Musical »I can get It for you wholesale«) erzählt Philip K. Dick die Geschichte von Douglas Quail, der davon träumt einmal den Mars zu besuchen. Doch als einfacher Angestellter sind seine Chancen, dass sich sein Wunsch jemals erfüllen wird, gleich Null: der Mars ist nur wenigen Personen und den Agenten von Interplanar zugänglich. Philip K. Dick schafft es schon zu Beginn mit wenigen Worten Douglas als verbitterten, unzufriedenen Menschen zu schildern, vergisst dabei aber auch den Wortwitz nicht: »I will go, he said to himself. Before I die I’ll see Mars. It was, of course, impossible, and he knew this even as he dreamed. But the daylight, the mundane noise of his wife now brushing her hair before the bedroom mirror everything conspired to remind him of what he was. A miserable little salaried employee, he said to himself with bitterness. Kirsten reminded him of this at least once a day and he did not blame her; it was a wife’s job to bring her husband down to Earth. Down to Earth, he thought, and laughed. The figure of speech in this was literally apt.«

Arnold Schwarzenegger in Total Recall

Schließlich wendet sich Douglas Quail an das Unternehmen Rekall Inc., das ihm die Erinnerung an einen Marsbesuch und ein Abenteuer als Geheimagent verspricht. Doch schon bei der Sedierung mit einem Beruhigungsmittel als Vorbereitung für die Erinnerungsimplantation geschieht das Überraschende: Douglas Quail erinnert sich plötzlich daran bereits als geheimer Agent der Regierung auf dem Mars gewesen zu sein… Noch während er mit seinen zurückkehrenden Erinnerungen kämpft, wird Douglas Quail zum Gejagten von Interplanar, denn man will verhindern, dass Quail alle Erinnerungen an seine Marsmission zurückerhält. Und wie sich schließlich herausstellt, sind das nicht die einzigen Erinnerungen, die in Douglas Quails Kopf schlummern.

Arnold Schwarzenegger in Total Recall

1974 las Drehbuchautor Ronald Shusett die Geschichte und er war so begeistert, dass er sich die Option auf die Filmrechte von Philip K. Dick für 1.000 Dollar sicherte. »I knew it would make an incredible movie«, sagte er später zu dieser spontanen Entscheidung. Zusammen mit Dan O’Bannon, mit der auch das Drehbuch zu »Alien« verfasste, entstanden mehrere Drehbuchfassungen (schon von Anfang an trug das Script den Titel »Total Recall«), wobei das erste Drittel sich eng an die Vorlage hielten, aber dann die Hauptfigur Douglas Quail tatsächlich den Mars besuchte und dort schließlich das große Abenteuer erlebte: gejagt von anderen Agenten, kommt Quail mit den Marsmutanten in Kontakt und stößt auf eine Verschwörung. »The third act of the script was still difficult«, erinnert sich Ronald Shusett. Es war allen klar, dass das Drehbuch noch Probleme hatte.

Doch obwohl »Alien« ein großer Erfolg wurde, dauerte es bis Anfang der 1980er bis sich endlich ein Produzent fand, der »Total Recall« machen wollte. Zuvor hatten alle anderen Produzenten und Studios die Umsetzung als zu teuer eingestuft. Dino De Laurentiis war gerade dabei mit »Dune« ein anderes, lange herumgereichtes SF-Projekt auf die Leinwand zu hieven, und er übernahm deshalb auch das Problemkind »Total Recall«. Dino De Laurentiis dachte an Richard Dreyfuss für die Hauptrolle, aber David Cronenberg, der Regie führen sollte, wollte die Rolle des Douglas Quail lieber mit William Hurt besetzen. »Ich arbeitete etwa ein Jahr an dem Projekt und in der Zeit entstanden etwa zwölf neue Drehbuchversionen«, erinnert sich Cronenberg in einem Interview mit Wired, »irgendwann kamen wir aber an einen Punkt, an dem Ron Shusett mir sagte, dass ich das Projekt falsch angehen würde.« Während Cronenberg mehr von Philip K. Dick im Drehbuch sehen wollte, war Shusett überzeugt, dass der Film nur als eine Art Indiana Jones auf dem Mars eine Chance hätte. Und so wandte sich David Cronenberg schließlich von diesem Projekt ab und machte stattdessen »Die Fliege« (1986).

Zu diesem Zeitpunkt etwa bekam erstmals Arnold Schwarzenegger das Drehbuch »Total Recall« in die Hand, das auf der Suche nach einem neuen Regisseur in Hollywood herumgereicht wurde. Schwarzenegger beschloss, dass er unbedingt die Hauptrolle spielen wollte, aber De Laurentiis lehnte kategorisch ab: für ihn passte Schwarzenegger auf keinen Fall zu der Figur eines kleinen Angestellten. Mit Bruce Beresford als Regisseur wurde schließlich Patrick Swayze für die Hauptrolle engagiert. In einem Filmstudio in Australien begann man bereits Sets zu bauen, als dann schließlich das abrupte Aus durch den Bankrott von De Laurentiis Produktionsfirma kam.

Schwarzenegger sah die Chance und griff zu – er bat Mario Kassar von Carolco die Rechte an »Total Recall« für ihn von Dino De Laurentiis zu kaufen. Und so wechselte das Projekt für 3 Millionen Dollar das Studio. Arnold Schwarzenegger handelte dabei einen Vertrag aus, der ihm nicht nur ein Gehalt von 10–11 Million Dollar (und 15 % des Gewinns) zusicherte, sondern auch viel kreative Kontrolle über den Film gab: er durfte bei der Suche nach einem Regisseur, beim Drehbuch, bei der Besetzung und sogar bei der Promotion des fertigen Films mitreden.

»Well with Total Recall, it really was Arnold’s project. Arnold is such a progressive actor, he was always looking for projects he wanted to do, and would never just do a movie because the studio handed it to him«, sagte Paul Verhoeven (geb. 1938) in einem Interview. »Arnold had seen the work I had done on RoboCop, and asked me to direct, and it was such a fantastic story I had to say yes…« Und so übernahm der niederländische Regisseur Paul Verhoeven, der drei Jahre zuvor mit »RoboCop« einen Überraschungshit gelandet hatte, die Arbeit an »Total Recall«.

Paul Verhoeven am Set von Total Recall

Noch war das Problem des Drehbuchs nicht gelöst, das im letzten Drittel zerfaserte. Gary Goldman wurde angeheuert, um mit Ronald Shusett noch einmal daran zu arbeiten. Mehr Actionszenen sollten das Schwarzenegger-Publikum zufrieden stellen, aber es gelang schließlich die Geschichte auch zu einem logischen Schluss zu bringen, in dem Doug Quaid (hier wurde auch der Namen geändert), schließlich nicht nur dem Mars eine Atmosphäre gibt und so zum Helden wird, sondern auch angedeutet wird, dass vielleicht doch alles nur ein Traum aus dem Angebot von Recall war… »This was extremely innovative, coming from a Hollywood studio«, so Verhoeven, »To dare to say, Everything you see could be a dream, or everything you see could be reality, and we won’t tell you which is true – I thought that was pretty sensational.«

Paul Verhoeven, Arnold Schwarzenegger und Sharon Stone am Set von Total Recall



Die Dreharbeiten zu »Total Recall« fanden schließlich vom 20. März bis zum 23. August 1989 statt. Als Kameramann war der Deutsche Jost Vacano (u.a. »Das Boot«) im Team, der bereits an Verhoevens »Robocop« mitbeteiligt war. Die Szenen auf der Erde wurden zum größten Teil in Mexico City gedreht. Die Metrostation Chabacano und Universidad mit ihren großen Betonaufbauten lieferte die ideale Kulisse für die Flucht Quaids und die anschließende Verfolgungsjagd. Allerdings waren die Dreharbeiten in Mexico aufgrund des damals sehr starken Smogs sehr anstrengend für die Crew. Außerdem erkrankte fast die komplette Crew bis auf Arnold Schwarzenegger, der sich aufgrund seiner Erfahrungen bei der Dreharbeiten zu »Predator« einen eigenen Koch mitgebracht hatte und sich Lebensmittel aus den USA einfliegen ließ. Regisseur Paul Verhoeven wurde sogar so krank, dass er immer wieder medizinisch versorgt werden musste und Infusionen bekam, um überhaupt weiterdrehen zu können.

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»Total Recall« war einer der letzten grossen Hollywood-Filme, der für aufwendige Effektshots mit großen, gebauten Miniaturen arbeitete (so wurde ein Stück Marslandschaft in verkleinerter Form im Studio für einige Kamerafahrten nachgebaut), andererseits wurden hier aber auch erste aufwendigere CGI-Effekte eingesetzt (vor allem in der Szene mit der Röngtenschleuse).

Zuletzt vielleicht noch ein Blick auf die Filmkritik. DER SPIEGEL schrieb in seiner Ausgabe 31/1990 folgendes: »Der unzerstörbare Herr Schwarzenegger, fast völlig ohne die verspielten selbstironischen Momente aus seinen letzten Filmen, irrt stoisch durch einen streckenweise eher rätselhaften Plot, in dem er nicht nur attraktiven Killerinnen, freiheitsdurstigen Mutanten oder dem Diktator des Planeten Mars begegnet, sondern auch immer wieder seinem zweiten Ich.« Das internationale Kinopublikum beurteilte den Film anders und machte »Total Recall« mit Einnahmen in Höhe von 261 Millionen Dollar zu einem gigantischen Kassenerfolg. Zum ersten Mal war eine Verfilmung basierend auf Philip K. Dick im Kino zu einem Blockbuster geworden.

 

Link zur Titelsequenz:
http://www.artofthetitle.com/2008/04/01/total-recall/

Poster zu Total Recall

Poster zu Total Recall

Die totale Erinnerung – Total Recall
Originaltitel: »Total Recall«
Erscheinungsjahr 1990
Länge: 115 Minuten
Regie: Paul Verhoeven
Drehbuch: Ronald Shusett, Dan O’Bannon, Gary Goldman, Philip K. Dick
Produktion: Andrew G. Vajna, Mario Kassar
Musik: Jerry Goldsmith

Quellen: u.a. Wired, Wikipedia, IMDB, Total Recall: The Making Of

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  1. […] der falsche Erwartungen weckt. Denn wer sich eine Fortsetzung des bonbon-bunten SF-Kinofilms TOTAL RECALL (USA 1990, Regie: Paul Verhoeven) erwartet, wird schwer enttäuscht sein. Zwar drehen sich immer […]

  2. […] schon die zahlreichen Verfilmungen die auf seinem umfangreichen Werk basieren: »Blade Runner«, »Total Recall«, »Screamers«, »Impostor«, »Minority Report«, »Paycheck«, »Next«, »A Scanner Darkly«, […]

  3. […] und Romane von Philip K. Dick beruhen – so z.B. »Blade Runner«, »Impostor«, »Screamers«, »Total Recall«, »Minority Report«, »Paycheck«, »A Scanner Darkly« und »Next« – hat man sich nun auch […]

  4. […] Vorlage für eine Hollywood-Produktion. Unter anderem war er Autor für »Blade Runner« (1982), »Total Recall« (1990) und »Minority Report« […]

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